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Das Übernatürliche und die Medizin

Ober naturliche und außer natürliche Dinge werden im theologischen Sinne streng geschieden, nicht aber im gewöhnlichen Sprachgebrauch, auch nicht im medizinischen. Häufig wird das erstere, also die Super-naturalia im weiteren Sinne, zum Gattungsbegriff für ein großes Gebiet, in dem wir, vom Okkultismus und Spiritismus angefangen, alles „Metaphysische“ vertreten

finden, bis zur wahren Mystik und Stigmatisation. Strenggenommen dürften indessen nur letztere Erscheinungen als übernatürliche bezeichnet werden, erstere aber als außernatürliche. Weder das eine noch, das andere hatte bis vor kurzem weder einen Platz in der Naturwissenschaft, noch in der Medizin. Dieses rationalistische Zeitalter, das einst die Romantik ablöste, nun aber selbst, beschleunigt durch zwei Weltkriege, dem Untergange geweiht ist, führt auf den hohen Schulen, auch in der Medizin, noch immer sein Dasein, wenngleich das eines Greises; zäh, aber letzten Endes erfolglos kämpft es noch gegen jene aufstrebende Form der Weltbetrachtung, deren metaphysische Orientierung, selbst in den medizinisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen, ihr hervorstechendes Merkmal ist.

Dafür ist nun die Menschheit von heute, auch die akademische Jugend, wesentlich aufgeschlossener als frühere Generationen. Nicht nur der Schützengraben wie im ersten Weltkrieg, auch der Bombenteppich, das Fronterlebnis der Heimat im zweiten Weltkrieg, haben Ungezählten vor Augen geführt, daß wir zum Teile Mächten ausgeliefert und von einer übersinnlichen Welt umgeben sind, von der viele früher nichts wußten oder wissen wollten, selbst wenn sie beruflich damit zu tun hatten. Sie waren in einem Weltbild befangen, das auf zwei Fehlmeinungen beruhte: daß ausnahmslose Gültigkeit nur Naturgesetze, beziehungsweise ihre Folgeerscheinungen besitzen and

daß zweitens nur jene Welt existiere, die wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Dazu käme dann noch die puritanische Auffassung, daß Sich-Regen und -Streben belohnt werde und Gesundheit und Wohlstand der Beweis für richtige Lebensführung wäre. Von diesen Irrtümern schmerzvoll, aber gründlich geheilt sind besonders alle Menschen, die ihrer Freiheit beraubt worden

sind und deren es im heutigen Europa ja genügend gibt. Daher ist es heute, wie einst zu Zeiten Schellings, wieder möglich, auch vom Katheder einer hohen Schule eine Lehre zu verkünden, die zwar noch immer Widerspruch, aber auch schon weiten Beifall findet, die Lehre nämlich, daß das „Ü b e r-natürliche“ auchin der Medizin eine Rolle spielt. Der wahre Arzt, der wahre Naturwissenschaftler darf infolgedessen die Möglichkeit metaphysischer Phänomene zumindest nicht mehr von vornherein ablehnen, ja er muß bei Versagen jeder natürlichen Erklärungsweise eine solche außer- oder übernatürlicher Art zugestehen. Mehr wird vom Arzte zum Beispiel nicht verlangt; dieses Wenige soll aber nicht ein mühselig abgerungenes Zugeständnis sein, sondern das gern bekannte Ergebnis eigenen Nachdenkens und entsprechender medizinischer Schulung.

Dazu gehören aber zwei Voraussetzungen: ein empfängliches Auditorium und — ein entsprechender Lehrer, der mehr vermittelt als nur das seiner Disziplin zukommende Fachwissen, mehr die Seele als den Körper berücksichtigt, besonders wenn es sich um das Gebiet der Nerven- und Geisteskrankheiten handelt, vor allem um die sogenannten „seelischen“ oder funktionellen Störungen. Dies setzt natürlich voraus, daß der Lehrer selbst für metaphysische Probleme aufgeschlossen ist. Oberzeugt, daß die Universität nicht nur höhere Fachschule, sondern auch wissenschaftliche Lehranstalt ist, wird

er die Forschung auch auf Gebiete ausdehnen, die bisher von seinen Fachkollegen vielleicht noch nicht berücksichtigt worden sind. Und aus Liebe zur 'Wahrheit wird er Ergebnisse mitteilen, auch wenn sie von der Schulmeinung abweichen.

Das metaphysische Forschungsgebiet ist ungeheuer: angefangen vom wirklichen Wunder, über okkulte Phänomene bis zum — Betrug. Eigene unvoreingenommene Beobachtung (Gatterer) ist die Grundbedingung ersprießlichen Forschens, eigene Miterleben dieser Phänomene die Voraussetzung für eine überzeugende Darstellung; das Studium des großen, aber oft zweifelhaften Schrifttums kommt erst in zweiter Linie.

Ein Fall, der von mir persönlich untersucht werden konnte, soll hier als Beispiel für viele dieser Art genannt werden für die Hunderte von beglaubigten Fällen solcher Art, die sich im Laufe des letzten Jahrtausends ereigneten. Es ist der Fall der stigmatisierten Therese von Konnersreuth. Wiederholt sind Ärzte im letzten Jahrhundert zur Untersuchung solcher Fälle herangezogen worden. Ihre Gutachten sind ein Spiegel der Zeit. Daß V i r c h o w sich natürlich ablehnend äußerte, entspricht seiner Mentalität und der seiner Generation. Daß es sein kongenialer Zeitgenosse, der Histologe Schwann, immerhin der Mühe wert fand, einen derartigen Fall zu untersuchen und sich nicht von vornherein zu einem Anathema hinreißen ließ, war schon ein kleiner Fortschritt. Daß wir aber vom Ziel einer objektiven Begutachtung in dieser Hinsicht noch weit entfernt sind, zeigt die Mehrzahl der Stimmen aus ärztlichem Lager, soweit sie etwa Stellung nehmen zu folgenden Problemen:

Stigmatisation (= Befallensein von Wundmalen an Händen, Füßen und Brust), mit oder ohne Enthaltung von fester und flüssiger Nahrung

Kardiognosie (= Erkennung des Seelenzustan-i des)

Hierognosie (= Erkennung von Reliquien,

Hostien usw.) Levitation (= Aufhebung der Schwerkraft) Bilokation (= gleichzeitiger Aufenthalt an

mehreren Orten)

ferner

Ekstasen und gehobener Ruhestand mit oder ohne:

Visonen von Ereignissen der Vergangenheit oder Zukunft sowie der Gegenwart an entfernten Orten, Sprechen und Verstehen von fremden Sprachen, die nie gelernt, oft nicht einmal gehört worden sind, Erleiden der Passion Christi mit spontan auftretenden Spuren nach Geißelung und Dornenkrönung, ferner Blutweinen, beziehungsweise schwitzen und so weiter.

Telästhesie (= Empfindung von Fernberüh-I rung)

Telek inese (= Gabe der Fernbewegung) usw. Gegenüber diesen genannten Fällen machen es sich die meisten Gutachter leicht mit der Einheitsdiagnose „Hysterie“; sie übersehen dabei, daß damit nur eine Unbekannte durch eine andere ersetzt, andererseits aber damit eir? Werturteil ausgesprochen wird, das besonders in Laienkreisen dem der Verachtung gleichkommt, daß also mit einem Wort dem Betroffenen Unrecht getan wird. Schuld an diesen schematisch gefällten Fehlurteilen ist auch das ärztliche Spezialistentum. Der auf die Beherrschung eines Sonderfaches begründete Ruhm gibt seinem Träger noch lange nicht das Recht oder gar die Gewähr, auch auf anderem Gebiet ein Urteil abgeben zu dürfen, das mehr beansprucht als den Wert einer bloß privaten Vermutung. Zeigen doch Phänomene, zu deren Erklärung natürliche Gründe nicht ausreichen, eine solche Komplexheit der Erscheinungsformen, die sich auf das ganze Gebiet der Medizin und darüber hinaus erstrecken, daß der Untersucher außer in naturwissenschaftlichen Fächern auch in Kriminalistik, in Philosophie und — in Theologie wenigstens etwas zu Hause sein muß.

Ei gibt ProMeme m fer Meäfzfn, die. nnr an Hand von Serienuntersuchungen einer Lösung zugeführt werden können, es gibt aber andere, wo eine einzige Beobachtung genügen kann, um bahnbrechende Erkenntnisse zu vermitteln. Für letzteres ist ein Beispiel die Entstehung der Psychoanalyse und ihr entscheidender Einfluß auf die moderne Psychiatrie. Auch beim Fall der Therese von Konnersreuth handelt es sich vorläufig um eine Einzelbeobachtung, aus der aber bereits jeder entsprechende Schlüsse ziehen kann. Die praktische Anwendung in Beruf und täglichem Leben hängt vom Grad der Konsequenz des Betreffenden ab, denn die Folgen sind — theoretisch wenigstens — ungeheure. Um zu ihnen gelangen zu können, möge eines beherzigt werden:

Unser vornehmlich deduktives Denken reicht auf metaphysischem Gebiet nicht aus, unser an logischen Grundsätzen geschulter Verstand genügt zur Erkennung der Wahrheit auf diesem Gebiet allein nicht. „Meta-logik, sechster Sinn, Parapsychologie“ und was dergleichen Namen mehr sind, umschreiben alle dasselbe gewisse „Etwas“, das der Beschauer zusätzlich besitzen muß, um der Beurteilung dieser übersinnlichen Phänomene wenigstens halbwegs gerecht werden zu können. Ein Be-„Greifen“, ein Verstehen“, wie etwa in der Mathematik, ist hier ausgeschlossen, eine schriftliche, bildliche oder akustische Darstellung allein nie erschöpfend, nie vollkommen überzeugend. Immer muß sich noch etwas Irrationales zugesellen, was unserem Willen entzogen ist und das vitalste Erlebnis darstellt: der Glaube!

In der Empfänglichkeit dafür und damit auch in der richtigen Beurteilung außer- und übernatürlicher Dinge ist dem Abendlande — im Durchschnitt — der Osten weit überlegen. Dies ist längst durch unzählige Beispiele bekannt und belegt. Schon im westlichen Rußland und im Südosten Europas findet sich heute noch ein Geist, wie er in den Athosklöstern kristallisiert und einst vom Tiroler Fallmerayer so lebendig geschildert worden ist. Die dort noch gepflegte in die Antike zurückreichende Lebenshaltung läßt uns Menschen entgegentreten, die den Faktor Zeit im abendländischen Sinne „ist gleich Geld“ überhaupt nicht kennen. Auch ihr religiöses Lehrgebäude ist auf der Stufe der dionysisch-alexandrinischen Epoche stehengeblieben. Der Fortentwicklung durch die Scholastik entbehrend, ist es gerade deshalb diesen Menschen so teuer und wirkt gerade durch diese Einfachheit auch auf viele Abendländer heute wieder so anziehend. Die Zurückdrängung des Verstandesmäßigen beim Orientalen zeigt sich in vielen Belangen auch des profanen Lebens. Die Welt und das ganze Weltgeschehen erscheint dem Osten nicht enträtselbar durch Schlüsse und Beweise; eine Fortentwicklung der Erkenntnisse durch natürlich-logisches Denken wird daher abgelehnt. Heute neigen übrigens auch weite Kreise des Abendlandes zu einer ähnlichen Einstellung (Hollnsteiner). Nicht unsere klaren, nüchternen, scharf geschliffenen Wendungen, nein, die mystische Beschauung und Versenkung und die ihr angepaßten Ausdrucksformen haben es ihnen angetan. Aus den eingangs erwähnten Gründen gibt es solche Menschen auch bei uns in steigender Zahl.

Bei Betrachtung des Falles der Therese von Konnersreuth erhebt sich die Frage: Hat dieser Fall nur Seltenheitswert gleich denen eines Panoptikums oder verdient er höheres Interesse? Antwort: Er besitzt überragende prinzipielle Bedeutung. Warum? Solche Fälle sind erstens nicht so extrem selten, als man allgemein zu glauben geneigt ist. Er ist auch keineswegs der einzige unserer Tage. Hat/ es aber Trotzdem einen Sinn, zum Beispiel den Studierenden auch noch mit diesen Dingen zu belasten? Gewiß! Denn in den medizinischen Schulen Europas wird zum Beispiel auch die Pest, und ihr Bazillus gelehrt, obwohl kaum ein Prozent der angehenden Ärzte je einen Fall davon zu sehen bekommen werden, selbst wenn sie auswandern sollten. Wohl wird aber einem höheren Prozentsatz von Ärzten das „Übernatürliche“ gelegentlich ihrer Berufsausübung begegnen, wenn sie nur erst darauf zu achten gelernt. Abgesehen also von der auch praktischen Bedeutung und der dadurch gegebenen Berechtigung zur Erörterung dieser Probleme — auch in der Medizin -y, ergibt sich hiefür noch ein anderer Grund :v

Das Radium wirkte auf die Menschheit lange, bevor es entdeckt, lange, bevor seine Bedeutung allgemein anerkannt war. Die außer- und übernatürlichen Dinge wirken

etenso, attch Im Bereiche de Arnes, gleichgültig, ob sie die Schulweisheit anerkennt. Es gilt ohne Rücksicht auf sie die Wahrheit zu suchen. Was deren Auffindung in allen Wissenschaften am meisten entgegensteht, ist nach Schopenhauer nicht „der aus den Dingen hervorgehende und zum Irrtum verleitende falsche Schein, noch auch unmittelbar die Schwäche des Verstandes, sondern es ist die vorgefaßte Meinung,. das Vorurteil, welches als ein After-apriori der Wahrheit sich entgegenstellt und dann einem, widrigen Winde gleich das Schiff von der Richtung, in der allein das Land liegt, zurücktreibt, so daß Steuer und Segel vergeblich tätig sind.“

Von der Beschäftigung mit metaphysischen Fragen erwächst aber der Medizin noch ein anderer Vorteil, einer, der ihrer vornehmsten Aufgabe zugute kommt, der Krankenheilung. Es ist wohl sicher kein Zufall, daß Hysterie, Neurosen und dergleichen beim Orientalen, ja schon im Osten Europas viel seltener auftreten als im hochzivilisierten Westen; dieser Zusammenhang östlicher Art des Denkens' und Fühlens und ihrer sichtlichen Immunität gegen die genannten im Abend-lande ständig zunehmenden Nervenkrankheiten ist schon in früheren Jahrzehnten nicht nur den Psychiatern aufgefallen, sondern auch Dichtern und Philosophen (Arse-

nfew, BerdjaJeMsr, WuriHerfe tm'cf anderen). Die

praktische Nutzanwendung in der Medizin ließ aber bisher zu wünschen übrig. Hier wäre eine Änderung angezeigt in der Form, daß im Unterricht die Beschäftigung mit okkulten Dingen einen gewissen Raum einnimmt, daß die Bedeutung übersinnlicher Mechanismen auch für manches Krankheitsgeschehen eine andere Würdigung findet als hlo_ß billigen Spott; es sollten vielmehr alle einschlägigen Fälle achtungsvolle Besprechung finden.

Eine auf diese Weise dafür geschulte Ärztegeneration könnte ihrerseits nicht nur zur Verbreitung „übernatürlicher“ Phänomene Wesentliches beitragen, sondern auch solche Fälle vor unverdienter Brandmarkung, vor | falscher Diagnose und unrichtiger Behandlung schützen. Ja noch mehr: m e t a-% physisch orientierte Ärzte könnten auch zur psychischen Hygiene, also zur Prophylaxe, vor allem gegen das Entstehen von Neurogen und ihren schädlichen Folgen auf körperliche und geistige Leistungsfähigkeit das Ihrige tun. Die hiefür anfälligen Menschen würden sich von solchen Ärzten verstanden fühlen; allein das Bewußtsein, jederzeit die passende Aussprache finden zu können, würde vorbeugend wirken und endlich die böse Angst fallen: „daß nicht sein kann, was nicht sein darf...“

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