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Odyssee 2010 # die Entdeckung des Menschen

Ein Plädoyer für eine neue demokratische Kultur auf Grundlage einer soliden politischen Theorie und Praxis. # Kritische Anmerkungen zu Jeremy Rifkins #Die empathische Zivilisation#.

2010 # das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen. Nach langer Odyssee im politischen Weltraum stoßen wir auf eine neue Spezies: den Menschen. Während manche noch auf der Suche sind, glauben ihn manche bereits gesichtet zu haben: den neuen Menschen, Hoffnungsträger einer neuen demokratischen Kultur und Retter des von Energieverschwendung und Klimakatastrophe bedrohten Raumschiffs Erde.

Jeremy Rifkin, Trendforscher, Politikberater und Bestsellerautor, präsentiert uns seine jüngste Entdeckung: den Homo empathicus, der ein neues Zeitalter einleiten und eine globale empathische Zivilisation schaffen wird. Bislang kannte man ja aus Biologie, Ökonomie, Politik und Kulturgeschichte den Homo sapiens, den Homo oeconomicus oder auch den Homo faber.

Homo sapiens: Auf den mit Verstand ausgestatteten Menschen, das Animal rationale, dessen Großhirn nicht nur Organ des zweckrationalen Denkens, sondern auch der Vernunft ist, hatte die europäische Aufklärung ihre Hoffnung gesetzt. Immanuel Kant glaubte, das Zeitalter der Aufklärung werde in ein aufgeklärtes Zeitalter übergehen, in welchem die Menschen in allen Lebensbereichen, auch in Dingen der Religion, mündig und selbstbestimmt sind, dabei aber stets auch gemeinwohlorientiert handeln. Ein Zeitalter, in dem Recht vor Macht geht und auf der Basis eines universalen Völkerrechts ewiger Frieden herrscht.

Homo oeconomicus: Das Subjekt des modernen Wirtschaftslebens, dessen Anfänge in das späte 15. Jahrhundert zurückreichen, als eine kapitalistische Geld- und Zinswirtschaft entstand, wird als stets rationales, von egoistischen Wirtschaftsinteressen geleitetes Individuum gedacht. Das Gemeinwohl entsteht nach Adam Smith, indem die unsichtbare Hand der göttlichen Vorsehung die individuellen Wirtschaftsaktionen zu einem Ganzen fügt, von dem letztlich alle einen Nutzen haben, die Fabriksbesitzer wie die Lohnarbeiter, die Reichen wie die Armen.

Die Antiquiertheit des Menschen

Homo faber: Der Arbeiter und zugleich der Techniker, das ist der Inbegriff des Menschen im Industriezeitalter # von Ernst Jüngers Buch #Der Arbeiter# über Ulrich, den #Mann ohne Eigenschaften# in Robert Musils Jahrhundertroman, der zuerst Leutnant, dann Ingenieur und schließlich Mathematiker und Naturwissenschaftler ist, bis zu Walter Faber, dem Protagonisten in Max Frischs Roman #Homo faber#, ebenfalls ein Ingenieur mit streng rationaler Weltsicht, dessen geordnetes Leben durch Zufall und die ihn einholende Vergangenheit auf tragische Weise aus den Fugen gerät.

Unter dem Eindruck von Hiroshima und Nagasaki war der Philosoph Günter Anders von der Antiquiertheit des Menschen überzeugt, wie man ihn bis zu den beiden Weltkriegen, der Erfindung der Atombombe und weiterer Massenvernichtungswaffen gekannt hatte. Von der Vision eines aufgeklärten Zeitalters schien nicht viel übrig geblieben.

Das Zeitalter unter dem Vorzeichen der Bombe ist nach Anders ein Zeitalter der Angst, dessen einzige Hoffnung darin besteht, die permanent drohende Apokalypse so lange wie möglich hinauszuzögern und die Endzeit zu verunendlichen.

Spekulative Geschichtstheorie

Anders begriff die Nutzung der Kernenergie als unüberbietbare dritte industrielle Revolution, welche die Menschheit in den Stand versetzt, ihren eigenen Untergang produzieren zu können. Schon zuvor wurde der Mensch darauf reduziert, lediglich der Anfang einer Produktions- und Konsumkette zu sein. Die destruktive Logik der Atombombe setzt sich für Anders in den modernen Biotechnologien fort. Der Homo faber mutiert zum Homo creator, zugleich aber auch zum Homo materia. Doch schon mit Auschwitz habe die Verwandlung des Menschen in Rohstoff begonnen.

Auch in anderen Gesellschaftstheorien entschwindet der Mensch als politischer Akteur und als selbstbestimmtes Subjekt, sei es in Michel Foucaults Theorie der totalitären Biopolitik und der Gouvernementalität oder auch in Niklas Luhmanns funktionaler Systemtheorie. #Mensch# und #Person# gehören nach Luhmann zu den überholten Kategorien #alteuropäischen Denkens#. An ihre Stelle treten biologische, psychische und soziale Systeme. Der Mensch als ganze Person meldet sich allenfalls als Störfaktor systemischer Abläufe # aber auch des Luhmann#schen Theoriegebäudes.

Von all dem liest man bei Rifkins nichts. Auschwitz, Hitler und Stalin finden ebenso wenig Erwähnung wie der Vietnamkrieg, der Zerfall Jugoslawiens und Srebrenica oder Genozide in Afrika. Immerhin widmet er der fortbestehenden atomaren Drohung und den Gefahren, die auch von der friedlichen Nutzung der Kernenergie ausgehen, einige Seiten. Doch für ihn besteht die eigentliche dritte industrielle Revolution in den modernen Informationstechnologien. Das Internet begründet das Zeitalter eines dezentralisierten Kapitalismus, in dem klassische Eigentumsrechte ihre Bedeutung zugunsten von Nutzungs- und Zugangsrechten verlieren. Die #Millenniumsgeneration#, die heutige Jugend, entwickelt geradezu naturwüchsig ein durch und durch empathisches #Biosphärenbewusstsein#, und eine entsprechende biosphärische Erziehung bahnt den Weg in eine biosphärische Welt, in der die Menschheit in Harmonie und im Einklang mit der Natur lebt.

Man kann Rifkins spekulative Geschichtstheorie rasch abtun, weil sie oberflächlich und voller Platitüden ist. Schon der Begriff der Empathie wird völlig unreflektiert verwendet. Dass ich mich in andere Menschen besonders gut hineinversetzen kann, bedeutet übrigens noch lange nicht, dass ich ihnen auch wohlwollend entgegentrete.

Rifkin ist jedoch nicht der Einzige, der für sich beansprucht, den Menschen als politische Kategorie neu zu entdecken. So hat beispielsweise der Zeit-Autor und Ökonom Uwe Jean Heuser bereits vor zwei Jahren unter dem Titel #Humanomics# ein populärwissenschaftliches Buch über die #Entdeckung des Menschen in der Ökonomie# geschrieben.

Aus Büchern wie jenen von Rifkin oder Heuser spricht ein neues Unbehagen an der neoliberalen Kultur. Wie man vor Jahrzehnten von einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz träumte, so nun von einem humanen Kapitalismus, der den Menschen eben nicht nur als Humankapital auf seiner Rechnung hat, sondern als unverwechselbares Individuum mit seinen Bedürfnissen, Hoffnungen und Ängsten ernst nimmt.

Es ist daher kein Zufall, dass im vergangenen Jahr auch das Motto des 32. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Bremen fragte: #Mensch, wo bist du?# Und nicht von ungefähr ist Herbert Grönemeyers Hymne auf den Menschen so ungemein populär: #Und der Mensch heißt Mensch, weil er irrt, weil er vergisst, weil er verdrängt, und weil er schwärmt und glaubt, sich anlehnt und vertraut, weil er erinnert, weil er kämpft, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt, und weil er lacht, und weil er lebt ##

Natur statt Politik

An Büchern wie jenen von Rifkin und Heuser fällt auf, dass sich ihr Menschenbild stark auf eine neue Lesart von Neurowissenschaften und Evolutionsbiologie gründet. An die Stelle der klassischen darwinistischen Theorie vom #Survival of the fittest# treten Theorien, die den evolutionären Vorteil von Kooperation, Vernetzung und Mitgefühl herausstreichen.

Das macht diese Bücher, die mit einem großen politischen Anspruch auftreten, letztlich so unpolitisch. Statt Politik als Kampf um Interessen und Anerkennung zu begreifen, für den in einem demokratischen Rechtsstaat Regeln der Konfliktaustragung weiterzuentwickeln sind, bauen die genannten Autoren auf die Kräfte der Natur. Ihre Theorien leiden an demselben Mangel wie eine evolutionäre Ethik, welche die Wurzeln der Moral in der menschlichen Naturgeschichte sucht. Doch die Biologie stellt weder moralische Normen bereit, noch bietet sie Antworten auf die Frage nach dem Sinn der Geschichte und unseres individuellen Lebens.

Eine neue demokratische Kultur ist eben nicht naturwüchsig, sondern bedarf einer soliden politischen Theorie und Praxis. Zu ihr beizutragen, ist auch die Aufgabe einer öffentlichen Theologie, welche die politische Dimension des Evangeliums ernst nimmt.

Der Autor

Ulrich Körtner ist Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zum Thema ist von ihm erschienen: ##Lasset uns Menschen machen# Christliche Anthropologie im biotechnologischen Zeitalter#, München, C. H. Beck 2005.

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