"Noch nie war Chinas Kirche so stark"

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Anfang Oktober waren es 50 Jahre, daß Mao Zedong auf dem Platz des "Himmlischen Friedens" in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hat. Im folgenden Gespräch schildert ein Chinamissionar aus diesem Anlaß die Lage der chinesischen Kirche und erläutert, warum es in China nicht wie im übrigen Ostblock zum Zusammenbruch des Kommunismus kam.

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Anfang Oktober waren es 50 Jahre, daß Mao Zedong auf dem Platz des "Himmlischen Friedens" in Peking die Volksrepublik China ausgerufen hat. Im folgenden Gespräch schildert ein Chinamissionar aus diesem Anlaß die Lage der chinesischen Kirche und erläutert, warum es in China nicht wie im übrigen Ostblock zum Zusammenbruch des Kommunismus kam.

dieFurche: Vor zehn Jahren, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und in der Sowjetunion, dachten viele, daß es auch in China bald soweit sein würde. Warum kam es anders?

Andreas Limbach: Mir scheinen unter vielen anderen Aspekten die folgenden wichtig zu sein: Die Sowjetunion hatte sich in Europa und Asien eine Reihe von ursprünglich zusammenhanglosen Völkern einverleibt oder in ihren Staatsverband gezwungen. Ein solcher erzwungener Völkerverband trug Keime der Zersetzung in sich. Dazu kam, daß im Gefolge der ungeheuren Ausgaben für die Rüstung die Wirtschaft total zerrüttet war. Die Unterversorgung des Volkes war nach 70 Jahren unerträglich geworden. In China dagegen, in dem 56 Nationalitäten (oder ethnische Minderheiten) miteinander leben, zeigen sich nur bei den Tibetern und Uighuren (Provinz Xinjiang) ein ausgeprägtes Nationalbewußtsein und seit Jahrhunderten zentrifugale Tendenzen. Die überwältigende Mehrzahl sind Han-Chinesen mit einem starken Bewußtsein nationaler und kultureller Zusammengehörigkeit.

dieFurche: Aber war die wirtschaftliche Lage Chinas nicht auch verheerend?

Limbach: Wirtschaftlich hatte China sich viel gesünder entwickelt als die Sowjetunion. Die Grundversorgung des Volkes hatte sich nach den Turbulenzen der Hungersnot in Folge des "Großen Sprungs" am Ende der fünfziger Jahre und dann während der Kulturrevolution von 1966 bis 1976 deutlich erholt. Die Studenten forderten 1989 zunächst nur eine Reform der Partei, ohne die Ideale des Kommunismus zu verwerfen. Diese wurden erst in Frage gestellt mit der Verhärtung der Positionen im Laufe der Demokratiebewegung und nach der gewaltsamen Unterdrückung der Bewegung am 4. Juni 1989.

dieFurche: Wie beurteilen Sie persönlich 50 Jahre Kommunismus in China?

Limbach: Am 1. Oktober, dem 50. Jahrestag der Ausrufung der Volksrepublik durch Mao Zedong, erinnern sich wohl viele Chinesen an die Begeisterung und Erwartung, die damals viele beseelte. Begeisterung, weil damals für sie eine 150jährige Geschichte der inneren Schwäche und der nationalen Erniedrigung zu Ende gehen sollte. Erwartung, daß nun alles anders und in China das Paradies anbrechen würde. Man wird sich des jugendlichen Optimismus erinnern, mit dem man daran ging, mit allem aufzuräumen, was man für die bittere Erfahrung der vorausgegangenen Geschichte verantwortlich machte ...

dieFurche: Aber bei diesem ursprünglichen Elan ist es ja nicht geblieben ...

Limbach: Man denkt auch an die Opfer, die man selber brachte und von der ganzen Gesellschaft forderte, um einen neuen Menschen in einer neuen Gesellschaft zu schaffen. Es war ein titanisches Unternehmen: radikale Neuordnung der Besitzverhältnisse, grundsätzliches Umdenken und daher Umerziehung nach Grundsätzen des sozialistischen Kommunismus. Massive Indoktrination, staatliches Erziehungsmonopol. Konformierung aller kulturellen Äußerungen im Dienst an der Staatsideologie. Unvorstellbare Anstrengungen, um das Land umzugestalten. Dann die Kampagnen, mit denen aller Widerstand ausgeschaltet werden sollte. Etwa die Kampagne "Laßt 100 Blumen blühen", mit der die Intellektuellen herausgelockt werden sollten, öffentlich Stellung zu beziehen, damit man sie hinterher ausschalten konnte. Man gedenkt wohl der Planungsfehler, die die Revolution in Frage stellten und unter denen Millionen Bürger verhungern mußten. Vor vielen werden Szenen der Großen Kulturrevolution wieder wach werden, die China in ein unvorstellbares und hoffnungsloses Chaos stürzen ließen. Und schließlich wird man aufatmend auf die jüngste Vergangenheit mit der Reform- und Öffnungspolitik Deng Xiaopings denken, überschattet allerdings von der 1989, also nach 40 Jahren der Volksrepublik, am gleichen Platz des Himmlischen Friedens, stattgefundenen brutalen Zerschlagung der Demokratiebewegung. Vieles hat sich seitdem verändert. Aber vor der Regierung und dem Volk türmen sich immer drängender Probleme, die auf eine Antwort warten.

dieFurche: Was hat diese schlimme Zeit für die Katholiken Chinas bedeutet?

Limbach: Zunächst einmal, daß sie auf alle kirchlichen Strukturen und alles kirchliche Leben, wie sie es gewohnt waren, verzichten mußten. Ihr Glaube wurde den härtesten Prüfungen unterworfen. Sie mußten zusehen, wie ihre Hirten zu Verbrechern erklärt, des Landes verwiesen wurden, jahrelang in Gefängnissen zubringen mußten, und wie viele, Hirten und Gläubige, ihr Leben lassen mußten, weil sie am Glauben an Gott und an der Treue zur Kirche festhalten wollten. Mit dem ganzen chinesischen Volk mußten sie härteste Zeiten durchstehen, materiell wie psychisch und spirituell. Wer in dieser Zeit noch am Glauben festhielt, tat es wirklich aus Überzeugung. Selbstverständlich haben viele in dieser Zeit im Glauben Schiffbruch erlitten (wer von uns in der bequemen, freien Welt könnte sie dafür anklagen!). Die ausgeharrt haben, sind selbständige, bewußte Christen geworden.

dieFurche: Unterscheidet sich der Glaubensweg chinesischer Christen von dem der Kirche im Westen?

Limbach: Die chinesischen Christen konnten nicht mitmachen, als die Kirche im Westen mit dem Zweiten Vatikanum anfing, neue Wege zu gehen. Die Kirche hat sich wirklich in China inkarniert. Obwohl bis heute die Kirche unterdrückt, verfolgt, kontrolliert wird, möchte ich sagen, daß sie in China noch nie so stark gewesen, so sehr ein kostbarer Schatz der chinesischen Christen gewesen ist. Man staunt immer wieder über den Einsatz der Gläubigen, wenn es darum geht, mit eigenen Kräften Kirchen zu renovieren oder neu zu bauen.

dieFurche: Immer wieder hört man von großen Zahlen an Erwachsenentaufen in China. Stimmt das?

Limbach: Das Interesse am christlichen Leben ist vielleicht noch nie so groß gewesen. Volle Kirchen, reger Sakramentenempfang, zwölf anerkannte und eine Reihe vom Staat nicht anerkannter Priesterseminare, Schwesternkonvente mit vielen jungen Ordensfrauen im ganzen Land, eine Reihe stark besuchter Wallfahrtsorte (am Fest der Schmerzensmutter registrierte man 1998 an einem ihrer Wallfahrtsort über 40.000 Gläubige!): alles Zeichen eines regen christlichen Lebens. In kirchlichen Veröffentlichungen spricht man immer wieder von Konvertitenklassen, Bibelunterricht und Taufen. Statistiken jedoch liegen keine vor.

dieFurche: Aus welchen Quellen lebt ein chinesischer Katholik?

Limbach: Aus den gleichen wie wir. Man darf jedoch sagen, daß alles noch viel selbstverständlicher ist. Man hält ganz bewußt am Glaubensbekenntnis fest; es sind die Gläubigen, die über die getreue Weitergabe des Glaubens und der kirchlichen Disziplin wachen. Es gibt bei der älteren Generation noch eine sehr wache Gebetstradition. Ein wesentlicher Punkt des katholischen Bewußtseins ist nach wie vor die Gemeinschaft mit dem Heiligen Vater. Die Verehrung der Gottesmutter ist aus der Kirche in China nicht wegzudenken.

dieFurche: Wie steht es um den Konflikt der Untergrundkirche und der Drei-Selbst-Kirche, die ja unabhängig von Rom agieren muß und deshalb auch vom Papst verboten wurde.

Limbach: Es besteht tatsächlich eine sehr schmerzliche Polarisierung in der katholischen Kirche in China. Sie hat sich ergeben aus der Forderung des Staates, alle inneren und äußeren Kontakte mit dem Heiligen Vater aufzugeben. Inzwischen dürfen die Gläubigen wieder für ihn beten und ihn als geistiges Oberhaupt der Kirche anerkennen. Die Forderung lautet aber immer noch völlige Selbständigkeit der Kirche ohne "Einmischung des Heiligen Vaters in die inneren Angelegenheiten der Kirche in China". Unter diesen Angelegenheiten hat man vor allem die Ernennung der Bischöfe zu verstehen. Der Konflikt ist eine Tatsache. Sollte aber nicht überbewertet werden. Grundsätzlich gibt es auch in China nur eine einzige Kirche, und wir sollten uns nicht übertölpeln lassen, indem wir von zwei Kirchen reden.

dieFurche: Welche Hoffnungen sehen Sie für die Kirche Chinas nach 50 Jahren Leidensweg?

Limbach: Die Konfrontation mit dem System wird nicht für immer so bleiben. Ohne den Druck von außen, wie sie ihn für 50 Jahre erleben mußte, wird auch der innere Kontrast sich lösen. Die Kirche in China wird ihre Einheit finden. Und wenn sie sich ohne Hindernisse und in Freiheit entwickeln darf, wird die Kirche in China ein ganz gewaltiger Beitrag für die ganze Menschheit werden. Die Aussichten dafür waren noch nie so gut wie heute.

Das Gespräch führte Wolfgang Sutter Zur Person Ein Missionar im Exil Andreas Limbach (ein Pseudonym) ist ein langjähriger Chinamissionar, der aufgrund persönlicher Erfahrung bestens mit der Situation dieses bevölkerungsreichsten Landes, in dem fast ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt, vertraut ist. Derzeit hält sich der Priester erzwungenermaßen im Westen auf. Weil er sich aber mit der Absicht trägt, wieder nach China einzureisen, mußte die Anonymität des Gesprächspartners, eines Freundes von "Kirche in Not" (diese Einrichtung unterstützt die chinesische Kirche massiv) in diesem Interview gewahrt bleiben.

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