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Feuilleton

Opfer und Täter

1945 1960 1980 2000 2020
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Wolfgang Schüssels Interview mit der Jerusalem Post hat für Aufregung gesorgt. Die Aussage, Österreich sei das erste Opfer Hitlers gewesen, sei sich aber auch seiner moralischen Verantwortung bewusst, wurde dem Kanzler als "Rückfall in die alte Lebenslüge" und "Rückschritt hinter die Erklärung Vranitzkys im israelischen Parlament" vorgeworfen.

Die Empörung von roten und grünen Politikern beweist, dass Österreich trotz aller zeitgeschichtlichen Forschung, öffentlichen Debatten und TV-Sendungen kein gemeinsames Geschichtsverständnis, keine parteiübergreifende Sicht des Untergangs der Ersten Republik entwickelt hat. Das Österreich völkerrechtlich gesehen ein Opfer der Hitlerschen Aggressionspolitik war, sollte unbestritten sein. Schließlich ist die Moskauer Deklaration nicht von Nazi-Sympathisanten formuliert worden. Ebenso unbestreitbar ist, dass sich die Zweite Republik mithilfe der Opferthese jahrzehntelang aus ihrer moralischen Mitverantwortung für alles Unrecht zwischen 1938-1945 fortzustehlen versuchte.

So falsch der Missbrauch der völkerrechtlichen Opferthese war, so falsch ist die neuerdings grassierende generelle Täterthese. Aus dem ersten Opfer Hitlers machen heutige Moralisten ganz Österreich zum Täterstaat. Wie alle Generalisierungen ist auch diese falsch; Österreich hatte zwar schon vor 1938 eine stetig wachsende Zahl von Nazis im eigenen Land, ein erheblicher Prozentsatz sympathisierte mit den Nazis nach 1938, und ein noch größerer Prozentsatz war Mitläufer, wie sie Helmut Qualtinger klassisch im "Herrn Karl" verewigte. Überrepräsentiert waren Österreicher auch unter den Kriegsverbrechern. Dennoch sollte nicht unterschlagen werden, dass es Widerstand gab und Menschen, die ihr Leben im Kampf gegen die Diktatur opferten. Die neugegründete Republik bezog 1945 ihre moralische Legitimität aus dem "Beitrag zur eigenen Befreiung" (Moskauer Deklaration).

Wer die Opferthese durch die Täterthese ersetzt, verfälscht nicht nur die Geschichte, er entzieht der Zweiten Republik ihre Gründungsmoral und ihre positive Identität.

Trautl Brandstaller ist ORF-Journalistin und Dokumentarfilmerin.