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Österreich in guter Hoffnung?

1945 1960 1980 2000 2020
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Ein richtiger "Baby-Gipfel" sollte das Treffen werden. Doch es blieb wieder einmal bei einer vollmundigen Ankündigung. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union konnten vergangenes Wochenende in Stockholm kaum etwas präsentieren, was (junge) Menschen in Europa ermutigen könnte, wieder mehr Nachwuchs zu bekommen.

Die Zeit für die geplanten Themen "stagnierende Geburtenraten, Über-alterung Europas, mangelnde Kinderbetreuung und die fehlenden Erwerbschancen von Frauen" war so knapp bemessen, dass sowieso nicht viel herauskommen konnte. Viel Spektakel, wenig Ergebnisse. Eine deprimierende Nachricht für alle, die Kinder mögen und als unverzichtbar für die gesellschaftliche Entwicklung Europas sehen. Und das tun wir doch im Grunde alle. Wir wollen die Kinder - und dennoch kommen immer weniger auf die Welt. Derzeit rechnen die Experten daher wild herum, in welcher Größenordnung wir doch mehr Zuwanderung brauchen werden, um diesen Bevölkerungsschwund wenigstens halbwegs abbremsen zu können.

Die Entscheidung für ein Kind ist nicht einfach. Viel zu viel spricht in der modernen Welt dagegen: Die qualifizierte Ausbildung, die Karriere, die Unsicherheiten der Wirtschaftswelt, der drohende Stress mit Kind und Beruf, die Unberechenbarkeit der Beziehung, die vielen Optionen zur Selbstverwirklichung. Diesen Verlockungen steht eigentlich nur das Glück gegenüber, Eltern zu werden. Klingt schon fast wie Luxus, den sich viele Paare heute lieber nicht leisten. Die meisten Frauen wollen zwar Kinder, aber wissen ganz genau, dass sie - allen Lippenbekenntnissen zum Trotz - sowieso auf dem Löwenanteil der familiären Arbeit sitzen bleiben und dazu oft die beruflichen Chancen futsch sind. Denn die wirtschaftliche Macht ist immer noch in den Händen (meist traditionell denkender) Männer. Dort werden die knallharten ökonomisch-sozialen Bedingungen vorgegeben, die in der Regel gegen die familiären Interessen von Müttern, Vätern und Kindern gerichtet sind.

Österreichs neuer Weg zu mehr Familienfreundlichkeit wurde kürzlich mit großem Hurra ausposaunt (siehe Nr. 11, Seite 1). Das erhöhte Kindergeld sei geradezu "ein Modell für Europa" schwärmte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auch vor dem Stockholmer Treffen. 6.000 Schilling im Monat, für alle! Das erspare uns in Zukunft die Einwanderung, ließ er dazu verlauten. Wir werden also selber schauen, dass wir nicht vergreisen.

Der "große Wurf" entpuppte sich allerdings als doch nicht wirklich durchdacht, bevor man damit an die Öffentlichkeit ging. Unter viel Geächze müssen jetzt bis Ostern erst "Einzelheiten" wie der wichtige Kündigungsschutz und die Grenzen für Zuverdienstmöglichkeiten abgeklärt werden.

Trotzdem kann das Kindergeld, das unter dem Motto "Wahlfreiheit" propagiert worden ist, eine ganz gute Sache werden. Die Eltern bekommen höhere finanzielle Zuwendungen, und sie können selbst entscheiden, wie sie es verwenden wollen. Weiterarbeiten und mit dem Geld die Kinderbetreuung finanzieren. Oder zu Hause bleiben und das Geld als Entschädigung für die Erziehungsleis-tung ansehen. Wie die Mütter und (falls vorhanden) die Väter sich das einteilen, bleibt ihnen überlassen - je nach individueller Situation.

Dennoch: wirklich sinnvoll kann das Kindergeld erst werden, wenn die offenen Punkte zufriedenstellend geklärt sind und - wenn es dazu flankierende Maßnahmen gibt. Die muss es geben.

Mit der neuen Regelung wurde ganz offensichtlich eine Entscheidung in Richtung Liberalismus, mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation getroffen. Hier habt ihr das Geld. Macht damit, was ihr wollt. Dazu muss man den Eltern allerdings auch die Möglichkeiten geben. Dieser auf Bundesebene getroffenen Finanz-Entscheidung müssen vor Ort, in den Ländern und Gemeinden, die entsprechenden Komplementärmaßnahmen folgen. Das heißt, Einrichtungen, die es den Eltern auch ermöglichen, zu wählen.

Wer so viel Geld in Zukunft verteilen will, muss außerdem die Kraft und den Mut für die entsprechenden Bewusstseinsveränderungen haben. Das heißt: Die Politik muss sich endlich auch der Frage widmen, in welche wirtschaftlichen und familiären Strukturen Kinder heute überhaupt hineingeboren werden (sollen)? Das geht nur, wenn ein paar grundsätzliche, erkenntnisreiche Ausflüge in die reale Welt der Kinder und der Eltern mit ihren Sorgen, Problemen und Orientierungsnöten unternommen werden.

Über Kinder und ihre Lebenswelt müsste in einer auf Wissen und Information ausgerichteten Gesellschaft politisch-medial ganz anders diskutiert werden. Derzeit gibt es meist nur Standpunktdiskussion. Diverse Kolumnistinnen schreiben in der Regel lediglich aus ihrem persönlichen Erfahrungshorizont. Oder wir bekommen "Star-Mütter" präsentiert, die sowieso alles "mit links" managen.

Was wir brauchen, sind groß-angelegte Untersuchungen, was Kinder den Österreicherinnen und Österreichern wirklich bedeuten. Was heißt "Kindheit" heute? Die meisten Eltern versuchen, alles "pädagogisch richtig" zu machen. Aber was gut und richtig ist, darüber herrscht größte Uneinigkeit. In ihrer Unsicherheit bleiben die Väter und Mütter dann meist allein.

Wer Hoffnung verbreiten will, dass vieles nicht gegen, sondern alles für Kinder spricht, muss das mit einer herzhafteren und grundsätzlicheren Politik angehen als bisher. Vieles wurde versäumt und verschlafen, auch (und besonders) von diversen Frauenministerinnen. Wenn jetzt das finanzielle Füllhorn ausgeschüttet wird, ist das nicht falsch. Eine durchdachte, ermutigende und glaubwürdige Politik für eine kinderfreundlichere Gesellschaft ist das aber noch lange nicht.

Ein richtiger "Baby-Gipfel" sollte das Treffen werden. Doch es blieb wieder einmal bei einer vollmundigen Ankündigung. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union konnten vergangenes Wochenende in Stockholm kaum etwas präsentieren, was (junge) Menschen in Europa ermutigen könnte, wieder mehr Nachwuchs zu bekommen.

Die Zeit für die geplanten Themen "stagnierende Geburtenraten, Über-alterung Europas, mangelnde Kinderbetreuung und die fehlenden Erwerbschancen von Frauen" war so knapp bemessen, dass sowieso nicht viel herauskommen konnte. Viel Spektakel, wenig Ergebnisse. Eine deprimierende Nachricht für alle, die Kinder mögen und als unverzichtbar für die gesellschaftliche Entwicklung Europas sehen. Und das tun wir doch im Grunde alle. Wir wollen die Kinder - und dennoch kommen immer weniger auf die Welt. Derzeit rechnen die Experten daher wild herum, in welcher Größenordnung wir doch mehr Zuwanderung brauchen werden, um diesen Bevölkerungsschwund wenigstens halbwegs abbremsen zu können.

Die Entscheidung für ein Kind ist nicht einfach. Viel zu viel spricht in der modernen Welt dagegen: Die qualifizierte Ausbildung, die Karriere, die Unsicherheiten der Wirtschaftswelt, der drohende Stress mit Kind und Beruf, die Unberechenbarkeit der Beziehung, die vielen Optionen zur Selbstverwirklichung. Diesen Verlockungen steht eigentlich nur das Glück gegenüber, Eltern zu werden. Klingt schon fast wie Luxus, den sich viele Paare heute lieber nicht leisten. Die meisten Frauen wollen zwar Kinder, aber wissen ganz genau, dass sie - allen Lippenbekenntnissen zum Trotz - sowieso auf dem Löwenanteil der familiären Arbeit sitzen bleiben und dazu oft die beruflichen Chancen futsch sind. Denn die wirtschaftliche Macht ist immer noch in den Händen (meist traditionell denkender) Männer. Dort werden die knallharten ökonomisch-sozialen Bedingungen vorgegeben, die in der Regel gegen die familiären Interessen von Müttern, Vätern und Kindern gerichtet sind.

Österreichs neuer Weg zu mehr Familienfreundlichkeit wurde kürzlich mit großem Hurra ausposaunt (siehe Nr. 11, Seite 1). Das erhöhte Kindergeld sei geradezu "ein Modell für Europa" schwärmte Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auch vor dem Stockholmer Treffen. 6.000 Schilling im Monat, für alle! Das erspare uns in Zukunft die Einwanderung, ließ er dazu verlauten. Wir werden also selber schauen, dass wir nicht vergreisen.

Der "große Wurf" entpuppte sich allerdings als doch nicht wirklich durchdacht, bevor man damit an die Öffentlichkeit ging. Unter viel Geächze müssen jetzt bis Ostern erst "Einzelheiten" wie der wichtige Kündigungsschutz und die Grenzen für Zuverdienstmöglichkeiten abgeklärt werden.

Trotzdem kann das Kindergeld, das unter dem Motto "Wahlfreiheit" propagiert worden ist, eine ganz gute Sache werden. Die Eltern bekommen höhere finanzielle Zuwendungen, und sie können selbst entscheiden, wie sie es verwenden wollen. Weiterarbeiten und mit dem Geld die Kinderbetreuung finanzieren. Oder zu Hause bleiben und das Geld als Entschädigung für die Erziehungsleis-tung ansehen. Wie die Mütter und (falls vorhanden) die Väter sich das einteilen, bleibt ihnen überlassen - je nach individueller Situation.

Dennoch: wirklich sinnvoll kann das Kindergeld erst werden, wenn die offenen Punkte zufriedenstellend geklärt sind und - wenn es dazu flankierende Maßnahmen gibt. Die muss es geben.

Mit der neuen Regelung wurde ganz offensichtlich eine Entscheidung in Richtung Liberalismus, mehr Eigenverantwortung und Selbstorganisation getroffen. Hier habt ihr das Geld. Macht damit, was ihr wollt. Dazu muss man den Eltern allerdings auch die Möglichkeiten geben. Dieser auf Bundesebene getroffenen Finanz-Entscheidung müssen vor Ort, in den Ländern und Gemeinden, die entsprechenden Komplementärmaßnahmen folgen. Das heißt, Einrichtungen, die es den Eltern auch ermöglichen, zu wählen.

Wer so viel Geld in Zukunft verteilen will, muss außerdem die Kraft und den Mut für die entsprechenden Bewusstseinsveränderungen haben. Das heißt: Die Politik muss sich endlich auch der Frage widmen, in welche wirtschaftlichen und familiären Strukturen Kinder heute überhaupt hineingeboren werden (sollen)? Das geht nur, wenn ein paar grundsätzliche, erkenntnisreiche Ausflüge in die reale Welt der Kinder und der Eltern mit ihren Sorgen, Problemen und Orientierungsnöten unternommen werden.

Über Kinder und ihre Lebenswelt müsste in einer auf Wissen und Information ausgerichteten Gesellschaft politisch-medial ganz anders diskutiert werden. Derzeit gibt es meist nur Standpunktdiskussion. Diverse Kolumnistinnen schreiben in der Regel lediglich aus ihrem persönlichen Erfahrungshorizont. Oder wir bekommen "Star-Mütter" präsentiert, die sowieso alles "mit links" managen.

Was wir brauchen, sind groß-angelegte Untersuchungen, was Kinder den Österreicherinnen und Österreichern wirklich bedeuten. Was heißt "Kindheit" heute? Die meisten Eltern versuchen, alles "pädagogisch richtig" zu machen. Aber was gut und richtig ist, darüber herrscht größte Uneinigkeit. In ihrer Unsicherheit bleiben die Väter und Mütter dann meist allein.

Wer Hoffnung verbreiten will, dass vieles nicht gegen, sondern alles für Kinder spricht, muss das mit einer herzhafteren und grundsätzlicheren Politik angehen als bisher. Vieles wurde versäumt und verschlafen, auch (und besonders) von diversen Frauenministerinnen. Wenn jetzt das finanzielle Füllhorn ausgeschüttet wird, ist das nicht falsch. Eine durchdachte, ermutigende und glaubwürdige Politik für eine kinderfreundlichere Gesellschaft ist das aber noch lange nicht.