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Paradoxe Situation

Die diesjährige Viennale wird von einem Streit zwischen dem Filmemacher Michael Haneke und Hans Hurch, dem Leiter des Filmfestivals, überschattet.

Die Situation ist paradox. Jene Filme, die dem heimischen Kino im heurigen Jahr einen sensationellen internationalen Höhenflug bescherten, werden auf der diesjährigen Viennale, Österreichs größter Filmschau, nicht zu sehen sein. Denn sowohl Michael Hanekes dreifacher Cannes-Gewinner "Die Klavierspielerin" nach dem Buch von Elfriede Jelinek, als auch Ulrich Seidls Venedig-Gewinner "Hundstage" sind nicht im Programm vertreten.

Während für "Hundstage" lediglich "verleihtechnische Überlegungen" (Hans Hurch) dahinterstecken sollen, liegt die Situation im Fall von Hanekes zweitem in französisch gedrehten Film anders. "Es ist kein Geheimnis, dass ich nicht unbedingt ein Haneke-Verehrer bin", sagt Viennale-Direktor Hans Hurch. "Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zu vielen seiner Filme, in denen es etwas gibt, was mir zutiefst widerstrebt".

Michael Haneke entzog darauf hin der Viennale "unter der Leitung von Hans Hurch" seinen Film "Die Klavierspielerin". "Wäre Hurch nicht Festival-Direktor, sähe die Sache anders aus", sagt der Filmemacher.

Die Ursache für den Konflikt zwischen Haneke und Hurch liegt in der Vergangenheit. In einem Interview mit dem Standard verlautete Haneke: "Ich habe noch keinen Film von mir auf der Viennale gezeigt, seitdem Hans Hurch Direktor ist. Von Anfang an habe ich gesagt, solange er das Festival leitet, ist dort nicht mein Platz. Als Hurch noch Filmkritiker war, hat er über Kollegen dermaßen gehässig und bösartig geschrieben, dass ich mir gesagt habe, mit dem Mann will ich nichts zu tun haben".

Veit Heiduschka (Wega-Film), Produzent von "Die Klavierspielerin" sieht die Ursache für den Streit beim Viennale-Direktor: "Herr Hurch ist kein Filmkritiker mehr, sondern Festivalleiter. Als solcher sollte er sich mit seiner privaten Meinung über Filme zurückhalten und sie dem öffentlichen Diskurs stellen. Hurch hätte sich nach dem Triumph in Cannes bei uns melden können, um den Film bei der Viennale zu zeigen. Aber er hatte kein Interesse, denn er hat nie angerufen".

"Stimmt nicht", beteuert Hurch. "Ich hätte den Film gerne gezeigt, wiewohl ich Die Klavierspielerin' für Hanekes konventionellsten Film halte. Aber Haneke wollte ihn nicht freigeben. Außerdem kann ich nicht zwischen meiner privaten Meinung und der als Festivalleiter unterscheiden. Das wäre grotesk". Für Hurch ist die Viennale "kein Durchlauferhitzer" für nachfolgende Filmstarts in den heimischen Kinos. "Wir müssen als Festival Haltung beziehen, und das Publikum soll diese Haltung auch spüren". Die Viennale sei keine "Best-of-Liste aller großen Filme des Jahres", sondern lege vor allem Wert auf einen persönlichen Ausdruck.

Und dieser, so scheint es, lässt Hanekes Filme im Moment nicht zu. "Wenn sich jemand immerfort gegen den österreichischen Film wehrt, dann darf er sich auch nicht wundern, wenn einige Filmemacher ihre Werke dem Festival nicht zur Verfügung stellen", sagt Haneke, der gegenüber der furche an seinen Aussagen im Standard festhält: "Ich meine das, was ich sage, aber ich hätte mich nie dazu geäußert, wenn ich nicht danach gefragt worden wäre".

"Haneke wollte mit dem Standard-Interview eine persönliche Rechnung mit mir begleichen. Ich weiß von vielen Kritikern, dass er sehr empfindlich gegenüber Kritik an seinen Werken ist", sagt Hurch. Aber er räumt auch ein: "Ich habe diesen Konflikt angezündet. Mittlerweile bin ich überzeugt, dass ich damit ein wenig über das Ziel hinausgeschossen habe. Die anderen 20 österreichischen Filme, die bei der Viennale zu sehen sein werden (darunter Jessica Hausners "Lovely Rita", Anm.) gehen durch diesen Streit völlig unter", bedauert Hurch. "Auch, wenn das in erster Linie meine eigene Schuld ist".

Haneke will den Konflikt jedoch nicht überbewerten: "Wir haben im Moment andere Probleme. Es ist pervers, dass der heimische Film einerseits international höchst erfolgreich ist, andererseits zu Hause ums Überleben kämpfen muss". Für Haneke ist der Konflikt mit Hans Hurch daher sekundär: "Ob sich die Herren Hurch und Haneke mögen oder nicht, hat nichts mit der politischen Situation des österreichischen Films zu tun". Die empfindlichen Kürzungen in der Filmförderung seien "echte Probleme", das Fehlen seines Films bei der Viennale dagegen "nur ein Pseudo-Problem, das nicht einen derart großen Platz in der öffentlichen Diskussion einnehmen sollte", meint Haneke, der unterdessen mehr in Frankreich als in Österreich arbeitet. Sein vorletzter Film "Code: Inconnu" (2000) war eine reine französische Produktion, "Die Klavierspielerin" wurde von der französischen Arthaus-Schmiede mk2 koproduziert. "Ich habe jetzt einen Fernseh-Dreiteiler geschrieben, den der ORF nicht wollte, weil er ihm zu lang war. Der liegt nun in der Schublade", sagt Haneke. Zur Zeit schreibt er wieder an einem Kinodrehbuch. Für Frankreich, selbstredend.

Das Kinopublikum, dass bei der Viennale auf Hanekes Cannes-Erfolg "Die Klavierspielerin" wird verzichten müssen, hat jedenfalls dennoch bald Gelegenheit, den Film zu sehen: Der reguläre Kinostart ist der 16. November.

19. bis 31. Oktober

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