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Feuilleton

Oh, wie schön ist AFRIKA!

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Visavis vom Ronacher und wenige Gehminuten vom Haus der Musik entfernt öffnet sich nach dem Läuten an der Adresse Seilerstätte 22 eine Tür - und obwohl weder Musiktheater noch Klangmuseum tritt man in eine andere Zeit, in eine andere Welt, in eine bilderreiche Vorstellung, die auch ohne Töne Afrikas Zauber zum Klingen bringt. Unbekanntes und von der westlichen Zivilisation noch Unberührtes im Bild festhalten, war Hugo Bernatziks Ziel. Getrieben wurde der sich vom Abenteurer und Jäger zum Fotojournalisten und schließlich Ethnologen entwickelnde Wiener Unternehmer von seiner Faszination für das Andere und Unverfälschte. Mit dem wandfüllenden Foto eines Segelboots am Nil startet die Ausstellung und lädt zum Mitfahren ein.

Ich komme gerne mit "die herrlichen schwarzen Menschen" zu besuchen, mit denen das Photoinstitut Bonartes für seine Schau über "Hugo Bernatziks fotojournalistische Beutezüge in den Sudan" wirbt. 2005, damals FURCHE-Außenpolitikredakteur, hat mich eine starke Grippe von der Fahrt ins von Brandschatzung, Vertreibung und Mord heimgesuchte sudanesische Westdarfur abgehalten. 2007 brachte mich eine Reise zu Hilfsprojekten der Caritas lediglich in die Hauptstadt Khartum und Umgebung. Umso lieber nütze ich jetzt die Gelegenheit quasi ums Eck in den Sudan und den Nil aufwärts in den Südsudan, den jüngsten Staat der Welt zu kommen. Dort sind die Urenkel von Bernatziks Begleitern, Gastgebern und Fotomotiven gerade dabei, sich in einem Bürgerkrieg zwischen dem Volk der Dinka und dem der Nuer um die Früchte der erst vor drei Jahren blutig von Khartum errungenen Unabhängigkeit zu bringen. Eine Choleraepidemie im Gefolge der Kriegshandlungen trägt ein übriges dazu bei, dass aus Bernatziks Jagd-und Fotodestination ein Ort für Kriegsberichterstatter und Katastrophenjournalismus geworden ist.

Ein Wiener als Afrika-Autorität

"Kaum eine Gegend im Sudan hat eine so wildbewegte Vergangenheit durchgemacht wie diese südlichen Provinzen", schreibt Bernatzik in seinem Bestsellerbuch "Gari Gari. Leben und Abenteuer bei den Negern am Oberen Nil", das er in zahlreichen Auflagen nach seinen Sudan-Reisen herausgebracht hat. Und mit einer einfachen Erklärung für die kriegerischen Zeitläufe ist er auch gleich bei der Hand: "Allzu viele Völker wohnen hier nebeneinander." Dass Krieg und Sudan immer wieder ein Synonym bilden, diese Erfahrung hatte bereits ein anderer Wiener vor Bernatzik gemacht, für den das arabische Sprichwort besser als für jeden anderen gilt: "Wer das Wasser des Nils getrunken hat, kehrt wieder."

Die Rede ist von Rudolf Slatin, Sohn eines Seidenfärbers aus Ober St. Veit. 1874 hatte er als 17-Jähriger das Studium an der Handelsakademie abgebrochen und war dem Inserat eines Buchhändlers in Kairo gefolgt, der einen Gehilfen suchte. Doch lange begnügte sich Slatin nicht mit den Abenteuern zwischen zwei Buchdeckeln. Er schloss sich einer Gruppe von Kaufleuten, Vermessern, Wissenschaftern und Militärs an, um diese nilaufwärts zu begleiten. Der junge Wiener, der das lebte, was Karl May schrieb, gelangte bis in die Nuba-Berge, musste dort aber wegen einer Revolte von Araberstämmen gegen die anglo-ägyptischen Besatzer seine Reise abbrechen. Ein Krieg, der von diesem Zeitpunkt an Slatins Leben im Sudan bestimmt, und ihm zu einer steilen Karriere in Politik und Militär verhilft.

1900 erhält der zum Brigadegeneral und Generalinspektor des Sudans aufgestiegene Wiener Vorstadtjunge von Queen Victoria den Ritterschlag und avanciert als Bey Rudolf Carl von Slatin Pascha zu einer Afrika-Autorität. Zu der auch Bernatzik im Vorfeld seiner Reisen pilgert. In seinen Werken wird er immer wieder auf Slatin Bezug nehmen, anerkennend die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Sudanesen und Slatin, dieser "einzigartige Erscheinung unter den afrikanischen Pionieren", hervorheben. Im Ausstellungskatalog verweisen die Herausgeber Monika Faber und Martin Pfitscher darauf, dass Bernatzik noch in seinem späten Hauptwerk, dem 1947 erschienenen "Handbuch der angewandten Völkerkunde", die auf Slatin zurückgehende Grundüberzeugung formuliert, dass die "Unzulänglichkeiten der europäischen Kolonialmethoden" einer "fruchtbare Symbiose dieser beiden Kontinente ... über eine von gemeinsamen Idealen getragene Zusammenarbeit" weichen müssten -letzteres findet sich fast wörtlich in der EU-Afrika-Strategie unserer Tage, verkommt aber heute (wie damals) im Kampf um Ressourcen und Einflussbereiche zu oft nur zur rhetorischen Floskel.

Kontakt auf Augenhöhe

Slatin konvertierte zum Islam, um seine Nähe zur Bevölkerung zu demonstrieren. Und Bernatzik, das zeigen seine Fotos, versuchte mit den Afrikanern im Sudan einen für seine Zeit außergewöhnlichen Kontakt auf Augenhöhe herzustellen. Richtungsweisend zeigt das ein Foto, das Bernatzik in Badehose mit gerade gefischtem Riesenbarsch zeigt. Ein unmöglicher Aufzug für europäische Afrika-Reisende und ein Bruch mit Konventionen und Abgrenzungen, die Bernatzik durchaus als Wegbereiter einer Ethnologie jenseits von Rassenkunde erscheinen lassen. Dass er -dem widersprechend -sich und sein Fotomaterial in der Zeit des Nationalsozialismus beschnitten und retuschiert zur Argumentation von rassekundlichen Klassifikationen hergegeben hat, steht auf einem anderen Blatt. Auf jener Seite in Bernatziks Lebenslauf, die von Mitläufertum und Karriereplänen innerhalb des NS-Wissenschaftsbetriebs handelt. Die ausgestellten Fotos zeigen den anderen Bernatzik. Den mit "einer ungetrübten Freude daran, Fremdartigem zu begegnen" (Monika Faber im Ausstellungskatalog) und "in Wort und Bild naturwahre Kulturdokumente der Fremdvölker des Obernilgebietes zurückzubringen. Dies erschien mir umso wichtiger, als anzunehmen war, dass die Eingeborenenkulturen der europäischen Zivilisation zum Opfer fallen und in wenigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören würden"(Bernatzik in "Gari Gari").

Zivilisationskritik

Als "glückliche Menschen" zeigt und beschreibt Bernatzik die Dinka: "Es ist ein Volk, das soziales Elend nicht kennt. Da sie allen Europäisierungsversuchen voll Abneigung gegenüberstehen, lassen die Kolonisatoren sie leben, wie sie es seit Tausenden von Jahren gewöhnt sind, und so sind die von den Auswüchsen der Zivilisation verschont." Bernatzik zieht mit dieser Zivilisationskritik und seinen Bildern wie Texten, die Afrika als Garten Eden und die Menschen als "edle Wilde" beschreiben, an einem Strang, den schon Jean-Jacques Rousseau gezogen hat. Und viele nach ihm: In Afrika sei, schrieb Albert Schweitzer 1954 in einem Brief an Albert Einstein "der Ausweg aus den Verirrungen unserer Zeit zu suchen". Und "wenn man nur zurückkehren könnte zu dieser Nacktheit, Einfachheit, instinktiven Freundlichkeit, näher dem Fühlen als dem Denken, und wenn man noch einmal beginnen könnte", seufzte Graham Greene auf einer Expedition durch die Wildnis Sierra Leones.

"Viele Monate hatte ich fern von europäischer Zivilisation im Verein mit den lebenslustigen Menschen, die wir allzu Kultivierten primitiv nennen, verbracht. Der Zauber solchen Lebens ist groß", beschließt Hugo Bernatzik seine Reisebeschreibung aus dem Sudan. Zwei Stunden bei seinen Bildern von den "herrlichen schwarzen Menschen" und ihrer Welt bieten nur einen kleinen Einblick in diese Welt -aber schon der ist wichtig, das "Ach, Afrika" der täglichen Nachrichtensendungen wieder einmal um das notwendige und richtige "Oh, Afrika" zu ergänzen.

Visavis vom Ronacher und wenige Gehminuten vom Haus der Musik entfernt öffnet sich nach dem Läuten an der Adresse Seilerstätte 22 eine Tür - und obwohl weder Musiktheater noch Klangmuseum tritt man in eine andere Zeit, in eine andere Welt, in eine bilderreiche Vorstellung, die auch ohne Töne Afrikas Zauber zum Klingen bringt. Unbekanntes und von der westlichen Zivilisation noch Unberührtes im Bild festhalten, war Hugo Bernatziks Ziel. Getrieben wurde der sich vom Abenteurer und Jäger zum Fotojournalisten und schließlich Ethnologen entwickelnde Wiener Unternehmer von seiner Faszination für das Andere und Unverfälschte. Mit dem wandfüllenden Foto eines Segelboots am Nil startet die Ausstellung und lädt zum Mitfahren ein.

Ich komme gerne mit "die herrlichen schwarzen Menschen" zu besuchen, mit denen das Photoinstitut Bonartes für seine Schau über "Hugo Bernatziks fotojournalistische Beutezüge in den Sudan" wirbt. 2005, damals FURCHE-Außenpolitikredakteur, hat mich eine starke Grippe von der Fahrt ins von Brandschatzung, Vertreibung und Mord heimgesuchte sudanesische Westdarfur abgehalten. 2007 brachte mich eine Reise zu Hilfsprojekten der Caritas lediglich in die Hauptstadt Khartum und Umgebung. Umso lieber nütze ich jetzt die Gelegenheit quasi ums Eck in den Sudan und den Nil aufwärts in den Südsudan, den jüngsten Staat der Welt zu kommen. Dort sind die Urenkel von Bernatziks Begleitern, Gastgebern und Fotomotiven gerade dabei, sich in einem Bürgerkrieg zwischen dem Volk der Dinka und dem der Nuer um die Früchte der erst vor drei Jahren blutig von Khartum errungenen Unabhängigkeit zu bringen. Eine Choleraepidemie im Gefolge der Kriegshandlungen trägt ein übriges dazu bei, dass aus Bernatziks Jagd-und Fotodestination ein Ort für Kriegsberichterstatter und Katastrophenjournalismus geworden ist.

Ein Wiener als Afrika-Autorität

"Kaum eine Gegend im Sudan hat eine so wildbewegte Vergangenheit durchgemacht wie diese südlichen Provinzen", schreibt Bernatzik in seinem Bestsellerbuch "Gari Gari. Leben und Abenteuer bei den Negern am Oberen Nil", das er in zahlreichen Auflagen nach seinen Sudan-Reisen herausgebracht hat. Und mit einer einfachen Erklärung für die kriegerischen Zeitläufe ist er auch gleich bei der Hand: "Allzu viele Völker wohnen hier nebeneinander." Dass Krieg und Sudan immer wieder ein Synonym bilden, diese Erfahrung hatte bereits ein anderer Wiener vor Bernatzik gemacht, für den das arabische Sprichwort besser als für jeden anderen gilt: "Wer das Wasser des Nils getrunken hat, kehrt wieder."

Die Rede ist von Rudolf Slatin, Sohn eines Seidenfärbers aus Ober St. Veit. 1874 hatte er als 17-Jähriger das Studium an der Handelsakademie abgebrochen und war dem Inserat eines Buchhändlers in Kairo gefolgt, der einen Gehilfen suchte. Doch lange begnügte sich Slatin nicht mit den Abenteuern zwischen zwei Buchdeckeln. Er schloss sich einer Gruppe von Kaufleuten, Vermessern, Wissenschaftern und Militärs an, um diese nilaufwärts zu begleiten. Der junge Wiener, der das lebte, was Karl May schrieb, gelangte bis in die Nuba-Berge, musste dort aber wegen einer Revolte von Araberstämmen gegen die anglo-ägyptischen Besatzer seine Reise abbrechen. Ein Krieg, der von diesem Zeitpunkt an Slatins Leben im Sudan bestimmt, und ihm zu einer steilen Karriere in Politik und Militär verhilft.

1900 erhält der zum Brigadegeneral und Generalinspektor des Sudans aufgestiegene Wiener Vorstadtjunge von Queen Victoria den Ritterschlag und avanciert als Bey Rudolf Carl von Slatin Pascha zu einer Afrika-Autorität. Zu der auch Bernatzik im Vorfeld seiner Reisen pilgert. In seinen Werken wird er immer wieder auf Slatin Bezug nehmen, anerkennend die gegenseitige Wertschätzung zwischen den Sudanesen und Slatin, dieser "einzigartige Erscheinung unter den afrikanischen Pionieren", hervorheben. Im Ausstellungskatalog verweisen die Herausgeber Monika Faber und Martin Pfitscher darauf, dass Bernatzik noch in seinem späten Hauptwerk, dem 1947 erschienenen "Handbuch der angewandten Völkerkunde", die auf Slatin zurückgehende Grundüberzeugung formuliert, dass die "Unzulänglichkeiten der europäischen Kolonialmethoden" einer "fruchtbare Symbiose dieser beiden Kontinente ... über eine von gemeinsamen Idealen getragene Zusammenarbeit" weichen müssten -letzteres findet sich fast wörtlich in der EU-Afrika-Strategie unserer Tage, verkommt aber heute (wie damals) im Kampf um Ressourcen und Einflussbereiche zu oft nur zur rhetorischen Floskel.

Kontakt auf Augenhöhe

Slatin konvertierte zum Islam, um seine Nähe zur Bevölkerung zu demonstrieren. Und Bernatzik, das zeigen seine Fotos, versuchte mit den Afrikanern im Sudan einen für seine Zeit außergewöhnlichen Kontakt auf Augenhöhe herzustellen. Richtungsweisend zeigt das ein Foto, das Bernatzik in Badehose mit gerade gefischtem Riesenbarsch zeigt. Ein unmöglicher Aufzug für europäische Afrika-Reisende und ein Bruch mit Konventionen und Abgrenzungen, die Bernatzik durchaus als Wegbereiter einer Ethnologie jenseits von Rassenkunde erscheinen lassen. Dass er -dem widersprechend -sich und sein Fotomaterial in der Zeit des Nationalsozialismus beschnitten und retuschiert zur Argumentation von rassekundlichen Klassifikationen hergegeben hat, steht auf einem anderen Blatt. Auf jener Seite in Bernatziks Lebenslauf, die von Mitläufertum und Karriereplänen innerhalb des NS-Wissenschaftsbetriebs handelt. Die ausgestellten Fotos zeigen den anderen Bernatzik. Den mit "einer ungetrübten Freude daran, Fremdartigem zu begegnen" (Monika Faber im Ausstellungskatalog) und "in Wort und Bild naturwahre Kulturdokumente der Fremdvölker des Obernilgebietes zurückzubringen. Dies erschien mir umso wichtiger, als anzunehmen war, dass die Eingeborenenkulturen der europäischen Zivilisation zum Opfer fallen und in wenigen Jahrzehnten der Vergangenheit angehören würden"(Bernatzik in "Gari Gari").

Zivilisationskritik

Als "glückliche Menschen" zeigt und beschreibt Bernatzik die Dinka: "Es ist ein Volk, das soziales Elend nicht kennt. Da sie allen Europäisierungsversuchen voll Abneigung gegenüberstehen, lassen die Kolonisatoren sie leben, wie sie es seit Tausenden von Jahren gewöhnt sind, und so sind die von den Auswüchsen der Zivilisation verschont." Bernatzik zieht mit dieser Zivilisationskritik und seinen Bildern wie Texten, die Afrika als Garten Eden und die Menschen als "edle Wilde" beschreiben, an einem Strang, den schon Jean-Jacques Rousseau gezogen hat. Und viele nach ihm: In Afrika sei, schrieb Albert Schweitzer 1954 in einem Brief an Albert Einstein "der Ausweg aus den Verirrungen unserer Zeit zu suchen". Und "wenn man nur zurückkehren könnte zu dieser Nacktheit, Einfachheit, instinktiven Freundlichkeit, näher dem Fühlen als dem Denken, und wenn man noch einmal beginnen könnte", seufzte Graham Greene auf einer Expedition durch die Wildnis Sierra Leones.

"Viele Monate hatte ich fern von europäischer Zivilisation im Verein mit den lebenslustigen Menschen, die wir allzu Kultivierten primitiv nennen, verbracht. Der Zauber solchen Lebens ist groß", beschließt Hugo Bernatzik seine Reisebeschreibung aus dem Sudan. Zwei Stunden bei seinen Bildern von den "herrlichen schwarzen Menschen" und ihrer Welt bieten nur einen kleinen Einblick in diese Welt -aber schon der ist wichtig, das "Ach, Afrika" der täglichen Nachrichtensendungen wieder einmal um das notwendige und richtige "Oh, Afrika" zu ergänzen.