Nobelpreis - © Foto: AFP Photo / Scanpix Sweden / Hendrik Montgomery
Feuilleton

Nur Staub gewischt

1945 1960 1980 2000 2020

2018 war die Schwedische Akademie nahezu handlungsunfähig, heuer vergibt sie dafür zwei Nobelpreise für Literatur. Richtig reformiert hat sie sich aber (noch) nicht.

1945 1960 1980 2000 2020

2018 war die Schwedische Akademie nahezu handlungsunfähig, heuer vergibt sie dafür zwei Nobelpreise für Literatur. Richtig reformiert hat sie sich aber (noch) nicht.

Das Argument, mit einem Preis wie diesem gerate wenigstens die Literatur ab und zu ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, geriet vor zwei Jahren gehörig ins Wanken: Denn da sprach niemand von Literatur, sondern alle redeten nur mehr von Skandalen. Die Schwedische Akademie verband man längst nicht mehr mit der Erkundung weltbester Literatur, sondern mit der ungehörigen Vertuschung von ungehörigen Vorgängen. Ende 2017 wurden die Vorwürfe gegen ein Akademiemitglied, die Schriftstellerin Katarina Frostenson, und ihren Mann Jean-Claude Arnault immer lauter.

Sie hätten gegen die Schweigepflicht verstoßen und vorab Namen verraten, vor allem aber hätte Arnault, der inzwischen wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist, Frauen sexuell belästigt. Dennoch entschied die Akademie Monate später, Frostenson nicht auszuschließen. Aus Protest zogen sich einige Mitglieder zurück, darunter auch die Ständige Sekretärin Sara Danius. Offiziell austreten konnten sie nicht, das sahen die Statuten nicht vor. Die Akademiemitgliedschaft gilt lebenslang. Der König musste eingreifen, er führte ein Rücktrittsrecht ein. Die Glaubwürdigkeit der Institution aber war dahin, nicht zuletzt wegen des Verhaltens mancher Mitglieder. Im Mai 2018 wurde bekannt gegeben, dass es 2018 keinen Nobelpreis für Literatur geben würde, man müsse erst das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wiederherstellen.

Das Argument, mit einem Preis wie diesem gerate wenigstens die Literatur ab und zu ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, geriet vor zwei Jahren gehörig ins Wanken: Denn da sprach niemand von Literatur, sondern alle redeten nur mehr von Skandalen. Die Schwedische Akademie verband man längst nicht mehr mit der Erkundung weltbester Literatur, sondern mit der ungehörigen Vertuschung von ungehörigen Vorgängen. Ende 2017 wurden die Vorwürfe gegen ein Akademiemitglied, die Schriftstellerin Katarina Frostenson, und ihren Mann Jean-Claude Arnault immer lauter.

Sie hätten gegen die Schweigepflicht verstoßen und vorab Namen verraten, vor allem aber hätte Arnault, der inzwischen wegen Vergewaltigung verurteilt worden ist, Frauen sexuell belästigt. Dennoch entschied die Akademie Monate später, Frostenson nicht auszuschließen. Aus Protest zogen sich einige Mitglieder zurück, darunter auch die Ständige Sekretärin Sara Danius. Offiziell austreten konnten sie nicht, das sahen die Statuten nicht vor. Die Akademiemitgliedschaft gilt lebenslang. Der König musste eingreifen, er führte ein Rücktrittsrecht ein. Die Glaubwürdigkeit der Institution aber war dahin, nicht zuletzt wegen des Verhaltens mancher Mitglieder. Im Mai 2018 wurde bekannt gegeben, dass es 2018 keinen Nobelpreis für Literatur geben würde, man müsse erst das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Akademie wiederherstellen.

Aber ist nicht jeder Kanon eigenartig und dennoch nötig, um auf etwas aufmerksam zu machen, auf eine immer neu zu hinterfragende Weise?

Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des Nobelpreises bzw. generell zentral vergebener, weltweit geltender Preise gibt es schon lange, auch Kritik an der Auswahl, die den einen zu politisch war, den anderen zu eurozentrisch bzw. zu westlich usw. Und tatsächlich ergibt die Liste der Preisträger seit 1901 einen etwas eigenartigen Kanon.

Aber ist nicht jeder Kanon eigenartig? Und dennoch nötig, um auf etwas aufmerksam zu machen, freilich auf eine immer neu zu hinterfragende und relativierende Weise? Viele Autoren finden sich erstaunlicherweise nicht unter den Ausgezeichneten, etwa James Joyce, aber genauso finden sich darunter Namen, die dorthin gehören: in die Auslage für die Welt. Aber die Art und Weise, wie die Preisträger ermittelt werden, ist doch höchst seltsam. Reformen forderte man von der Schwedischen Akademie. Doch statt des nötigen Umbaus, ja einer kompletten Neuaufstellung hat man nur ein bisschen Staub gewischt.

Das Nobelpreiskomitee, das für die Auswahl möglicher Kandidaten zuständig ist, wurde ergänzt durch fünf externe schwedische Jurorinnen und Juroren. Ausgewählte Mitglieder der Akademie erstellen mit diesen fünf Externen aus den zahlreichen Einsendungen von Institutionen und Personen aus der ganzen Welt künftig eine Liste, nach der dann (vielleicht) die Akademie entscheidet. Unter den bisher 114 Literaturnobelpreisträgern sind 14 Frauen. Zumindest gegen dieses Ungleichgewicht werde heuer gegengesteuert, munkelt man.

Vielleicht sogar mit zwei Preisträgerinnen, denn der ausgefallene Preis vom Vorjahr wird nun nachgeholt. Am 10. Oktober werden also kurz hintereinander zwei Namen genannt werden. In der Schwedischen Akademie selbst aber sitzen zur Zeit sage und schreibe nur zwei Frauen. Vier weitere sind bereits ernannt, werden aber erst im Dezember offiziell aufgenommen. Den sechs Frauen sitzen dann zwölf Männer gegenüber. Immer noch gilt die Mitgliedschaft lebenslang, das älteste Mitglied ist Jahrgang 1924. Es ist höchste Zeit, dass die Statuten grundlegend geändert werden: dass sie den regelmäßigen Wechsel der Mitglieder nicht nur zulassen, sondern erzwingen, und dass sie auch den engeren Beratungskreis nicht nur mit schwedischen, sondern auch mit internationalen Expertinnen und Experten besetzen.