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Orthodoxes Konzil: eine SCHWERE GEBURT

1945 1960 1980 2000 2020

Am 19. Juni sollen sich die Patriarchen und Kirchenoberen der 14 orthodoxen Kirchen in Kreta zur "Großen Synode" zusammenfinden. Die seit 114 Jahren ins Auge gefasste Versammlung könnte dennoch scheitern.

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Am 19. Juni sollen sich die Patriarchen und Kirchenoberen der 14 orthodoxen Kirchen in Kreta zur "Großen Synode" zusammenfinden. Die seit 114 Jahren ins Auge gefasste Versammlung könnte dennoch scheitern.

So lang die Vorbereitung dieser "Heiligen und Großen Synode der Orthodoxie" gedauert hat, so dramatisch gestaltet sich der Endspurt für ihr Zustandekommen. Wenn der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. gegen alle in letzter Minute vorgebrachten Einwände auf diesem Konzil beharrt, weiß er genau, dass jede Verschiebung für das Jahrhundertvorhaben tödlich wäre. Er will sich daher am 15. Juni programmgemäß aus seinem Amtssitz im Phanar von Istanbul nach Kreta begeben. Dort wird die erste allgemeine Kirchenversammlung der orthodoxen Christen seit Jahrhunderten vier Tage später, dem ostkirchlichen Pfingstsonntag, eröffnet. Doch bleibt es spannend, wie viele der 14 Patriarchen und Oberhirten unabhängiger Landeskirchen dazu tatsächlich erscheinen werden.

Diesem Risiko gibt Bartholomaios I. dennoch den Vorzug vor einer Absage oder auch nur Verzögerung des Vorhabens, um das sich elf seiner Vorgänger 114 Jahre lang bemüht hatten. Angefangen von den Patriarchen Ioakeim III. mit seinem Ruf von 1902 nach einem allorthodoxen Konzil und Meletios IV., der Anfang der 1920er-Jahre einen Reformkongress einberief. Seine Vertreibung aus der Türkei 1923 machte diesen Bestrebungen jedoch ein Ende. Die Konsultation von 1932 am Berg Athos brachte keine Ergebnisse.

Moskau strebt nach Führungsrolle

Erst der große Patriarch Athenagoras I. konnte 1961 unter dem Eindruck des II. Vatikanums der katholischen Kirche den Konsens der gesamten orthodoxen Kirchenfamilie für eine "Heilige und Große Synode" sichern und ihre Vorbereitung in Gang bringen. Die römische Vorgangsweise stand dafür Pate, doch erwiesen sich die Arbeiten der verschiedenen vorkonziliaren Konferenzen und Kommissionen als schwierig und schleppend. Verzögernd wirkte sich dabei in erster Linie zunächst die Abhängigkeit der russisch-orthodoxen Kirche vom Sowjetstaat aus und seit der Wende ihr starkes Selbstbewusstsein nach Überwindung des kämpferisch-atheistischen Kommunismus.

Das Moskauer Patriarchat strebte nun nach der Führung oder zumindest Mitregierung der Weltorthodoxie. Diese Rivalität mit dem Ökumenischen Patriarchen als deren traditionellem Primas, Koordinator und Sprecher brachte die Konzilsvorbereitungen in den 1990er-Jahren so gut wie zum Stillstand. Erst das orthodoxe Gipfeltreffen (Synaxis) von 2008 im Phanar führte zur Wiederannäherung zwischen Konstantinopel und Moskau. In der Folge wurden heiße Eisen wie eine neue Führungsstruktur der Orthodoxie oder größere Reformen von Liturgie und Kirchendisziplin für später aufgeschoben und ein relativ kleiner Themenkatalog mit den Schwerpunkten Ehe und Familie, Erleichterungen beim Fasten und Ökumene aufgestellt. Damit soll sich die erste Konzilssession vom 19. bis 27. Juni in der Orthodoxen Akademie von Kreta befassen.

Alles schien nach Wunsch zu gehen. Dann aber folgte Ende Mai eine Hiobsbotschaft nach der anderen: Als erste stellte die georgisch-orthodoxe Kirche die Teilnahme in Frage. Ihre Führung sieht sich schon seit der Wende vom Kommunismus an der Basis mit einer Mehrheit fanatischer Gegner jeder Reform und Ökumene konfrontiert. Allerdings hatte Patriarch Ilia II. seine Vorbehalte gegen das ohnedies mäßig reformerische Konzilsschema zu Ehefragen und die ebenso vorsichtig formulierte "Ökumenismus-Erklärung" bereits früher geäußert.

Nationale Querelen und Widerstände

Nicht so die Bulgaren, von denen bis zuletzt allem zugestimmt wurde, um jetzt plötzlich mit ihrem völligen Fernbleiben vom Konzil zu schockieren. Aufschlussreich sind die Hintergründe: Nach dem Tod des Langzeitpatriarchen Maxim 2012 versuchte sich der ehrgeizige Metropolit von Plowdiw, Nikolaj Sewastianow, als dessen designierter Nachfolger durchzusetzen. An seiner Stelle wurde aber Neofit Dimitrow von Ruse zum Kirchenoberhaupt gewählt. Sewastianow gab sich zunächst geschlagen, doch begann er in den letzten Monaten gegen das Konzil und damit gegen den Patriarchen zu wühlen. Er sammelte bei fanatischen Mönchen und dem von ihnen fanatisierten Kirchenvolk Unterschriften gegen das "Ketzerkonzil der Ökumenisten". Als er jetzt als Vorsteher der reichsten Metropolie Bulgariens ein Drittel der 120.000 Euro Teilnahmekosten an der Großen Synode übernehmen sollte, erklärte er, das Geld lieber für arme Bulgarinnen und Bulgaren zu verwenden. So gingen dem Patriarchen die Mittel für Kreta aus. Noch vor seiner offiziellen Absage stornierte er den Flug von Sofia ins kretische Chania.

Anders sieht es mit dem Hin und Her um die wechselnden Zu-und Absagen des antiochenischen Patriarchen Johannes X. aus. Dieser hatte schon seit zwei Jahren mit seinem Boykott gedroht, falls nicht vorher der Jurisdiktionsstreit mit dem Jerusalemer Patriarchat um die kirchliche Zuständigkeit für das Golfemirat Katar beigelegt sei. Auf Drängen von Bartholomaios I. erklärte er sich dann aber doch bereit, aufs Konzil zu kommen. Auf diesem sollte dann seine Fehde mit Theophilos III. geschlichtet werden. Als das Ökumenische Patriarchat eine Aussöhnungskommission erst für die Zeit nach der Großen Synode ansetzte, zog sich Johannes X. wieder zurück.

Den Ausschlag für die Infragestellung der ganzen orthodoxen Kirchenversammlung gab aber dann Ende Mai die Kurskorrektur der russisch-orthodoxen Kirche. In einer weitschweifigen Erklärung wies sie auf die ablehnende Haltung der antiochenischen, bulgarischen und georgischen Kirche hin und brachte selbst neue Einwände gegen die Sitzordnung auf dem Konzil vor. Moskau verlangte daher nun ein eigenes Vorkonzil, um alle Differenzen aus der Welt zu schaffen.

Phanar: Jetzt erst recht!

Beobachter im Phanar von Istanbul erblickten darin einen letzten Versuch Moskaus, den Einfluss auf dem Konzil zu Lasten der Kirche von Konstantinopel zu vergrößern. Als darauf deren in Istanbul anwesende Bischöfe Anfang der Woche zu einer Sondersitzung zusammentraten, sah ihre Stimmung ganz nach einem "Jetzt erst recht!" aus.

Ob Patriarch Bartholomaios I. und seine Metropoliten mit dieser Vorgangsweise recht behalten, wird sich erst bei der Konzilseröffnung auf Kreta zeigen. Obwohl Kenner der interorthodoxen Schlagabtäusche damit rechnen, dass mit einiger Sicherheit Russen und Antiochener, vielleicht aber auch Bulgaren und Georgier noch klein beigeben werden. Ein Beispiel dafür hat bereits die orthodoxe Kirche von Griechenland gegeben. Nach scharfen Auslassungen gegen die erwartete "Neuerungssucht und Ökumenismus-Gleichmacherei" auf dem Konzil von Kreta sieht inzwischen die Botschaft derselben außerordentlichen Bischofskonferenz in Athen an das griechische Volk ganz anders aus. Entscheidend dürfte sich auch die volle Unterstützung der rumänisch-orthodoxen Kirche für das Konzil als zweitgrößter nach der Russischen erweisen.

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