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Philosoph, Mönch, Pilot

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Über Joseph Maria Boche´nski, zum 100 Geburtstag.

Er gehört zu den großen Gestalten der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Auf sein Wort hörten die Kollegen: Wenn er bei einem Fachkongress einen seiner programmatischen Vorträge hielt, zog er mit seiner rhetorischen Brillanz, seinem Witz und seiner gestochenen Klarheit alle in seinen Bann. Auf sein Wort hörten auch Persönlichkeiten aus der Praxis - Unternehmer, Techniker und besonders Politiker. Aus dem Kreis seiner oft eher blass wirkenden Berufskollegen stach er als "bunter Vogel" heraus: Über ihn konnte man durchaus auch einmal eine Nachricht in der Tagespresse oder in einem illustrierten Magazin finden, etwa wenn es um die Besetzung einer osteuropäischen Botschaft oder um die Fliegerei - sein spezielles Hobby - ging. Mit einem Wort - sofern man mir ein solches Wort bei jemandem, der über 90 Jahre alt geworden und Mönch geblieben ist, gestattet: Er war so etwas wie ein Haudegen unter den Philosophen. Mit diesem "Steckbrief" kann nur einer gemeint sein: Joseph Maria Boche´nski.

Trotz seiner philosophischen und theologischen Studien und trotz seines Gelehrten- und Mönchsdaseins war Joseph Maria Boche´nski nie in Gefahr, ein Stubenhocker zu werden oder den Boden unter den Füßen zu verlieren. Für die nötige "Bodenhaftung" sorgten schon die stürmischen politischen Zeiten, in die er am 30. August 1902 in Czuszów (in der Nähe von Krakau) hineingeboren wurde. Bereits kurz nach der Matura, die er 1920 in Lemberg ablegte, rückte er zum Militär ein und leistete Frontdienst im Polnisch-Russischen Krieg. Auch am Zweiten Weltkrieg nahm er als Soldat der polnischen Armee teil.

Theorie des Kommunismus

Die konkrete Verbindung von (philosophischer) Theorie und (politischer) Praxis ergab sich jedoch durch Boche´nskis Beschäftigung mit der Philosophie des Kommunismus, die er in drei große Perioden gliederte: Marxismus - Leninismus - Sowjetphilosophie. Trotz ihres gewaltigen Einflusses auf die politische Entwicklung wurde die Philosophie des Kommunismus auch zu jener Zeit, als die kommunistische Ideologie in großen Teilen der Welt noch eine dominierende Rolle spielte, von vielen westlichen Politikern und Kommentatoren nicht ernst genommen und mehr oder weniger ignoriert. Boche´nski wurde zu einem der ersten Experten und besten Kenner dieser Ideologie im Westen: Er verfasste Standardwerke wie Der sowjetrussische dialektische Materialismus (1950, danach weitere Neuauflagen) sowie Handbuch des Weltkommunismus (1958) und gab ab 1959 eine mehrbändige Bibliographie der sowjetischen Philosophie heraus, welche die einschlägige Literatur ab 1947 erfasste und laufend ergänzt wurde. Institutionalisiert wurde diese Forschungsarbeit durch eine eigene Zeitschrift (Studies in Soviet Thought) und eine Buchreihe (Sovietica) sowie durch das von Boche´nski gegründete und geleitete Osteuropa-Institut in Fribourg. (Es wurde nach Boche´nskis Emeritierung von seinem Nachfolger Guido Küng übernommen und existiert auch heute noch - wenn auch mit neuer Zielsetzung und Ausrichtung.)

Dies alles muss heute wieder in Erinnerung gerufen werden, da es wegen des weltweiten Niedergangs des Kommunismus in Vergessenheit zu geraten droht. Zur Zeit des Kalten Krieges öffnete Boche´nski jedoch mit seiner Forschungsarbeit ein wichtiges intellektuelles Fenster für den Gedankenaustausch zwischen West und Ost. Seine Arbeit blieb aber nicht im Theoretischen stecken: Boche´nski war einer der führenden Berater von Bundeskanzler Konrad Adenauer und verfasste das ausschlaggebende Gutachten im Verfahren über den Antrag der Bundesregierung auf Feststellung der Verfassungswidrigkeit der Kommunistischen Partei Deutschlands vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das zum Verbot der KPD führte. Das unter dem Titel Die kommunistische Ideologie und die Würde, Freiheit und Gleichheit der Menschen im Sinne des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. 5. 1949 im Jahre 1956 veröffentlichte Gutachten liest sich heute wie ein scholastischer Traktat - gerade, dass er nicht in lateinischer Sprache abgefasst ist. Die politischen Auswirkungen der höchstgerichtlichen Entscheidung, die maßgeblich auf Boche´nskis philosophischem Traktat beruhte, können wohl auch heute noch nicht in ihrer ganzen Tragweite abgeschätzt werden.

Formale Logik

Boche´nskis Interesse an der Philosophie des Kommunismus erwachte mit seiner Berufung an die Universität Fribourg, an der er ab 1946 als außerordentlicher und ab 1948 als ordentlicher Professor für Geschichte der modernen und zeitgenössischen Philosophie lehrte. Damit verlagerte sich sein philosophiehistorischer Schwerpunkt in die Gegenwart, wofür sein "Klassiker" Europäische Philosophie der Gegenwart das beste Zeugnis ist, der erstmals 1947 und danach in weiteren Auflagen erschien und in mehr als fünf Sprachen übersetzt wurde. Zuvor hatte sich Boche´nski hauptsächlich mit Themen aus der mittelalterlichen und antiken Philosophie beschäftigt, vor allem aber auch mit der Logik und ihrer Geschichte. Der Geschichte der Logik war das weitverbreitete Handbuch Formale Logik (1. Aufl. 1956) gewidmet; ebenso weitverbreitet und viel benützt wurde seine Einführung in die moderne mathematische Logik unter dem Titel Grundriß der Logistik (1954) bzw. später Grundriß der formalen Logik. Als Dominikaner hat Boche´nski von 1934 bis 1940 am Angelicum in Rom Logik gelehrt. (Sein Ordensname war übrigens "Innocentius", weshalb auf seinen Publikationen manchmal auch die Initialen "I.M." statt "J.M." aufscheinen.)

Der Logik galt überhaupt sein Hauptinteresse. Seine eigentlichen wissenschaftlichen Leistungen liegen aber weniger in der konstruktiven logischen Aufbauarbeit, als vielmehr im Bereich der angewandten Logik. Durch logische Analysen hat Boche´nski bei vielen klassischen Fragestellungen der Philosophie eine zuvor unerreichte Klarheit und Präzision erzielt. Das gilt vor allem auch für seine logischen Untersuchungen von Religionen und religiösen Sprachen, die Boche´nski unter dem Titel Logik der Religion (englisch 1965; deutsch 1968) veröffentlicht hat.

Logik der Religion

Der wesentliche Befund, von dem Boche´nski in seiner Logik der Religion ausgeht, ist die Tatsache, dass die Sprachen aller Weltreligionen Sätze mit Wahrheits- und Erkenntnisanspruch enthalten. Der in Sätzen niedergelegte Glaubensinhalt der Weltreligionen kann also nicht auf religiöse Gefühle und religiöse Moral reduziert werden, so wichtig diese Bereiche auch für jede Religion sind. Diese Auffassung von Religion im Allgemeinen und von der christlichen sowie der katholischen Religion im Besonderen klingt simpel und einfach. Die Tragweite dieser Auffassung lässt sich aber erst an den zum Teil sehr schmerzlichen innerkirchlichen Auseinandersetzungen ablesen, wie sie heute immer wieder zu Tage treten. Jeder Wahrheitsanspruch ist nämlich nicht nur hinterfragbar, sondern auch mit gewissen intellektuellen Verpflichtungen verbunden: Wer A sagt, muss - wenn B aus A logisch folgt - auch B sagen; und wer A sagt, darf nicht B sagen, wenn aus A non-B logisch folgt. Mit einem Wahrheitsanspruch ist somit immer auch ein gewisser Exklusivitätsanspruch verknüpft: Es kann nicht alles wahr sein, insbesondere können einander widersprechende Behauptungen, auch wenn sie religiöser Art sind, nicht gleichzeitig wahr sein. Vor allem kann sich auch nicht jeder seine ihm genehme Wahrheit aussuchen, auch nicht die Mehrheit: Wahrheit ist nicht demokratisch verfasst. Wahrheit ist eine Frage des Entweder-Oder und nicht des Mehr oder Weniger (wenn man sich auch der Wahrheit mehr oder weniger annähern kann). Wenn einer behauptet, Jesus sei Gottes Sohn, und jemand anderer genau das negiert, kann nicht beides wahr sein. So einfach ist die Logik - auch die Logik der Religion.

Absolute Wahrheit

Wollte man diese Fakten in der klaren Terminologie der klassischen Philosophie ausdrücken, müsste man von einem absoluten und ausschließlichen Wahrheitsanspruch der Religion sprechen. Die Erklärung "Dominus Iesus" hat diese klare Sprache gewählt - die daraus resultierende Aufregung ist bekannt. Was aber ist die Alternative? Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man auf diesen (absoluten) Wahrheitsanspruch verzichtet? Die vielen Religionslehrer und Theologen, die es einigen wenigen Bischöfen überlassen, die Wahrheit zu verkünden und sich damit unbeliebt zu machen, selber aber ohne Zögern bereit sind, auf einen absoluten Wahrheitsanspruch zu verzichten: Was bleibt von ihnen ohne diesen Wahrheitsanpruch übrig? Im besten Fall könnten sie noch empirische Religionskunde und philosophische Ethik unterrichten, wofür eine andere Ausbildung, nicht jedoch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft erforderlich ist.

Diese Alternativen und die damit verbundenen Konsequenzen werden von einer Logik der Religion, wie sie Boche´nski ausgearbeitet hat, schonungslos aufgezeigt. Er selbst zog Klarheit und gegebenenfalls auch die damit verbundene Konfrontation einer harmonisierenden Verwässerung vor. Bis zum Ende seines Lebens hat er mit dem Enthusiasmus eines Aufklärers seine wissenschaftliche Publikations- und Vortragstätigkeit fortgesetzt und andere zum Mit- und Nachdenken herausgefordert. Auch heute können wir noch viel von ihm lernen. Am 8. Februar 1995 ist er gestorben. Am 30. August 2002 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg.

Über Joseph Maria Boche´nski, zum 100 Geburtstag.

Er gehört zu den großen Gestalten der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Auf sein Wort hörten die Kollegen: Wenn er bei einem Fachkongress einen seiner programmatischen Vorträge hielt, zog er mit seiner rhetorischen Brillanz, seinem Witz und seiner gestochenen Klarheit alle in seinen Bann. Auf sein Wort hörten auch Persönlichkeiten aus der Praxis - Unternehmer, Techniker und besonders Politiker. Aus dem Kreis seiner oft eher blass wirkenden Berufskollegen stach er als "bunter Vogel" heraus: Über ihn konnte man durchaus auch einmal eine Nachricht in der Tagespresse oder in einem illustrierten Magazin finden, etwa wenn es um die Besetzung einer osteuropäischen Botschaft oder um die Fliegerei - sein spezielles Hobby - ging. Mit einem Wort - sofern man mir ein solches Wort bei jemandem, der über 90 Jahre alt geworden und Mönch geblieben ist, gestattet: Er war so etwas wie ein Haudegen unter den Philosophen. Mit diesem "Steckbrief" kann nur einer gemeint sein: Joseph Maria Boche´nski.

Trotz seiner philosophischen und theologischen Studien und trotz seines Gelehrten- und Mönchsdaseins war Joseph Maria Boche´nski nie in Gefahr, ein Stubenhocker zu werden oder den Boden unter den Füßen zu verlieren. Für die nötige "Bodenhaftung" sorgten schon die stürmischen politischen Zeiten, in die er am 30. August 1902 in Czuszów (in der Nähe von Krakau) hineingeboren wurde. Bereits kurz nach der Matura, die er 1920 in Lemberg ablegte, rückte er zum Militär ein und leistete Frontdienst im Polnisch-Russischen Krieg. Auch am Zweiten Weltkrieg nahm er als Soldat der polnischen Armee teil.

Theorie des Kommunismus

Die konkrete Verbindung von (philosophischer) Theorie und (politischer) Praxis ergab sich jedoch durch Boche´nskis Beschäftigung mit der Philosophie des Kommunismus, die er in drei große Perioden gliederte: Marxismus - Leninismus - Sowjetphilosophie. Trotz ihres gewaltigen Einflusses auf die politische Entwicklung wurde die Philosophie des Kommunismus auch zu jener Zeit, als die kommunistische Ideologie in großen Teilen der Welt noch eine dominierende Rolle spielte, von vielen westlichen Politikern und Kommentatoren nicht ernst genommen und mehr oder weniger ignoriert. Boche´nski wurde zu einem der ersten Experten und besten Kenner dieser Ideologie im Westen: Er verfasste Standardwerke wie Der sowjetrussische dialektische Materialismus (1950, danach weitere Neuauflagen) sowie Handbuch des Weltkommunismus (1958) und gab ab 1959 eine mehrbändige Bibliographie der sowjetischen Philosophie heraus, welche die einschlägige Literatur ab 1947 erfasste und laufend ergänzt wurde. Institutionalisiert wurde diese Forschungsarbeit durch eine eigene Zeitschrift (Studies in Soviet Thought) und eine Buchreihe (Sovietica) sowie durch das von Boche´nski gegründete und geleitete Osteuropa-Institut in Fribourg. (Es wurde nach Boche´nskis Emeritierung von seinem Nachfolger Guido Küng übernommen und existiert auch heute noch - wenn auch mit neuer Zielsetzung und Ausrichtung.)

Dies alles muss heute wieder in Erinnerung gerufen werden, da es wegen des weltweiten Niedergangs des Kommunismus in Vergessenheit zu geraten droht. Zur Zeit des Kalten Krieges öffnete Boche´nski jedoch mit seiner Forschungsarbeit ein wichtiges intellektuelles Fenster für den Gedankenaustausch zwischen West und Ost. Seine Arbeit blieb aber nicht im Theoretischen stecken: Boche´nski war einer der führenden Berater von Bundeskanzler Konrad Adenauer und verfasste das ausschlaggebende Gutachten im Verfahren über den Antrag der Bundesregierung auf Feststellung der Verfassungswidrigkeit der Kommunistischen Partei Deutschlands vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, das zum Verbot der KPD führte. Das unter dem Titel Die kommunistische Ideologie und die Würde, Freiheit und Gleichheit der Menschen im Sinne des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland vom 23. 5. 1949 im Jahre 1956 veröffentlichte Gutachten liest sich heute wie ein scholastischer Traktat - gerade, dass er nicht in lateinischer Sprache abgefasst ist. Die politischen Auswirkungen der höchstgerichtlichen Entscheidung, die maßgeblich auf Boche´nskis philosophischem Traktat beruhte, können wohl auch heute noch nicht in ihrer ganzen Tragweite abgeschätzt werden.

Formale Logik

Boche´nskis Interesse an der Philosophie des Kommunismus erwachte mit seiner Berufung an die Universität Fribourg, an der er ab 1946 als außerordentlicher und ab 1948 als ordentlicher Professor für Geschichte der modernen und zeitgenössischen Philosophie lehrte. Damit verlagerte sich sein philosophiehistorischer Schwerpunkt in die Gegenwart, wofür sein "Klassiker" Europäische Philosophie der Gegenwart das beste Zeugnis ist, der erstmals 1947 und danach in weiteren Auflagen erschien und in mehr als fünf Sprachen übersetzt wurde. Zuvor hatte sich Boche´nski hauptsächlich mit Themen aus der mittelalterlichen und antiken Philosophie beschäftigt, vor allem aber auch mit der Logik und ihrer Geschichte. Der Geschichte der Logik war das weitverbreitete Handbuch Formale Logik (1. Aufl. 1956) gewidmet; ebenso weitverbreitet und viel benützt wurde seine Einführung in die moderne mathematische Logik unter dem Titel Grundriß der Logistik (1954) bzw. später Grundriß der formalen Logik. Als Dominikaner hat Boche´nski von 1934 bis 1940 am Angelicum in Rom Logik gelehrt. (Sein Ordensname war übrigens "Innocentius", weshalb auf seinen Publikationen manchmal auch die Initialen "I.M." statt "J.M." aufscheinen.)

Der Logik galt überhaupt sein Hauptinteresse. Seine eigentlichen wissenschaftlichen Leistungen liegen aber weniger in der konstruktiven logischen Aufbauarbeit, als vielmehr im Bereich der angewandten Logik. Durch logische Analysen hat Boche´nski bei vielen klassischen Fragestellungen der Philosophie eine zuvor unerreichte Klarheit und Präzision erzielt. Das gilt vor allem auch für seine logischen Untersuchungen von Religionen und religiösen Sprachen, die Boche´nski unter dem Titel Logik der Religion (englisch 1965; deutsch 1968) veröffentlicht hat.

Logik der Religion

Der wesentliche Befund, von dem Boche´nski in seiner Logik der Religion ausgeht, ist die Tatsache, dass die Sprachen aller Weltreligionen Sätze mit Wahrheits- und Erkenntnisanspruch enthalten. Der in Sätzen niedergelegte Glaubensinhalt der Weltreligionen kann also nicht auf religiöse Gefühle und religiöse Moral reduziert werden, so wichtig diese Bereiche auch für jede Religion sind. Diese Auffassung von Religion im Allgemeinen und von der christlichen sowie der katholischen Religion im Besonderen klingt simpel und einfach. Die Tragweite dieser Auffassung lässt sich aber erst an den zum Teil sehr schmerzlichen innerkirchlichen Auseinandersetzungen ablesen, wie sie heute immer wieder zu Tage treten. Jeder Wahrheitsanspruch ist nämlich nicht nur hinterfragbar, sondern auch mit gewissen intellektuellen Verpflichtungen verbunden: Wer A sagt, muss - wenn B aus A logisch folgt - auch B sagen; und wer A sagt, darf nicht B sagen, wenn aus A non-B logisch folgt. Mit einem Wahrheitsanspruch ist somit immer auch ein gewisser Exklusivitätsanspruch verknüpft: Es kann nicht alles wahr sein, insbesondere können einander widersprechende Behauptungen, auch wenn sie religiöser Art sind, nicht gleichzeitig wahr sein. Vor allem kann sich auch nicht jeder seine ihm genehme Wahrheit aussuchen, auch nicht die Mehrheit: Wahrheit ist nicht demokratisch verfasst. Wahrheit ist eine Frage des Entweder-Oder und nicht des Mehr oder Weniger (wenn man sich auch der Wahrheit mehr oder weniger annähern kann). Wenn einer behauptet, Jesus sei Gottes Sohn, und jemand anderer genau das negiert, kann nicht beides wahr sein. So einfach ist die Logik - auch die Logik der Religion.

Absolute Wahrheit

Wollte man diese Fakten in der klaren Terminologie der klassischen Philosophie ausdrücken, müsste man von einem absoluten und ausschließlichen Wahrheitsanspruch der Religion sprechen. Die Erklärung "Dominus Iesus" hat diese klare Sprache gewählt - die daraus resultierende Aufregung ist bekannt. Was aber ist die Alternative? Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn man auf diesen (absoluten) Wahrheitsanspruch verzichtet? Die vielen Religionslehrer und Theologen, die es einigen wenigen Bischöfen überlassen, die Wahrheit zu verkünden und sich damit unbeliebt zu machen, selber aber ohne Zögern bereit sind, auf einen absoluten Wahrheitsanspruch zu verzichten: Was bleibt von ihnen ohne diesen Wahrheitsanpruch übrig? Im besten Fall könnten sie noch empirische Religionskunde und philosophische Ethik unterrichten, wofür eine andere Ausbildung, nicht jedoch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft erforderlich ist.

Diese Alternativen und die damit verbundenen Konsequenzen werden von einer Logik der Religion, wie sie Boche´nski ausgearbeitet hat, schonungslos aufgezeigt. Er selbst zog Klarheit und gegebenenfalls auch die damit verbundene Konfrontation einer harmonisierenden Verwässerung vor. Bis zum Ende seines Lebens hat er mit dem Enthusiasmus eines Aufklärers seine wissenschaftliche Publikations- und Vortragstätigkeit fortgesetzt und andere zum Mit- und Nachdenken herausgefordert. Auch heute können wir noch viel von ihm lernen. Am 8. Februar 1995 ist er gestorben. Am 30. August 2002 wäre er 100 Jahre alt geworden.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Salzburg.