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Noten über Noten, von Haydn bis Boulez

Gleich zwei renommierte Wiener Musikverlage haben jüngst repräsentative Kassetten mit Studienpartituren herausgebracht. Kein schlechtes Zeichen.

Warum soll alles besser werden? Schulen und Hochschulen sind angeblich schlechter denn je, von einem Bildungsaufschwung keine Rede, Lesen ist längst durch das Fernsehen verdrängt worden. So kann man es in den Medien lesen, so weiß es die Fama. Dass nie so viele Bücher produziert wurden wie heute, nie so viele Buchmessen veranstaltet werden, steht auf einem anderen Blatt. Auch mit dem Notenlesen scheint es keineswegs so schlecht bestellt, wie man gemeiniglich meint. Denn Zufall kann es nicht sein, warum kürzlich gleich zwei renommierte österreichische Musikverlage repräsentative Kassetten mit Studienpartituren auf den Markt gebracht haben: der Wiener Verlag Doblinger eine Edition sämtlicher Haydn-Streichquartette in einem 13-teiligen Schuber, die Universal Edition (UE) eine 20-teilige Reihe mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts.

"Die Taschenpartitur kommt aus dem späten 19. Jahrhundert, als es einen entsprechend gebildeten bürgerlichen Interessentenkreis gegeben hat", wirft Heinz Stolba, Lektor der vor allem auf Neue Musik spezialisierten Wiener Universal Edition einen Blick in die Entstehungsgeschichte. "Wer ein Werk hören und studieren wollte, musste ins Konzert. Heute ist die Normalität eine gute Stereoanlage und gute Kopfhörer. Man studiert die Werke zu Hause. Daher braucht man ein Format, das man möglichst gut lesen kann und in ein Bücherregal hineinbringt", erklärt er den Wechsel vom Kleinformat der Taschenpartitur zum Mittelformat der Studienpartitur. Was auch mit den Werken der jüngeren Vergangenheit zu tun hat. So manche der "ungeheuer aufgeblasenen Orchesterapparate" (Stolba) ließen sich in einem Taschenformat drucktechnisch gar nicht darstellen.

Schritt in die Gegenwart

Dass Taschenpartituren nach wie vor gut angenommen werden, weiß die UE aus ihrer mittlerweile auf 600 Titel angewachsenen Philharmonia-Serie. Von ihr bleiben jedenfalls die Klassiker Haydn und Mozart auf dem Markt. Weil die UE aber auch an die 50 Prozent der namhaften Komponisten des 20. Jahrhunderts im Programm hat, Musik des 20. Jahrhunderts nicht mehr mit negativem Nimbus behaftet ist und sich darin längst zahlreiche Klassiker finden, wagt man mit der neuen Studienpartitur-Serie bewusst den Schritt in das 20. und 21. Jahrhundert und damit in die musikalische Gegenwart. "Die Universal Edition investiert in Werke, die sie schon seit Jahren im Programm hat. Sie werden auf einem Qualitätsstandard, der nicht so schnell von der Konkurrenz erreicht werden wird, neu ediert und neu produziert", erläutert Astrid Koblanck, in der UE Vorstand für Promotion, Copyright und Lizenzen, die Verlagsphilosophie. Vorstandskollege Stefan Ragg betont den betriebswirtschaftlichen Aspekt: "Wir wollen die Literatur, die wir zur Aufführung bringen wollen, stützen. Es ist keine Stand-alone-Produktion, sondern sie ist im Zusammenhang mit der Aufführungsproduktion zu sehen, zur Unterstützung des Hauptgeschäftes."

Als Startpaket der neuen Reihe hat man eine Kassette vorgelegt, die Bartók (Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta), Berg (Lyrische Suite, Violinkonzert, Fünf Orchesterlieder), Berio (Folk Songs), Boulez (Le Marteau sans maître), Feldman (Neither), Janácek (Taras Bulba), Kodály (Tänze aus Galanta), Mahler (Wunderhornlieder), Martin (Le vin herbé), Pärt (Te Deum), Rihm (Gesungene Zeit), Schönberg (Pelleas und Melisande), Schreker (Kammersymphonie), Stockhausen (Kontra-Punkte), Richard Strauss (Violinkonzert), Webern (Konzert für neun Instrumente) und Zemlinsky umfasst: mit zum Großteil neuen, mehrsprachigen Vorworten, philologisch und drucktechnisch auf dem letzten Stand.

Großes Interesse in den USA

Benützer von Taschenpartituren können ein Lied davon singen, wie kurz es dauert, ehe der Einband bricht oder sich löst. Deswegen hat man sich bei diesen neuen Studienpartituren für eine Kaltleimbindung entschieden. Sie garantiert hohe Haltbarkeit und dass sich die Partitur wie ein Buch benützen lässt. In den Fällen, wo vom alten Stichbild ausgegangen wurde, hat man dieses hochauflösend gescannt, mit Computer nachbearbeitet, gerade gerichtet, mit einem Wort: "schön gemacht". Beim Einband hat man sich für eine abwaschbare und damit sehr strapazierfähige Leinenprägungsstruktur entschieden.

Vorerst einmal beträgt die Auflage der repräsentativen Box, deren Partituren auch einzeln erworben werden können - die Bandbreite der Preise liegt zwischen 25 und 50 Euro -, 200 Stück. Schon jetzt weiß man, dass man rasch nachdrucken muss. "Die Hälfte wurde bereits von amerikanischen Bibliotheken gekauft", berichtet UE-Vorstand Ragg, von einer Reise aus den USA zurückgekehrt, wo auch diese neue Serie ein Thema war. Im Übrigen ist man schon inmitten der Arbeit für eine Fortsetzung der Serie, die künftig zweimal im Jahr - im Frühjahr zur Frankfurter Musikmesse und dann Ende Sommer, Anfang Herbst - erscheinen soll. Als nächste Studienpartituren sind unter anderem Bartóks Cantata profana und das Erste Klavierkonzert, Bergs Lulu-Suite, Pli selon pli von Boulez, Messiaens Oiseaux exotiques, die Dreigroschenoper von Weill, Fratres von Arvo Pärt, die Kindertotenlieder von Mahler und Janác\0x02C7eks Glagolitische Messe avisiert.

Weniger mit dem Haydn-Jahr als mit dem durch Phänomene wie den Pianisten Lang Lang (er hat kürzlich mit den beiden Chopin-Klavierkonzerten seine ersten Einspielungen mit den Wiener Philharmonikern herausgebracht) ausgelösten Klassikboom in China hängt die Streichquartette-Kassette bei Doblinger zusammen. Angeregt durch einen Professor des Shanghai Conservatory of Music, gibt es seit einiger Zeit eine Kooperation des Wiener Verlages mit zwei chinesischen Verlagen im Bereich von musikpädagogischen Werken, die von den Studierenden in China bestens angenommen werden.

Kammermusik für China

Mit dem Reprint der von der Haydn-Kapazität H. C. Robbins Landon und seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Reginald Barrett-Ayres, Musikologe an der Universität Aberdeen, seinerzeit edierten - nach wie vor den letzten wissenschaftlichen Stand repräsentierenden - Ausgabe sämtlicher Streichquartette Joseph Haydns soll ein weiterer Schritt zur Etablierung des Interesses für Kammermusik in China unternommen werden. Das zeigt sich an den neben Deutsch und Englisch nun auch in Chinesisch enthaltenen Vorworten wie im betont niedrig gehaltenen Preis, 99 Euro, der es allen interessierten Studierenden ermöglichen soll, diese Ausgabe zu erwerben. Die Bandausgabe ist übrigens, wie Doblinger-Verlagsdirektor Peter Pany ausdrücklich hervorhebt, mit den Stimmenbänden ident, was eine unschätzbare Hilfe beim Studieren dieser Werke darstellt.

Die 13-teilige Box liegt in einer Auflage von 1000 Stück vor. Auch hier ist das Interesse so groß, dass man in Kürze wird nachdrucken müssen. Genützt hat dabei sicher, dass diese Edition bereits im Vorfeld des 200. Geburtstages von Joseph Haydn, der dieses Jahr zu begehen ist, herausgekommen ist. Damit ist auch gleich jenen der Wind aus den Segeln genommen, die immer wieder meinen, mit Haydn lasse sich kein Staat machen. Ein guter Moment, auch dieses Klischee zu stürzen.

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