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Nur das Unglück ist nicht operierbar

Die Heilsversprechen der Schönheitsindustrie kennen keine Grenzen. Immer absurder werden die Schönheitstrends, immer jünger die Patientinnen. Eine ethischere Medizin wäre gefragt.

Mit dem Versprechen von einer "besseren Zukunft und einem Ende der Einsamkeit“ bewirbt der Privatsender Puls 4 die Sendung "Endlich schön“, ein Reality-Format über Schönheitsoperationen. Konkret klingt das so: "Patricia und Jasmin sind zwei junge Mütter, die sich in ihren Körpern einfach nicht mehr wohlfühlen. Bei Patricia steht deshalb sogar ihre Ehe auf der Kippe. Durch, Endlich schön‘ bekommen sie die Körper, in denen sie selbstbewusster in ihr neues Leben gehen können. Und vielleicht wird durch das neue Lebensgefühl sogar die Ehe von Patricia gerettet.“

Ob diese großen Versprechen tatsächlich eingelöst werden, können wir freilich nicht mehr im Fernsehen mitverfolgen. Denn in der nächsten Folge wird schon ein weiteres Schicksal am OP-Tisch ausgeleuchtet. Zu sehen gibt es indessen entblößte Problemzonen in Nahaufnahme und jede Menge fließende Tränen. Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek kritisierte die Puls-4-Sendung bereits vor der Ausstrahlung der ersten Folge am 12. November massiv: "Medien und Werbung gaukeln uns vor, dass wir nur glücklich sein können, wenn wir jung und dünn sind und perfekt aussehen. Dieser Druck lastet schwer auf den Schultern unzähliger Frauen.“

Brust-OP als Matura-Geschenk

Rund 40.000 Österreicherinnen und Österreicher legen sich jährlich für die Schönheit unter das Messer. Der überwiegende Teil davon sind Frauen. Oft stecken hinter dem Wunsch nach einem Eingriff handfeste psychische Probleme: Der norwegische Sozialwissenschaftler Tilmann von Soest vom Forschungsinstitut NOVA hat herausgefunden, dass psychische Probleme sowohl vor einer Operation als auch danach eine maßgebliche Rolle spielen.

Dafür wertete von Soest in einer 13 Jahre dauernden Studie die Aussagen von rund 1.600 jungen Frauen aus, die immer wieder ihren gesundheitlichen und psychischen Zustand beschreiben mussten. Jene Frauen, die sich in der Studie zu einer Operation entschlossen, litten zuvor signifikant öfter unter Angstzuständen und Depressionen. Zudem nahmen sie öfter Medikamente und Drogen und hatten eine größere Wahrscheinlichkeit für Selbstverletzung und Selbstmord. Nach der Operation berichteten diese Frauen von einem noch größeren Hang zu Depressionen und Angst, von noch öfter auftretenden Essstörungen und Alkoholproblemen.

"In einer Medizin, die sich immer mehr als Wunscherfüllungsagentur denn als Heilkunde versteht, werden zunehmend Eingriffe an gesunden Körpern vorgenommen“, kritisiert Barbara Maier, Primaria für Gynäkologie am Hanusch-Krankenhaus der Wiener Gebietskrankenkasse. Heute gehe es immer mehr um Body-Design: "Körper sollen normiert werden. Schnell wird vergessen, dass jeder Eingriff Risiken und Folgen mit sich bringt.“ Auch aus der Unzufriedenheit mit dem Ergebnis einer OP wachse rasch der Wunsch nach einem weiteren Eingriff.

Teils würden hierzulande bereits amerikanische Verhältnisse herrschen: "Mädchen bekommen etwa eine Nasen- oder Brust-OP zur Matura geschenkt“, berichtet Primaria Maier. Tatsächlich werden die Schönheitsideale immer unrealistischer: "Die Körper-Industrie mit ihren problematischen Normierungen aus Medien und Pornografie erzeugt psychischen Druck durch immer unerreichbarere Ideale“, so Maier. Ein besonders krasses Beispiel ist der Trend hin zu genitalchirurgischen Schönheitsoperationen bei Frauen. "Diese können sehr problematische Folgen für die Sexualität haben“, warnt Gynäkologin Maier.

Vielfach gehe es in der Schönheitschirurgie um reine Geschäftemacherei. Die Aufgabe der Ärzteschaft wäre es aber laut Maier, Gesellschaftskritik zu üben und Aufklärungsarbeit für die Patientinnen zu leisten: "Wir sollten vermitteln, dass es eine große körperliche Bandbreite an Normen gibt. Es wäre höchste Zeit für eine medizinethisch-kritische Medizin.“

Strengers Schönheits-OP-Gesetz

Einen Schritt in diese Richtung soll eine strengere Regelung von Schönheitsoperationen bringen. Ziel des ab 2013 in Kraft tretenden Gesetzes ist vor allem mehr Schutz für Jugendliche: Künftig sind Schönheitsoperationen bis zum 16. Lebensjahr verboten. Bei 16- bis 18-Jährigen dürfen diese nur mehr durchgeführt werden, wenn eine psychologische Beratung erfolgt ist, die Einwilligung durch die Erziehungsberechtigten vorliegt und eine Wartefrist von vier Wochen zwischen Einwilligung und Operation eingehalten wird.

Ab 2013 ist es nur mehr Fachärzten für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie erlaubt, Schönheitsoperationen durchzuführen. "Erstmals werden wir klare Spielregeln für Schönheits-OPs haben. Mehr Qualität, Transparenz und Aufklärung hilft jeder Patientin“, sagt Frauenministerin Heinisch-Hosek. Das Gesetz enthält auch verschärfte Werbebeschränkungen sowie ein Provisionsverbot. Marktschreierische Werbung für Schönheitsoperationen, Gewinnspiele und "Vorher-nachher-Bilder“ sollen damit der Vergangenheit angehören.

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