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"Ohne Kunden kein Atomstrom"

Die Umweltbewegung verschläft eine historische Stunde, beklagt Energieexperte Hans Kronberger, denn der liberalisierte Strommarkt eröffnet sauberem Strom riesige Chancen.

Die Furche: Herr Kronberger, nach dem ukrainisch-russischen Gasstreit und dadurch ausgelösten Versorgungsängsten wittert die Atomenergie Morgenluft - ist eine Renaissance der Atomenergie in Europa realistisch?

Hans Kronberger: Es gibt den Versuch einer Renaissance der Atomenergie. Der Theaterdonner in der gegenwärtigen europäischen Energiediskussion dient aber vor allem dazu, zu signalisieren, dass man auch Alternativen zum russischen Gas hat und nicht vollkommen abhängig ist.

Die Furche: Können dem Donner Blitze folgen, ist ein massiver Ausbau der Atomenergie vorstellbar?

Kronberger: Mit Ausnahme von Finnland ist in Europa seit Jahrzehnten kein Atomkraftwerk gebaut worden. Und jeder Neubau ist in Europa sehr schwierig, würde mindestens acht bis zehn Jahre dauern. Unter seriösen Wettbewerbsbedingungen ist die Atomenergie auch nicht konkurrenzfähig. Man müsste sie massiv quersubventionieren, und es sind ja auch die Uranvorräte begrenzt.

Die Furche: Mit der verstärkten Hinwendung zur Atomenergie nach der Ölkrise 1973 wollte man Energieautonomie für Europa erreichen...

Kronberger: ... und diese Idee, dass Europa seine Energie aus Gründen der Wertschöpfung und der Versorgungssicherheit selber produziert, ist ja richtig. Die Technologie ist falsch - weil sie nicht beherrschbar ist und wir kein Endlager haben. Doch anstatt jetzt auf Energieautonomie zu setzen und die erneuerbaren Energieträger stärker einzubeziehen, will man mehr Gasleitungen bauen. Mehr Pipelines bringen aber kein Mehr an Versorgungssicherheit.

Die Furche: Wie schaut es mit der Versorgungssicherheit beim Umstieg auf erneuerbare Energie aus - da heißt es doch immer, die reicht nicht aus.

Kronberger: Der Umstieg ist möglich, das ist x-fach nachgewiesen. Man verweigert nur die Diskussion in diese Richtung. Wir haben in Deutschland gesehen, dass man große Stromproduktionsanteile in kurzer Zeit umstellen kann. Es würde bei uns vielleicht kurzfristig Engpässe geben, aber mit der Investitionssicherheit für Wind, Biomasse, Biogas würde sich das radikal ändern. Die Herstellung von Biogas ist technisch so weit, dass wir in Österreich die Vollversorgung schaffen können. Und denken Sie an den Siegeszug der Windenergie in den letzten zehn Jahren. Wind bringt mittlerweile fast die Leistung, die das Atomkraftwerk Zwentendorf gebracht hätte.

Die Furche: Was ist dann der Grund, dass die Erneuerbaren immer noch im Hintertreffen bleiben?

Kronberger: Die großen Energieversorger wollen zentral produzieren. Dezentrale Produktion würde mit Machtverlust einhergehen. Wenn jeder auf seinem Hausdach Strom produziert, oder im Keller mit seinem an den Heizkessel angeschlossen Stirling-Motor einen Stromgenerator betreibt, ist das ein gigantischer Machtverlust für diese Institutionen.

Die Furche: Der Politik müsste aber doch an der Versorgungssicherheit gelegen sein.

Kronberger: Es besteht kein ernsthaftes Interesse der politischen Parteien, die sehr eng mit den Energieproduzenten verbunden sind, an dem System zu rütteln. Eine Änderung in diesem Bereich geht an den Kern der Machtstrukturen. Und die Regionalversorger sind oft die besten Inserenten in den Medien - da leben viele davon. Das ist auch der Grund, warum es wenig Information über den liberalisierten Strommarkt gibt und nur wenige Stromkunden wissen, dass ein Umstieg auf einen sauberen Stromanbieter leicht möglich ist.

Die Furche: Laut Schätzungen von Greenpeace und Global 2000 sind 20 Prozent des von den österreichischen Energieversorgern gekauften Stroms Atomstrom. Was hätte es für Auswirkungen, wenn Österreich aus diesem Handel mit Atomstrom aussteigt?

Kronberger: Das würde die Investitionssicherheit für neue Atomkraftwerke in Europa massiv schädigen. Die Entscheidung für den Atomausstieg liegt beim Endverbraucher. Der Endverbraucher ist der einzige, der die Macht hat, den Atomstrom aus dem Netz zu verdrängen. Und zwar dadurch, dass er seinen Strom bei einem zertifizierten Anbieter kauft, der nachweisen muss, woher sein Strom kommt, und der keinen internationalen Mix zukauft.

Die Furche: Der Stromkunde wird bei einem "sauberen" Anbieter aber wahrscheinlich tiefer in die Tasche greifen müssen.

Kronberger: Das stimmt nicht, die österreichischen Anbieter von sauberem Strom sind konkurrenzfähig, und der Strom kostet bei ihnen zum allergrößten Teil nicht mehr als bei den jeweiligen Regionalversorgern, die hohe administrative Aufwände haben, große Paläste betreiben und mit ihren Stromeinnahmen ja auch ein Werbevolumen finanzieren, das großteils den politisch Verantwortlichen zugute kommt. Für die Anbieter von sauberem Strom ist allerdings der Endkunde wichtig. Sonst müssen sie auf der Strombörse mit Atomstromanbietern in Wettstreit treten.

Die Furche: Beim Telefon ist der Wechsel von einem Anbieter zum anderen gang und gäbe. Warum hat sich diese Philosophie auf dem liberalisierten Strommarkt noch in keiner vergleichbaren Weise durchgesetzt?

Kronberger: Da herrscht gigantischer Aufklärungsbedarf. Selbst engagierte Umweltschützer wissen nicht, dass der Umstieg zu einem sauberen Stromanbieter aus einer Unterschrift besteht. Viele meinen auch, Strom aus erneuerbarenQuellen sei immer noch teurer, oder es hapere an der Versorgungssicherheit - das ist Unsinn: Stromnetz und Stromproduktion sind getrennt, und der Netzbetreiber muss jeden Abnehmer gleich behandeln, egal von wem dieser seinen Strom bezieht.

Die Furche: Gerade Österreich mit seiner schon zum Mythos hochstilisierten Anti-Atom-Tradition müsste aber doch ein Eldorado für saubere Stromanbieter sein.

Kronberger: In Österreich haben über 900.000 Menschen gegen Temelín unterschrieben. Wenn die umsteigen, gibt es in ganz Europa keinen Investor mehr, der noch in Atomkraft investiert. Die Investitionssicherheit wäre nicht mehr gegeben. Es müsste ja jeder fürchten, dass dieses Beispiel Schule macht. Die Liberalisierung des Strommarktes wollte nicht den sauberen Anbietern eine Bühne bieten, sondern die heilige Kuh des Wettbewerbs in der eu forcieren - aber sie bietet jetzt die Chance, den Anbietern von sauberem Strom direkte Verbindung zum Endkunden zu schaffen. Eine historische Stunde, die nicht erkannt wird.

Die Furche: Auch nicht von der Umweltbewegung?

Kronberger: Die Umweltbewegung hat derzeit nicht die Kraft, diese historische Chance zu nützen, die durch die am 1. Jänner ausgelösten Versorgungsängste so evident geworden ist. Die Umweltbewegung ist stark, wenn sie gegen einen plakativen Feind auftreten kann. Jetzt, wo sie konstruktiv und unspektakulär ein neues System auf die Beine bringen müsste, versagt sie und verschläft eine Gelegenheit, bei der sie wirklich das System ändern könnte.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

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