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Perfektion bis zum Exzess

Die Interviewanfragen, die Michael Haneke aus Anlass zu seinem 70. Geburtstag am 23. März erhalten hat, quittierte er mit lockerer Ablehnung: "Ich finde, ein Geburtstag ist kein Interviewgrund“, sagt er. "Warten wir doch lieber auf den neuen Film.“ Haneke will niemals wirklich über sich selbst sprechen, höchstens über seine Filme. Durch sie drückt sich der Regisseur am besten aus, wie er immer versichert. "Das weiße Band“, "Die Klavierspielerin“ oder "Caché“ haben dazu beigetragen, dass Haneke zu einem der bedeutendsten europäischen Regisseure der Gegenwart wurde, der nicht nur die Goldene Palme, sondern auch einen Golden Globe gewann und eine Oscarnominierung erhielt.

Dabei war das Filmemachen gar nicht Hanekes primärer Berufswunsch: "Es war mein Traum, Dirigent zu werden, aber leider hatte ich dazu zu wenig Talent. Mein Stiefvater war Komponist und Dirigent und sagte mir früh genug, dass das Talent dazu nicht reicht.“ Zurückgenommen ist der Einsatz von Musik in seinen Filmen, denn: "In keinem meiner Filme gibt es Filmmusik, weil mir die Musik zu wichtig ist, um sie dazu zu verwenden, meine Fehler zu kaschieren. Dennoch haben Film und Musik viel gemein: Bei beiden Künsten geht es stark um Rhythmus“, so Haneke, der 1942 in München zur Welt kam. Durch Zufall, sagt er, weil seine Eltern (die Schauspieler Fritz Haneke und Beatrix Degenschild) gerade beruflich in der Stadt waren.

Seit 1974 macht Haneke mit großer Beharrlichkeit und unbeirrbarem, künstlerischem Ausdruck Filme, zunächst für das Fernsehen, wo er etwa mit dem Zweiteiler "Lemminge“ (1979) seine eigene Jugendzeit im düsteren Wiener Neustadt der Nachkriegsjahre aufarbeitete. 1989 drehte er mit "Der siebente Kontinent“ seinen ersten Kinofilm. Die nüchtern-kalte Schilderung eines geplanten Familienselbstmordes ist Auftakt zu seiner Trilogie über die "Vergletscherung der Gefühle“, die durch "Benny’s Video“ und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“ vervollständigt wurde. Alle seine Kinoarbeiten wurden beim Festival in Cannes gezeigt, Hanekes Stil entwickelte sich zu einem Kompendium des Unbequemen, das den Zuschauer und seine Fantasie in die Rolle eines Mitgestalters (Kritiker sagen "Mittäters“) der Macht der Bilder zwängt. Mit der außerordentlichen Brutalität von "Funny Games“ provozierte Haneke 1997 einen Skandal, 2008 drehte er ein 1:1-Remake des Films in den USA. Sein neues Werk wird den simplen Titel "Liebe“ tragen, eine Premiere in Cannes gilt als wahrscheinlich.

Unter Filmleuten gilt Haneke als absoluter Perfektionist, der jede Einstellung seiner Filme detailliert vorausplant. Wer sich seiner Vision nicht unterordnet, muss mit Gegenwehr rechnen. Auf YouTube gab es einen Clip zu sehen, in dem der Regisseur beim Dreh zu "Caché“ ausrastet, weil unerwartete Kameraprobleme aufgetaucht waren.

Doch diese pedantische Umsetzung seiner Vorstellungen ist für Haneke essenziell: Nicht umsonst gilt sein Werk heute als eines der wegweisenden der jüngeren Filmgeschichte - wenngleich es die der Kritik kontroversiell aufnimmt. Seine Filme zu interpretieren, haben viele versucht, die meisten sind gescheitert. Ein Kollege hat zu einem Haneke-Film 2001 ein Buch veröffentlicht, das sich mit der komplexen künstlerischen Kraft seines Werks auseinandersetzte. "Ich mache einfach nur Filme“, meinte Haneke damals anlässlich der Buchpräsentation: "Aber Sie sind ein Journalist, Sie müssen ja was schreiben.“

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