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Parallelwelt auf der Rax

Festspiele Reichenau: Regie-Granden und Stars, doch die Inhalte sind zweitrangig.

Über die Festspiele Reichenau zu schreiben, ist kein leichtes Unterfangen. Vier verschiedene Produktionen, in denen Stars auftreten und Granden der Regie inszenieren, erzeugen ein differenziertes Bild. Andererseits schafft Intendant Peter Loidolt eine vorhersehbare Programmatik. Jüngst in einem Radio-Interview auf die sämtlich ausverkauften Vorstellungen angesprochen, verwies er auf die frühzeitige Erwerbung von Karten schon für kommendes Jahr.

Auch wenn weder Stückauswahl noch Besetzung feststehen, die Festspiele Reichenau sind in Ästhetik und Programm berechenbare Theaterveranstaltungen. Trotz unterschiedlicher inszenatorischer Zugänge verbindet die Produktionen eines: die Heraufbeschwörung einer idealisierten Welt, die es schon lange nicht mehr gibt. Vor der imposanten Kulisse der Rax wird ein homogenes Österreichbild inszeniert, das das Publikum sachte miteinschließt und nostalgisch bürgerliche Idyllen-Sehnsüchte anspricht.

Vergangene Probleme

Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann und Carl Zuckmayer sind passende Bausteine in diesem Mosaik, das eine fern zurückliegende Welt wieder lebendig zu machen sucht. Egal, was auf dem Spielplan steht, ob Anton Tschechow oder Joseph Roth, ob Karl Kraus oder Stefan Zweig, in Reichenau kann man sich verlässlich auf eine Parallelwelt freuen, die gerne ein wenig verträumt in elegante Gesellschaften führt und deren Probleme als etwas weit Zurückliegendes zeigt.

Zum ersten Mal steht heuer ein Stück von Gerhart Hauptmann auf dem Spielplan. Vor Sonnenuntergang, ein stark autobiografisch gefärbter Text des großen Naturalisten, der darin seine Beziehung zur wesentlich jüngeren Freundin, der Schauspielerin Ida Orloff, verarbeitete. Man sagt, dass sich Peter Matic´ das Drama zum eigenen 70. Geburtstag gewünscht habe. Er selber spielt darin den im gleichen Alter stehenden Witwer Matthias Clausen, der sich in die 20-jährige Kindergärtnerin Inken Peters (Elisa Seydel) verliebt. Gegen die eigenen Zweifel und die Widerstände der Familie entscheidet sich Clausen für seine Zuneigung zu der jungen Frau. Ihr Liebe entspricht nicht der Norm, Clausens Kinder stellen sich gegen die Verbindung und lassen den Vater entmündigen.

In Beverly Blankenships sensibler Inszenierung überzeugt vor allem Matic´ als zartfühlender Clausen, der sich trotz aller Bedenken für ein selbstbestimmtes Leben entscheidet. Dass Respekt und Toleranz keine allgemein gültigen Werte sind, sondern in dieser gutbürgerlichen Gesellschaft reine Theorie bleiben, trifft ihn - der von einer idealen Weltordnung ausgeht - unvermittelt und schließlich tödlich.

Blankenship setzt auf Atmosphärisches. Im Salon der Familie Clausen herrschen aggressive Rottöne vor, die Gärtnerei bei Peters ist in zarten Grüntönen von einer feinen Wärme, während die nächtlichen Szenen in dunklem Blau Rationalität und Erkenntnismomente heraufbeschwören, vor allem in der Figur des Geiger (Ludwig Hirsch) personifiziert. In dieser homogenen Ensembleleistung sind vor allem Hannes Gastinger als durchsichtig-machtgieriger Schwiegersohn Klamroth, Gertrud Roll als kluge Mutter Peters und Julia von Sell als moralinsaure Schwiegertochter hervorzuheben. Außer der jüngsten Tochter Bettine (Tamara Metelka) bleiben die Kinder von Clausen schwache Charaktere, die die Konsequenzen ihrer kurzsichtigen Handlungsweise nicht abschätzen können.

Einen Tag nach diesem Erfolg fand in Reichenau dann die Premiere von Zuckmayers Hauptmann von Köpenick statt. Regie-Altmeister Alfred Kirchner und Dramaturg Hermann Beil haben im neuen Spielraum die Szenenfolgen exzellent arrangiert. Hier zeigt sich hervorragendes handwerkliches Können, sauber gearbeitete Massenszenen wechseln mit präzisen Dialogen. Mit Martin Schwab als Protagonist Wilhelm Voigt, Jürgen Maurer als Schlettow und Florentin Groll als perfekt berlinerndem Kalle Kallenberg hat Kirchner eine Schauspieler-Partie erster Klasse zur Verfügung, die den kleinen Raum ausgezeichnet bespielt. Das berlinerische Idiom wird konsequent durchgehalten und gibt Zuckmayers Kritik an der Wilhelminischen Ordnung karikierende Authentizität.

Aber auch hier lässt sich sagen, dass trotz verlässlicher Professionalität das Stück mit unserer heutigen Welt scheinbar nichts zu tun hat. Die Kritik an einer bürokratischen Ordnung, in der nicht das "Amt für den Menschen, sondern der Mensch für das Amt" da zu sein habe, wird als Problem einer längst vergangenen Zeit behauptet.

Als Reichenauer Dramatiker-Konstante steht freilich auch wieder Arthur Schnitzler am Spielplan - diesmal mit drei Einaktern, die um die Macht des Begehrens und den Wunsch nach einem "wahrhaftigen Leben" kreisen. Die Schauspieler Regina Fritsch, Nicholas Ofczarek und Michael Dangl garantieren auch hier den Erfolg.

Miese Programmhefte

Das gediegene Erscheinungsbild der Festspiele Reichenau hat Brüche. Neben der Konzentration auf die Star-Besetzung steht ein sorgloser Umgang mit den Inhalten (die schließlich auch austauschbar scheinen). Die Programmhefte sind nicht nur typografische Katastrophen, sondern auch inhaltlich blamabel (beispielsweise sind Namen aus der Weltliteratur falsch geschrieben). Sommertheater ist per se ein schwieriges Unterfangen, vielleicht lassen sich die Schwierigkeiten auch mit Erika Pluhar erklären, die einmal gemeint hat, dass Theater "angesichts der Natur nur zum Spektakel schrumpfe".

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