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Odyssee eines Abtrünnigen

Vom überzeugten Kommunisten zum scharfen Kritiker des Stalinismus: Manès Sperber zum 100. Geburtstag.

Sie waren Jahrgangskollegen, Elias Canetti und Manès Sperber: Beide wurden 1905 geboren, beide entstammten einer jüdischen Familie, für beide waren Wien und Berlin entscheidende Lebensstationen, beider literarisches Hauptwerk ist ein Roman, beide begannen fast zur selben Zeit - Sperber ab 1974, Canetti ab 1977 - ihre Autobiografie zu veröffentlichen, beide mussten in das Exil, beide hielten für ihr literarisches Werk an der deutschen Sprache fest und die Stimmen beider waren im kulturpolitischen Diskurs der siebziger und achtziger Jahre in Deutschland und Österreich oft zu vernehmen.

Canetti und Sperber

Doch solche Gemeinsamkeiten lassen die Konturen der einzelnen Persönlichkeiten unscharf werden: Die Unterschiede sind nicht in der Tatsache zu sehen, dass Canetti 1981 den Nobelpreis bekam und er Sperber, der 1984 starb, um gut zehn Jahre überlebte, sondern dass Sperbers literarische, politische und berufliche Laufbahn von ganz anderen Momenten bestimmt wurde als die Canettis. Dessen Laufbahn ist vielmehr von seiner Auseinandersetzung mit der Literatur bestimmt; auch Sperber war wie Canetti ein fanatischer Leser, aber seine Verarbeitung des Gelesenen wies doch in eine ganz andere Richtung.

Sperbers Laufbahn ist geprägt von einer die Öffentlichkeit nicht scheuenden Auseinandersetzung auf politischem Terrain. Er kam 1916 mit seiner Familie aus dem Städtchen Zablotow in Galizien nach Wien: Die Hauptstadt schien ihm damals eine Märchenstadt, in der der Kaiser wie ein guter Vater sich auch der armen jüdischen Knaben annehmen würde. Die Realität indes sah anders aus, und die Jahre der Krise nach 1918 dürften Sperbers Sinn für soziale und politische Fragen geschärft haben.

Schüler Alfred Adlers

Schon früh fand er seinen Weg zu dem Individualpsychologen Alfred Adlers, als dessen Schüler er erfolgreich in Wien und Berlin wirkte. Nach Berichten einzelner Zeugen war Sperber zwar nicht beliebt, aber seine Fähigkeiten dürften doch nicht angezweifelt worden sein. Das politische Engagement Sperbers für die kommunistische Partei dürfte dem Meister in keinem Fall behagt haben, und so kam es 1931 in Berlin zum offenen Bruch: Adler soll Sperber angeschrieen habe, er solle Abstand von seinen Werbungen für die kommunistische Partei nehmen.

Von 1927 bis 1933 lebte Sperber in Berlin; 1931 hatte er die Sowjetunion besucht, wo er in Moskau an der VII. Psychotechnischen Konferenz teilnahm. Eine ähnliche Begeisterung für die Sowjetunion wie viele andere Berichterstatter scheint ihn nicht erfüllt zu haben, doch blieb er seiner Überzeugung treu, auch als er 1933 Deutschland verlassen musste und über Prag und Wien nach Zagreb kam, die erste und auch entscheidende Etappe seines Exilantendaseins.

Dieser Aufenthalt lieferte ihm stofflich die Grundlage für seinen Roman Wie eine Träne im Ozean. Im Jahre 1934 wurde er im Auftrag der Partei nach Paris geholt; er war im organisierten Widerstand gegen den Nationalsozialismus tätig, aber sehr bald, nach eigenen Aussagen bereits 1932, seien ihm Zweifel an der Partei gekommen, er wurde zum Renegaten: Er vollzog den Austritt nicht mit einem öffentlichen Eklat wie Arthur Koestler 1938, sondern verfasste einen ausführlichen Rechenschaftsbericht. Die Analyse der Tyrannis (erschienen1939) ist die erste größere Schrift, die sich gegen den Nationalsozialismus und gegen den Stalinismus richtet.

Bruch mit Kommunismus

Durch diesen Bruch begab sich Sperber in die Isolation; die ökonomische Situation in Frankreich war prekär. Die Romantrilogie Wie eine Träne im Ozean entstand in dieser bedrückenden Lage in der Zeit von 1940 bis 1945: "Der Versuchung, ein Schriftsteller zu werden, hatte ich seit meiner frühen Jugend widerstanden. Diesmal aber gab ich endlich nach, denn nicht zu schreiben war nun schwerer geworden, als zu schreiben." Alle Auswege schienen versperrt, es blieb nur das Schreiben, ein Schreiben, das sich um seine ästhetische Fundierung kaum kümmert, sondern eines, das darauf aus ist, nicht "die verlorene Zeit zu suchen," sondern "aufs neue die Hoffnungen zu erleben, die inzwischen vernichtet worden waren, und um ihren Sinn zu entdecken". Kann man über den künstlerischen Rang des Romans streiten, so ist er doch als Text heute noch gültig, wenn es um den Orientierungsverlust jener geht, die auf der Suche einer Alternative zu einer politischen Gefahr sich einer anderen ausliefern. Auch wenn der Held Dojno Faber als Heimatloser an das Schicksal des Autors erinnert, so ist der Roman doch alles andere als ein Schlüsselroman, für den "die Politik Rohstoff, aber nicht Thema ist". Solche Schreibanlässe sind, wie Michael Rohrwasser gezeigt hat, in der Renegatenliteratur durchaus üblich.

Autorität als Essayist

Im Jahr 1942 war Sperber in die Schweiz geflüchtet, von wo er nach Kriegsende wieder nach Frankreich zurückkehrte. Als Redakteur für kulturpolitische Zeitschriften, als Instanz in Verlagen in Deutschland und Österreich, vor allem als Essayist galt Sperber bald als Autorität. Seine Erfahrungen mit der kommunistischen Partei, seine Abwendung von dieser machten ihn zu einem Kronzeugen für ein antikommunistisches Bündnis westeuropäischer Intellektueller, dem er auch wortgewandt in seinen Traktaten beisprang.

Nun veröffentlichte er auch zahlreiche Essays zu Dostojewski, Nietzsche, Hamsun, Koestler und zu Malraux, mit dem ihn nicht nur ein gemeinsames Schicksal, sondern auch Freundschaft verband. Dass indes dieser die Jugend um das Jahr 1968 nicht immer gewogen sein konnte, versteht sich von selbst. Sperber wurde immer wieder als maßgebliche Instanz angerufen, als radikalen Gruppen, darunter die Rote Armee Fraktion vor allem Deutschland mit Terror bedrohten - eine Entwicklung, die der intellektuellen Linken in Europa wohl den denkbar größten Schaden zufügte.

Für viele Wortführer der Sozialdemokratie wurde Manès Sperber zum verlässlichsten Stichwortgeber, doch reichte das Spektrum jener, die ihm vertrauten, auch bis in Formationen, die weiter rechts angesiedelt waren. In Deutschland und Österreich wurde Sperber durch zahlreiche Preise geehrt, so durch den renommierten Büchnerpreis im Jahre 1975. Die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, der Sperber 1983 verliehen wurde, sorgte für gewaltige Erregung, obwohl Sperber in seiner von einem Freund verlesenen Ansprache nur das sagte, was er immer schon gesagt hatte. Er warnte vor dem Expansionsdrang der Sowjetunion, und er nahm die usa in Schutz und meinte, dass die "alten Europäer selbst gefährlich werden [müssten], um den Frieden zu wahren".

Diese Worte erhalten, mehr als zwanzig Jahre später, einen merkwürdigen Beigeschmack. Damals galten sie als inkorrekt und als Provokation. Dass man Sperbers eigene Erfahrungen bei der Bewertung in Rechnung stellen müsste, wurde nur von wenigen zur Kenntnis genommen.

Obwohl Sperbers Schriften und vor allem seine Position auch heute noch immer wieder zitiert werden, so lässt eine Sperber-Renaissance noch auf sich warten. Immerhin ist doch auf einiges zu verweisen, das für Sperber getan wurde, so die Monografie der kroatischen Germanistin Mirjana StanÇci´c (2003), die auf Grund sorgfältigen Quellenstudiums die recht umständlichen Wandlungen dieses Lebens exakt nachzeichnet; im Nachlass fand sich der unpublizierte Roman Der Charlatan und seine Zeit aus dem Jahre 1924, der 2004 ediert wurde.

Wert der Autobiografie

Doch der emsige Betrieb der Kultur- und Literaturwissenschaftler läuft sonst an ihm vorbei. Um Canettis 100. Geburtstag entfaltete sich eine ungleich größere Betriebsamkeit. Mag sein, dass sich Sperber zwischen die Stühle verschiedener Disziplinen gesetzt hat und sich für ihn keine einzelne Wissenschaft zuständig fühlt. Doch den Erzähler gilt es wieder zu entdecken; zunächst den Roman, dann vor allem die dreibändige Autobiografie, und da vor allem den ersten Band Die Wasserträger Gottes, ein Bericht über die Kindheit in Galizien, frei von der Schlacke zeitgenössischer Befangenheiten und vielleicht gerade deswegen ein auch in gesellschaftlicher Hinsicht aussagekräftiges Dokument, in dem er der von ihm zur höchsten Autorität erhobenen "Religion des guten Gedächtnisses" dient.

BUCHTIPP:

CHARLATAN UND SEINE ZEIT

Von Manès Sperber

Hg. v. Mirjana Stancic und

Wilhelm Hemecker

Edition Gutenberg im Leykam Verlag Graz u. Wien 2004, 214 S., geb., e 24,90

Buchpräsentation:

Justizpalast in Flammen. Ein brennender Dornbusch Das Werk von Manès Sperber, Heimito von Doderer und Elias Canetti angesichts des 15. Juli 1927

Montag, 12. Dezember, 19 Uhr Festsaal des Justizpalast (Schmerlingplatz 19, 1010 Wien)

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