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Noch ohne Bücher, fertig, los!

Sperrfristen sind offensichtlich da, um gebrochen zu werden. Brigitte Schwens-Harrant über den absurden Binnenwettkampf im österreichischen Rezensionswesen und den neuen Roman von Thomas Glavinic.

Das passiert mir oft: ich trinke meinen Kaffee, bin müde aber gut gelaunt, höre das Morgenjournal und blättere nochmals in den Druckfahnen jenes Buches, das nächste Woche erscheinen wird. Heute noch werde ich eine Rezension schreiben. Dann das Aufschrecken: im Radio ist der Name jenes Autors gefallen, dessen Skript ich gerade vor mir liegen habe. Tatsächlich. Die erste Buchbesprechung. Acht Tage vor Ablauf der Sperrfrist. Die gute Laune ist vorbei.

Das Tüpfelchen setzt sich auf das I meiner schlechten Laune, wenn ich auf dem Weg zur Redaktion in der Wiener Innenstadt an Buchhandlungen vorbeikomme, in denen jene Bücher, über die der Verlag mir mit fetter Schrift die Sperrfrist verhängt hat, schon in der Auslage liegen. Aha, die Auslieferung ist also plötzlich vorverlegt worden. Toll. Da stehe ich Redakteurin jetzt blöd da, mit meinen Fahnen unterm Arm.

Meine schlechte Laune kann nicht schlechter werden, wenn - um ein anderes Beispiel zu bringen und keines davon ist erfunden, und sollten mehrere Beispiele an einem Tag zusammenfallen, dann ist es ein wahrhaft schlechter Tag - wenn also am Abend in lebens.art ein Beitrag über ein noch nicht erschienenes Buch gesendet wird.

93 Jahre zu früh

Aber warum rege ich mich auf? Hat doch - um konkret zu werden - der Standard bereits vor Tagen die Besprechung des Romans von Thomas Glavinic ins Blatt gesetzt. Der Falter hat sogar zwei Wochen (bzw. eigentlich 93 Jahre) zu früh Michael Köhlmeiers Abendland als den "aufregendsten österreichischen Roman des 21. Jahrhunderts" vorgestellt. Offensichtlich ist ein gewaltiger Sturm über die Kalender mancher Medien gezogen und hat deren Daten verschoben. Nicht um ein, zwei Tage, nein: um mindestens eine Woche, und natürlich immer: voraus.

Das ist so blöd, dass mein Ärger dann schon aufhört. Es gibt eh nur eine Lösung. Nicht mitmachen. Das fällt umso leichter, als das Literaturressort der Furche mit mir als Teilzeitkraft nur halb so stark (wenn überhaupt) besetzt ist wie im Umfang vergleichbare andere Literaturressorts. Aber: Qualität lässt sich bekanntlich und erwiesenermaßen im Endergebnis nicht unbedingt daran messen. Also: Zurücklehnen. Kaffee trinken. Die Fahnen in Ruhe fertiglesen. Zeit lassen für eigene Gedanken und Worte. Und in die zu früh publizierten Rezensionen einen kritischen Blick werfen.

Österreich, ach Österreich

Höchste Aktualität ist das Stichwort, das zu diesem absurden Binnenwettkampf führt, und sie ist bei Erdbeben oder Putschversuchen berechtigt und notwendig, doch bei Romanen? Die Medien arbeiten hart an ihrem Ruf, die Nase immer vorne zu haben. Doch Achtung: unfair sein ist auch ein Ruf!

Was bringt der Leistungskampf in Sachen "Bei wem erschien die erste Rezension" außer einen großartigen Werbeeffekt für Verlage? Eine Aufwertung von Büchern, die vielleicht sonst niemanden interessieren würden. Auffällig: die Hysterie betrifft fast ausschließlich österreichische Autoren.

Eine Bedeutungsaufladung erhielt etwa letzte Woche in lebens.art Thomas Glavinic' jüngster Roman Das bin doch ich. Zuvor wurde Robert Menasses neuer Roman vorgestellt. Im anschließenden Gespräch mit Clarissa Stadler ging es mehr um Leben, denn um Art. Aber das passt sogar zum Roman, den die Furche nächste Woche besprechen wird. Nachdem also Menasse seinen Auftritt hatte, wurde ein Beitrag über den noch nicht erschienenen Roman von Thomas Glavinic gesendet. Auf meinen Fahnen steht dick und fett: "Sperrfrist bis 25. August 07. Bitte unbedingt einhalten." - ORF und Standard haben offensichtlich andere Fahnen. Oder das Deckblatt verlegt.

Wie praktisch im wahrsten Sinn des Wortes: im Beitrag über das Buch von Glavinic werden die Köpfe jener Personen eingeblendet, die in diesem Roman eine Rolle spielen. Stadler kichert im Studio in etwa: ich komme auch vor, und Sie auch - woraufhin sich Menasse nicht sehr cool gibt: aber Glavinic kennt mich doch gar nicht. Die Nervosität ist ihm ins Gesicht geschrieben. Tja. Allerorten war man nervös. Denn das Gerücht ging den Fahnen voraus: der ganze Literaturbetrieb werde aufs Korn genommen …

Neugier geweckt

Nun hat also der ORF die Neugier der Leser geweckt. Glavinic' Roman ist kein Schlüsselroman, erfahren wir, denn die Figuren braucht man gar nicht erst entschlüsseln. Sie tragen meist den richtigen Namen, oft nur leicht abgeändert. Clarissa Stadler und Robert Menasse, Günter Kaindlstorfer und Klaus Nüchtern: sie alle haben also als Figuren Eingang in den Roman gefunden.

Nur frage ich mich: Interessiert das außerhalb des Literaturbetriebes wirklich jemanden? Wer interessiert sich für Literaturkritiker, wenn nicht sie selbst - und die eigenen Kollegen (die dann mit Häme, Schadenfreude oder in Solidarität lesen, je nachdem.) Der Literaturbetrieb also liest in diesem Roman aufgeregt sich selbst, vielleicht ähnlich zitternd wie im Frühjahr Klaus Zeyringers Essay Ehrenrunden im Salon. Kultur - Literatur - Betrieb. Nicht vorkommen scheint schlimmer zu sein als vorkommen, egal wie. Wer hätte sich nicht aller gewünscht, eine Fußnote in Zeyringers Essay abgeben zu dürfen: allein, es gab (leider) keine Fußnoten, dafür manche Romanfigur, und so kann ein Essay auch einmal zu einem Schlüsselessay werden.

Vorkommen, egal wie

Doch zurück zu Glavinic: Ich bin froh, dass Glavinic mich (bisher) nicht kennt und ich noch nie mit ihm an einer Bar gesessen bin. Dann wäre die Furche jetzt vielleicht eine Romanzeitung. Und ich wäre jetzt womöglich auch eine Romanfigur. Und als solche hätte ich womöglich auch starke Ähnlichkeiten mit mir. Vielleicht hätte mir Glavinic, die Romanfigur, zwar nicht an den Po gegriffen, wie er es bei Klaus Nüchtern, der Romanfigur, tut, aber womöglich hätte er böse beobachtet, wie böse ich als Romanfigur dreinschaue, wenn ich Bücher von ihm, der Romanfigur, lese … Das würde aber keinen interessieren, weder mich noch irgendeinen Leser. Andere freilich sitzen jetzt vielleicht schmollend zu Hause in jener Ecke, in die sie das Buch respektive die Fahnen geworfen haben, weil ihnen nicht vorkommen dasselbe bedeutet wie nicht wichtig sein. Solchen ist aber auch nicht zu helfen. In ihrer Ecke sitzen sie richtig.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: ich habe den Roman von Thomas Glavinic mit zunehmender Belustigung gelesen und am Ende laut aufgelacht, aber nicht wegen, sondern trotz der Namen. Man kann außerdem annehmen, dass die Namen in Deutschland, und immerhin erscheint das Buch im renommierten Carl Hanser Verlag, gar nichts bedeuten.

Armes Schwein oder Star

Aber es geht eh um anderes. Der Roman liest sich nämlich als witziger Einblick in das Leben eines hypochondrischen Autors. Während dieser Ich-Erzähler Glavinic nervös wartet, was aus seinem neuen Buch wird, simst der andere Schriftsteller, Kollege Daniel Kehlmann, demselben seine Erfolgsgeschichte. Kehlmann kennt alle Welt, in die er eingeladen und übersetzt wird, der Name des Ich-Erzählers aber ist kaum bekannt, wird dafür immer falsch geschrieben. "Ich fühle mich im Stich gelassen. Es ist, als hätten sich zwei zu einer Reise verabredet, und dann nimmt der eine den früheren Zug." Das bin doch ich: vom unnötigen Namedropping abgesehen ein nettes ironisches Porträt eines Autors als armes Schwein - oder als Star.

Ende gut, alles gut. Ich will hier ja nicht nur geschimpft haben. Eigentlich nämlich denke ich: wie gut, dass diese Szene, die sich Literaturbetrieb nennt, lebt. Das übereifrige Sperrfristbrechen und Schlüsselsuchen und was es sonst noch alles an Sonderbarem gibt, zeigt also, dass Literatur immer noch eine Rolle spielen darf, auch in den Medien. Auch wenn das oft eigenartige Zuckungen sind, die beweisen, dass die Szene nicht schläft. Ein bisschen geht es zu wie im Bett von Romanfigur Glavinic, wenn er seinen Sohn Sebastian neben sich liegen hat: "Alle paar Minuten bekomme ich Tritte und Püffe, die mich nie richtig schlafen lassen, das wäre selbst ohne lädierte Rippen schwierig."

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