PAPIERENE GESTÄNDNISSE

1945 1960 1980 2000 2020

MARTIN WALSER SCHREIBT AN SEINEM THEMA "LIEBE" WEITER: GEDANKENSEITENSPRUNG, EROTISCHE FANTASIE UND LIEBESVERRAT IN FORM EINES BRIEFROMANS.

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MARTIN WALSER SCHREIBT AN SEINEM THEMA "LIEBE" WEITER: GEDANKENSEITENSPRUNG, EROTISCHE FANTASIE UND LIEBESVERRAT IN FORM EINES BRIEFROMANS.

Martin Walser hat das neue Jahrhundert mit einem vielteiligen Altersepos über die Liebe begonnen. Nun folgt, nach dem "Lebenslauf der Liebe", dem "Augenblick der Liebe", der "Angstblüte" und "Ein liebender Mann", ein Roman in Briefen. Auch das "Das dreizehnte Kapitel" ist eine Liebesleidensgeschichte, ein Sachbuch der verliebten Seele, gedämpft durch Ironie. Das Paar: ein erfolgreicher Schriftsteller namens Basil Schlupp und eine evangelische Theologieprofessorin Maja Schneilein, beide glücklich verheiratet, er mit der schreibambitionierten Iris, sie mit dem Molekularbiologen und patentierten Firmengründer Korbinian (schon die Namen sind eine Sache für sich).

Halbierter Dialog

Schlupp und Schneilein lernen sich im grandiosen Eingangskapitel bei einem Empfang in Schloss Bellevue kennen: beim Bundespräsidenten. Darunter macht es Walser nicht, der auch den Bundestagspräsidenten auftreten lässt. Eigentlich eine spannende Ausgangslage, so Walser in einem Vorab-Interview: "Das ist ein Paar, das kann moralisch nur existieren, wenn ihre Beziehung unmöglich bleibt. Denn die sind beide glücklichst gebunden, und schreiben sich trotzdem aufeinander zu -weil sie feststellen, dass sie einander etwas sagen können, was sie sonst nirgends sagen können."

Kann das gut gehen? Um es vorwegzunehmen: nicht ganz. Der Brief ist ein schlecht geeignetes Gefäß für diese Story, und dieses Gefäß ist etwas zu voll. Was soll das heißen? Nun, die für Walsers Schreiben charakteristische Mischung aus Komik und Missmut, aus Melodram und Beichte geht im Brief nicht auf. Man merkt zu gut, dass im Gespräch jeweils der Partner abwesend ist, es bleibt ein halbierter Dialog. Allzu leicht verflüchtigt sich so der doppelte Seelenkummer der wunderlichen Tischnachbarn in papierne Geständnisse.

Und da liegt das zweite Problem. Der Erzähler Walser ist bekanntlich ein "sanfter Wüterich", womit Hans Magnus Enzensberger schon 1961 auf eine große Stärke und eine vielleicht gar nicht so kleine Schwäche des epischen Werkes hingewiesen hat. Die überbordenden Briefe sagen mehr, als passiert. Die Wortschöpfungsketten finden kein Ende. Manche Komposita klingen, nun ja, kitschig: "zierliches Explodieren" oder "Schmuck-Busen-Orgie", oder die Briefschlussformel "Dein von der Aussichtslosigkeit Geblendeter". Das Leiden an den Mängeln der Welt wirkt aufgesetzt, der "Nichtigkeitsschmerz" der Figur künstlich.

Posen und Entblößungen

Kann man das mit der Ironie erklären, mit der berühmten Walser-Formel vom "Ja zum Nein der Welt"? Vielleicht. Aber die Dramatik der intellektuellen Möglichkeiten der Figuren wird dadurch entschärft. Eigentlich geschieht ja gar nichts außer einem Briefabenteuer. Der Mann schreibt sich in Pose, die Frau ziert und entblößt sich rhetorisch. Nach einem Interview Schlupps mit dem Trivialtitel "Gelegenheit macht Liebe" ist die Dame zutiefst beleidigt. Sendepause. Dann ein Bandwurm neuer Briefe. Die kommen von einer letzten Trecking-Tour durch den kanadischen Norden, die sie mit ihrem sterbenskranken Mann Korbinian unternimmt.

Durch die Paarung in Briefen, das verdruckste Wechselspiel von Umwerben, Annäherung, Geständnis, Enthüllung, Wunsch- und Traumdenken verlieren die Figuren an Tiefenschärfe. Ihre religiöse Musikalität, ihre Liebeswunschfähigkeit wird unterbelichtet. Dabei schlägt der Roman ein theologisch hocheminentes Thema auf. Der Theologe Karl Barth, einer der Lieblingsautoren der Theologin, hat einen berühmten Römerbrief-Kommentar geschrieben (mit einer legendenumwobenen Erstausgabe 1919). Walser hat sich darauf in seiner brillanten Harvard-Rede (2011) eingelassen. Wie Barth sieht er den Menschen als Angeklagten vor einer höheren Instanz, wie Barth will er aus dem System des Rechthabenmüssens aussteigen und eine "ungerechtigkeitsabweisende Empfindlichkeit" praktizieren. Nur: Der Roman ist kein Essay. So kann der epische Versuch, die Frage zu lösen, ob das Werk oder die Gnade die Liebe rechtfertigt, nicht richtig gelingen. Die Bezüge zum Römerbrief, auch zu dessen 13. Kapitel über Nächstenliebe und moralischen Wandel, werden meist zu früh gekappt in den Briefen. Hier geht es vorrangig um den Gedankenseitensprung, um die erotische Fantasie, um Liebesverrat. Der Geschlechtsverkehr, heißt es einmal, gehöre zur Kunst, nicht zur Natur. Das ist ,verschluppter' Horaz.

Schade also. In dem Stoff hätte durchaus mehr gesteckt als ein Schlagabtausch von Briefen, die, der Zeit treu, alsbald auch vom "iPhone gesendet" werden. Eine religiöse Parabel, ein Gleichnis auf die Liebe im globalisierten Zeitalter, ein neuro-romantische Fiktion ist das nicht. "Das dreizehnte Kapitel" stammt aus dem großen Buch über die Unmöglichkeit der Liebe, das deren Möglichkeit in der Ehe nicht verschweigt; in Goethes "Wahlverwandtschaften" beginnt ja im 13. Kapitel der Ehebruch mit einem "geheimen Briefwechsel". Martin Walsers Briefroman aber inszeniert die Unmöglichkeit, von einer solchen Liebe zu erzählen. Am Ende verschwindet die Theologin (vermutlich in einem Paarsuizid à la Kleist), und unser trauriger Held mit seinem königlichen Namen bekommt den Titel des Buches, das er schreibt, geschenkt. Ausgerechnet von seiner Frau Iris. Ob das ein Trost ist?

Das dreizehnte Kapitel

Roman von Martin Walser

Rowohlt 2012 272 S., geb., € 20,60

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