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Nur eine blasse Skizze von namenloser Freude

Eine herbe Enttäuschung: "Fidelio“ im Theater an der Wien, neu interpretiert von Nikolaus Harnoncourt und dem Opernregie-Debütanten Herbert Föttinger.

Am Ende gab es für Nikolaus Harnoncourt Beifall und Buhrufe. Die Regie wurde ausnahmslos ausgebuht. Ist das Experiment, Beethovens "Fidelio“ mit Instrumenten der Zeit musikalisch zu realisieren, misslungen? Ein solcher Schluss drängt sich auf. Aber so einfach soll man es sich nicht machen. Nicht nur, weil man Gefahr läuft, vielleicht einmal später als nicht kompetenter Hörer qualifiziert zu werden, wie Harnoncourt im Programmbuch dieser Produktion offensichtlich all denen ins Stammbuch schreibt, die sich mit seiner Deutung von Mozarts "Zauberflöte“ bei den vergangenen Salzburger Festspielen nicht zurecht fanden.

Diese "Zauberflöte“ ist auch einer der Schlüssel für diese Neuproduktion im Theater an der Wien. Es beginnt, wie zuletzt in Salzburg, bei Harnoncourt, den gerade sein dortiges Mozart-Erlebnis dazu inspirierte, nun auch Beethovens Oper mit einem historischen Instrumentarium zu realisieren.

Die Idee, diesen Beet-hoven mit Instrumenten aufzuführen, wie sie der Komponist zu hören gewohnt war, hat etwas für sich. Der Neugierige, Interessierte wird dadurch viele ihm bisher unbekannte Facetten erkennen, so manche musikalischen Linien anders erfassen, neue Erkenntnisse über Phrasierung und Artikulation gewinnen. Dass damit Abschied zu nehmen ist von einem geglätteten, vor allem der Schönheit verpflichteten Klang-ideal, liegt auf der Hand. Freilich müssen die Akzente nicht so harsch gesetzt, die Pausen nicht so übertrieben lang, die Tempi in der Mehrzahl nicht so aufgesetzt ausführlich sein, wie es Harnoncourt vorexerzierte. Nicht nur Sängerinnen und Sängern macht solches unnötig zu schaffen. Es geht nicht zuletzt auf Kosten der Spannung, von der Natürlichkeit des Melos ganz zu schweigen.

Fehlende Präzision zwischen Bühne und Graben

Noch problematischer wird es, wenn sich dieses Interpretationsideal nicht immer mit der nötigen Präzision zwischen Bühne und Orches-tergraben verwirklichen lässt. Zum einen, weil es allein schon schwierig ist, dieses Instrumentarium (selbst wenn es sich um den Concentus musicus handelt) mit der notwendigen Souveränität zu meistern. Zum anderen, weil man auf die unterschiedliche Qualität der Besetzung immer wieder Rücksicht zu nehmen hat. Schließlich ist es mit einer, zugegeben exemplarischen, Wortdeutlichkeit, wie sie diesen Abend über gegeben war, nicht getan.

Änderungen - aber keine neuen Perspektiven

Misst man mit dem Maßstab einer Modell-aufführung, gibt es nur zwei rollendeckende Besetzungen: Michael Schades Florestan und Anna Prohaskas Marzelline. So über alle gestalterischen Zweifel erhaben, vokal wie schauspielerisch, hätte man sich auch die übrigen Protagonisten gewünscht, welche die Inszenierung in den 1920/30er Jahren in einer Diktatur, sei sie nun in Spanien, Italien, Deutschland oder sonst wo, spielen lässt. Uniformen dominieren die fahle Bühne. Marzelline wird zu einer Schreibkraft im schmucklos grauen Büro von Rocco (schwach in der Tiefe Lars Woldt). Sie unterhält, so wenigstens sieht es die Regie, längst mit Jaquino (fehlbesetzt Johannes Chum) eine Beziehung. Entsprechend verwundert reagiert er, als er erfahren muss, dass nicht er, sondern dieser Fidelio (dünnstimmig, emotional distanziert Juliane Banse) ihr Mann werden soll.

Eine zumindest denkbare Deutungsvariante, wenn auch nicht unmittelbar aus dem Text erschließbar. Aber an ihn glaubt Regisseur Herbert Föttinger ohnedies nur bedingt. So hat er die Dialoge selbst bearbeitet, ohne damit dem Stück neue Perspektiven hinzuzugewinnen. Was auch nicht der Fall ist, wenn er den ersten Akt mit einem Pis-tolenschuss Don Pizarros (farblos Martin Gantner) beschließt, der dann irgendeinen trifft, oder den Minister (stimmlich überfordert Garry Magee) im Kostüm Beethovens erscheinen lässt, was dem als Überhöhung gedachten Finale nachgerade peinliche Musical-Züge verleiht. Möglich, dass mit einer entsprechenden Besetzung, einem anderen Regisseur Harnoncourts Konzept aufgegangen wäre. Diesmal reichte es nur zu einer Skizze von namenloser Freude.

Fidelio

Theater an der Wien

nächste Termine: 21., 24., 26., 28. März

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