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Ölig goldene Silicon Taiga

Sibirien ist schwerreich und ein leuchtendes Beispiel der Verschwendung von Ressourcen. Trotzdem oder gerade deshalb braucht es für seine Entwicklung Geld - und Nachwuchs.

Sibirien ist ein bisschen wie Manhattan. Zumindest vom Satelliten aus. Die Nachtbilder, die er schießt, zeigen unendliche Lichterketten. Und das nicht, weil das Riesenterritorium so toll elektrifiziert wäre. Der Grund liegt darin, dass Ölgesellschaften ihr Gas abfackeln. Dabei ist das Problem kein sibirisches, sondern ein gemeinrussisches. Aber weil Russland eben zu einem beträchtlichen Teil aus Sibirien besteht, eben auch ein sibirisches. Russland war nie sparsam im Umgang mit Ressourcen, ob mit menschlichen oder ökologischen - mit energetischen schon gar nicht. Und so dürfen Ölgesellschaften das mitgeförderte Gas weder verkaufen, weil der immer noch nicht reformierte und ineffiziente Gasriese Gasprom auf dem Monopol sitzt, noch transportieren, weil das Pipelinesystem eben auch ein Staatsmonopol ist. So entstehen Lichterketten. In Sibirien brennt Gas Tag und Nacht vor sich hin.

Monopol der Ineffizienz ...

Sibirien - das ist Öl und Gas, jene zwei Rohstoffe, von denen Russlands Ökonomie nach wie vor einseitig abhängt. Und die Welt hängt immer mehr an Russlands Energieressourcen. Nicht nur Europa wird die Abnahme der Ölförderung in der Nordsee noch enger an Russland binden, die hohen Energiepreise, der steigende Energiebedarf und der Wunsch nach weniger Abhängigkeit vom Nahen Osten machen auch China, Indien und Japan zu Bittstellern im Kreml. Dieser hat auf die steigende Nachfrage reagiert, seine Ölförderung in den letzten fünf Jahren um 50 Prozent gesteigert, die Erdgasförderung als weltweit größter Produzent um fünf Prozent.

Aber die steigende Nachfrage verlangt nach weiterer Aufstockung. Und da gibt es Hürden, die gerade Sibirien betreffen. Drei Viertel der west- und ostsibirischen Ölfelder sind mittlerweile zu rund 50 Prozent ausgebeutet. Und die neu entdeckten Ölfelder enthalten in der Regel fünfmal weniger Öl als die vor 30 Jahren entdeckten. Zur Ausbeutung schwer zugänglicher Förderstätten braucht es ausländisches Know-How, konstatieren Experten. Das freilich kollidiert mit der nun grassierenden Staatsidee, "strategische" Vorkommen, will heißen die lukrativsten, den aufsteigenden Staatsunternehmen zuzuschanzen. Auch braucht es dringend neue Exportrouten.

Das alles sind letztlich sibirische Probleme. Manifest geworden nicht zuletzt am Fall Yukos. Dessen Chef Michail Chodorkowski, der mittlerweile in einem sibirischen Gefängnis sitzt, hat sich 1999 auch mit dem Plan zu weit hinausgelehnt, eine eigene Pipeline vom Baikalsee direkt ins chinesische Dacin zu legen. Das hat der Staat abgewürgt.

... ein zaudernder Staat ...

Denn er hat sich im Unterschied zum westsibirischen Öl noch nicht entschieden, wer das ostsibirische Öl letztlich bekommen soll. Japan und China wetteifern. Deren Bedarf entspricht Russlands nationale Energiestrategie, den Exportzuwachs bis 2020 von West nach Ost zu verlagern. Immerhin hat Russland vor einem halben Jahr nach fünf Jahren Diskussion das erste Teilstück der neuen Großpipeline durch Ostsibirien begonnen. In einem ersten Schritt wird bis Mitte 2008 die Pipeline aus der Stadt Tajschet westlich des Baikalsees bis nach Skovorodino, 70 Kilometer nördlich der chinesischen Grenze im Gebiet Amur, errichtet. Ihre Kapazität: 30 Millionen Tonnen. Die jetzige Lösung, die 6,5 Milliarden Dollar verschlingt, sieht nach einer Bevorzugung Chinas aus, kann aber auch als Kompromisslösung gelten, da für die erste Bauphase auch die Inbetriebnahme des Terminals im russischen Pazifikhafen Nachodka nahe Japan festgeschrieben ist. Russland steht es ab 2008 frei, von Skovorodino aus China wie schon jetzt via Bahntransport zu versorgen oder Öl - ebenso mit Tankwagen - nach Japan zu liefern. Wer letztlich in welchem Ausmaß Nutznießer sein wird, wird von der zweiten Bauphase mit ihrer geplanten Kapazitätserhöhung abhängen. Auf einen Zeitplan legt sich Russland nicht fest, und das mit gutem Grund. Denn nach derzeitigem Stand hat man in Ostsibirien nur zwei große Lagerstätten erkundet - sie reichen zur Füllung der Pipeline nicht aus. Experten urgieren, in allernächster Zeit in die vernachlässigte Erkundung Ostsibiriens zu investieren. Der russische Pipelinemonopolist Transneft seinerseits sieht den Pipelinebau als besten Motor für die Ölfirmen, nach Ostsibirien zu blicken.

Nun bedeutet Sibirien nicht nur Öl und Gas, es bedeutet auch das ganze Spektrum der Metalle. Und die großen Aufsteiger des letzten Jahres waren die Magnaten der Metallbranche. Nach dem Kollaps der Sowjetunion praktisch tot, erblühten die privatisierten Kombinate in der Metall-Hausse zur Industrie-Weltmacht. Die Konkurrenzfähigkeit der russischen Riesen liegt zum einen an den niedrigen Lohn- und Energiekosten. Zum anderen sind sie vertikal integriert und vereinigen die ganze Produktionskette in einem Konzern.

Metallvorkommen haben Städte geschaffen. Fabrik und Stadt verschmelzen nicht nur im Namen. Norilsk etwa, wo mit Norilsk Nickel der weltgrößte Produzent von Platin-Metallen und Nickel den Ton angibt. Hier werden 50 Prozent der weltweiten Palladiumvorkommen und 17 Prozent des weltweiten Platins produziert. 95 Prozent der russischen Nickel- und Platinmetallvorkommen liegen allein im Verwaltungskreis Krasnojarsk. Dessen Gouverneur ist Alexandr Chloponin. Die Metalle haben ihn zum schwerreichen Oligarchen gemacht. Oligarchen in die Politik, das ist eine Strategie, die gerade in Sibirien verbreitet ist. Sie sitzen auf den Ressourcen der Regionen, von ihnen erwartet sich die Zentrale auch, die Gebiete auf Vordermann zu bringen.

... tankt Sibiriens Reichtum ...

Und die Welt erwartet sich Nachschub. Wenn sich die Schönen und Reichen mit neuen Brillanten eindecken, stammen die Edelsteine immer häufiger aus den unwirtlichen Gegenden Sibiriens. Russland hat sich zum weltweit größten Diamanten-Produzenten entwickelt und dabei sogar Botswana hinter sich gelassen. Der Staatskonzern Alrosa, der fast 100 Prozent der Produktion abdeckt, setzte im Diamantengeschäft in jenem Jahr 2003 knapp zwei Milliarden Dollar um. Nach jüngsten Erkenntnissen verfügt Russland über Diamanten-Reserven von mindestens 825 Millionen Karat (je 0,2 Gramm).

Dazu kommt Gold, von dem Sibirien die drittgrößten erkundeten Vorkommen nach Südafrika und den usa hortet. Etwa 700 Betriebe mit etwa 350.000 Beschäftigten arbeiten allein in dieser Branche.

... und zahlt nicht viel dafür ...

Diese Großbetriebe schaffen an ihren Standorten Wohlstandinseln. Nicht dass sie ihre Mitarbeiter generös entlohnen würden, aber der Lohn kommt regelmäßig, das Einkommen ist stabil. Dass die Kaufkraft steigt, bestätigt zuletzt etwa der Expansionsboom der westlichen Bierkonzerne auch nach Sibirien.

Geringer ist das Einkommen abseits des Rohstoffsektors, wiewohl sich einige Branchen sehen lassen können. Die Rüstungsschmiede Irkut etwa in der Nähe des Baikalsees, mit 15.000 Mitarbeitern Russlands größter privater Flugzeugbauer. Der Staat hält über den Kampfjet-Hersteller Sukhoi bisher 14,7 Prozent. Im Vorjahr ging Irkut als erster russischer Rüstungsbetrieb an die Börse. Große Hoffnung ist das Amphibien-Flugzeug Berija be-200, das als Feuerlösch-Jet zwölf Tonnen Wasser binnen 20 Sekunden aufnehmen kann. Weltweit soll der europäische Flug- und Weltraumkonzern eads beim Vertrieb helfen.

Sibirien hilft indes mit Computerspezialisten aus. Das Zentrum der Internettechnologie hat sich in Novosibirsk herausentwickelt, vom sibirischen "Silicon Valley" spricht man gern - Spitzname "Silicon Taiga". Im "Wissenschaftsstädtchen" von Akademgorodok, 20 Kilometer südlich von Nowosibirsk, lebten und forschten zu Sowjetzeiten tausende Wissenschaftler. 1991 wurde das Geld für Forschung knapp, das gesammelte Wissen aber blieb. Die russischen "Komputerschiki" genießen einen guten Ruf und sind vergleichsweise billig. it-Projekte westlicher Firmen werden neben Moskau und St. Petersburg auch in Novosibirsk abgewickelt. Die Gehälter liegen zwar naturgemäß hinter dem Ölsektor zurück, sind aber dennoch überdurchschnittlich hoch. Die Fluktuation der Arbeitskräfte ist daher mit kolportierten zehn Prozent eher gering.

Trister sieht es abseits der Wohlstandsinseln aus, dort stellt sich weniger die Frage der Fluktuation als der generellen Abwanderung. Einer der größten Migrationsströme findet in Russlands Osten statt. Dabei wird die Region nicht entleert, sondern vom großen und gefürchteten südlichen Nachbarn China (4.259 Kilometer gemeinsame Grenze) aufgefüllt. Die ethnische Zusammensetzung ändert sich zusehends, von der "Gelben Bedrohung" ist in Russland vermehrt die Rede. Auch als geopolitisches Problem wird die friedliche ökonomisch-demografische Expansion vorgeführt. "Im Fernen Osten und in Sibirien dürfte das geopolitische Schicksal des Landes in diesem Jahrhundert auf die Probe gestellt und vielleicht sogar entschieden werden", schreibt Dmitri Trenin in seinem neuen Buch "Russland. Die gestrandete Weltmacht".

... oft fehlen die Mittel

Zum ökonomischen Problem kommt das der Entvölkerung und des abnehmenden Kontaktes zum Zentrum, will heißen eine Entfremdung vom europäischen Landesteil. Als Chodorkowski Mitte November aus dem Gefängnis heraus dem Land einen sozialökonomischen Gesundungskurs anempfohl, urgierte er nicht nur große Finanzmittel zur Erhöhung der - dramatisch sinkenden - Geburtenrate. Er forderte bezeichnenderweise jährlich 200 Milliarden Dollar auf die nächsten fünf bis zehn Jahre zur Entwicklung Ostsibiriens und des Fernen Ostens.

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