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Das Wesen Englands

Dem freundlichen Entgegenkommen der Herausgeber verdanken wir die Erlaubnis zum Abdruck des nachstehenden, in der englischen Wochenzeitschrift „The T a- b 1 e t“ am 7. Februar 1948 veröffentlichten Artikels „The Character of England". Der Aufsatz gibt ein illustratives Bild der Mannigfaltigkeit britischer Wesensart und der eigenartigen Problemstellungen, die sich für England auf wirtschaftlichem und soziologischem Gebiete heute ergeben. „D i.e Furch e“

England ist uralter geschichtlicher Boden. Alles in diesem Lande ist zutiefst in seiner Geschleifte verwurzelt und wer nicht einigermaßen mit dieser Geschichte vertraut :st, wird nichts im heutigen England richtig begreifen und erfassen können. Im Laufe seiner ganzen Geschichte war England vor allen anderen Ländern nicht allein ein freies land, sondern stets auch ein Land vielfacher Gruppenbildungen und bunter, vielgestaltiger Gliederungen.

Wenn man die verschiedenen Gebiete des englischen Lebens betrachtet, die Literatur etwa oder den Sport, das Landleben, die Politik und so fort, so muß diese Tatsache jedem Beobachter ins Auge fallen. Wenn dies aber für die Vergangenheit gilt, so ist die Frage, wie es damit in der Zukunft bestellt sein soll, unausweichlich.

Die Tatsache uralter historischer Überlieferungen und Einrichtungen darf natürlich nidit dahin ausgelegt werden, daß heute ein verzopfter Konservativismus die richtige Politik für England wäre. Im Gegenteil, wir waren nur deshalb imstande, die Kontinuität unserer Lebensformen und Einrichtungen zu erhalten, weil wir gelernt hatten, unseren Konservativismus jeweils den Änderungen der Zeit anzupassen. Das wäre ein übler Konservativer, der glaubte, das Wesen der gesellschaftlichen Ordnung dadurch zu bewahren, daß er an allen nebensächlichen Begleiterscheinungen der Vergangenheit festhalttn und sie in eine Zeit hinüberretten muß, in der sie ihren Sinn und ihre Bedeutung verloren haben. Der richtige Konservative wird die Gegebenheiten der Zeit erfassen und würdigen und wird die geeigneten Mittel zu finden trachten, um ihnen gerecht zu werden, stets darauf bedacht, das eigentliche englische Wesen unter der Oberfläche wechselnder, unwesentlicher Begleitumstände zu erhalten. Es ist nun sicher nicht zu bestreiten, daß England seine ganze Entwicklung und seinen Fortschritt nicht politischen Plänen und Regierungsaktionen zu danken hat, sondern ausschließlich der Tatkraft und dem Schaffen einzelner und der spontanen Tätigkeit unabhängiger Gesellschaften und Organisationen. Die meisten unserer gegenwärtigen Einrichtungen und Errungenschaften sind auf mehr oder weniger zufällige Ereignisse zurückzuführen. Das britische Weltreich ist größtenteils nicht militärisch erobert und nicht durch politische Aktionen der Regierung plan-

mäßig aufgebaut, sondern durch Kaufleute und durch Entdecker erworben worden, und zwar in der Mehrzahl der Fälle sogar gegen dfcn ausdrücklichen Wunsch und Willen der Regierungen im Mutterland. Gewissenhafte Wirtschaftshistoriker berichten uns heute über das kapitalistische System und die Periode seiner Herrschaft und verweisen darauf, wie es unweigerlich bestimmt sei, von einem anderen System abgelöst zu werden. Sie mögen damit recht haben, aber wie immer dem sei, ihre säuberliche Systematik weist einen groben Rechenfehler auf. Es wird nämlich übersehen, daß das kapitalistische System sich zuerst organisch entfaltet hat und nachher erklärt und beschrieben wurde. Darin unterscheidet es sich nun ganz wesentlich von den Systemen, die als seine Nachfolger mit großer Aufmachung angekündigt werden. Diese werden zu allererst genaü erklärt und beschrieben, aber sie haben sich niemals praktisch entfaltet oder haben zumindestens in den Versuchen einer solchen Entfaltung stets eine Entwicklung genommen, die mit den ursprünglichen Beschreibungen nicht die geringste Ähnlichkeit aufweist. Es ist eine Platitude, wenn man sagt, daß auch unsere Verfassung und unser Reditssystem eher organische Entwicklungen als geschriebene Dokumente sind.

Innerhalb eines solchen Systems ist zwar durch die berühmten sogenannten Präzedenzfälle reichlich Spielraum geboten für die notwendigen Angleichungen und Anpassungen, es erscheint jedoda höchst zweifelhaft, ob es je möglich oder auch nur wünschenswert sein könnte, eine Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung in offenem Widerstand gegen alle Präzedenzien künstlich durchzusetzen.

Man betrachte nur das Beispiel des wirtschaftlichen Puritanismus. Die heutigen Verhältnisse scheinen seine volle Berechtigung außer Frage zu stellen. Es ist nur allzu wahr, daß wir heute ein verarmtes Land sind und daß wir, wenn wir Güter einführen wollen, exportieren müssen. Es scheint daher zunächst wirklich ein einfaches Gebot des gesunden Mensdienver- standes zu sein, daß wir uns jeden Luxus im Leben versagen und uns allein auf die Erzeugung lebenswichtiger Bedarfsgüter verlegen müssen. Wir verfügen aber mit Ausnahme von Kohle über keinerlei Exportüberschüsse von wichtigen Rohmaterialien. Gesetzt den Fall, daß wir die nötige Kohle wirklich fördern, so ist es, obschon gegenwärtig das Ausland unter den chaotischen Nachkriegsverhältnissen dringenden Bedarf nach unserer Kohle zeigt, durchaus unsicher, wie lange diese Nachfrage in der weiteren Entwicklung und im Zuge des Ausbaues eigener Rohstofflager anhalten wird. Wie immer das aber ist, Amerika wird unsere Kohle nicht brauchen und Amerika ist das Land, durch dessen Handelsbeziehungen mit uns, unsere ganze Handelsbilanz entscheidend beeinflußt wird. Es gibt aber leider gar nichts, was wir erzeugen und das die Amerikaner selbst nicht auch erzeugen. Es ist völlig aussichtslos, daß wir sie überreden könnten, uns Bedarfsgüter abzunehmen. Es ist aber durchaus nicht aussichtslos, sie für unsere Luxuswaren za interessieren. Die Amerikaner erzeugen zwar selbst Whisky, Bücher, kunstgewerbliche Artikel und Kleiderstoffe, und wenn es nicht anders geht, können sie sich ganz leicht ohne britische Importware behelfen. Es gibt aber immer Amerikaner, die der britischen Ware der. Vorzug geben. Die britische Ware ist zwar kein dringender Bedarf, aber sie ist ein begehrter Luxusartikel. Wenn wir also schon Puritaner sein müssen, so dürfen wir doch unsereh Puritanismus nicht exportieren wollen. Je weniger wir den Amerikanern davon erzählen, um so besser für uns, und wir haben ausgespielt, wenn wir es tun. Es ist eben gerade das Paradoxe unserer wirtschaftlichen Lage, daß wir nur dann Aussicht haben, unseren Bedarf an lebensnotwendigen Gütern zu decken, wenn Luxusartikel in der Welt Absatz finden, und daß wir dazu keine Möglichkeit haben in einer Welt, die sich darauf beschränkt, lebensnotwendige Bedarfsgüter zu erzeugen und zu verbrauchen. '

Ein Gegner könnte einwenden: „Aber das ist es ja gerade, was die britische Regierung tut. Wir erzeugen Luxuswaren und führen sie aus. Was wollen sie also eigentlich?" Nun, ich glaube nicht, daß die Sache so einfach ist. Der Grund — oder wenigstens der Hauptgrund —, aus dem die Amerikaner so gerne Tiroler Hüte kaufen, ist einfach der, daß dies eben Hüte sind, die man in Tirol wirklich trägt. In Amerika werden natürlich Unmengen von Hüten erzeugt, die zum Gebrauch ebenso nützlich und gut sind. Aber es gibt Amerikaner, die eine Befriedigung bei dem Gedanken empfinden, einen Hut auf dem Kopfe zu haben, der von der anderen Seite des Ozeans kommt. Angenommen jedoch, es würde sich herumsprechen, daß kein Mensch in Tirol je so einen Tiroler Hut trägt, angenommen etwa, ein paar amerikanische Touristen kämen nada Tirol und fänder, daß kein soldier Tiroler Hut in den Tiroler Hptläden zu haben wäre, so würde aller Wahrscheinlichkeit nach das amerikanische Publikum aufhören, diese Hüte zu kaufen.

Genau so verhält es sich nun mit unseren englischen Exportwaren. Es wäre einfach absurd, die Ausfuhr unserer altgewohnten und altbekannten Qualitätswaren aufrechterhalten zu wollen, wenn wir den Gebrauch aller dieser Dinge daheim unterdrücken und in Vergessenheit geraten lassen. Schließlich sind diese Dinge alle die Ergebnisse uralter Lebensart und Lebensform und es 1st unverständlich, wie diese Dinge den Untergang dieser Lebensart überleben sollten. Sie sind aber überdies auch das Ergebnis unseres freien Lebenstils und cs ist ebenso unverständlich, wie sie den Untergang dieser Freiheit überleben sollten.

Aus einer übertriebenen Gleich macherd ergibt sich aber auch noch eine weitere Schwierigkeit- Wir sind in der sozialen Entwicklung — ob nun zu unserem Vorteil oder unserem Nachteil, bleibe dahingestellt — in einem Zeitalter des Industrialismus und der' riesigen Wirtschaftsverbände angelangt. Persönlich stehe ich jedem Versuch sympathisch gegenüber, wo immer möglich, dem kleinen Manne und der kleinen Genossenschaft gegen die Riesenorganisationen den Vorzug zu geben, so daß der einzelne wenigstens die Wahl hat, ob er seine Arbeitskraft an die Riesenkonzerne verkaufen will oder nicht. Aber man kann über die Tatsache nicht hinwegkommen, daß wir uns in den kommenden Jahren mit den Riesenorganisationen abzufinden haben werden, mögen es nun sogenannte verstaatlichte Institutionen oder Privatkonzerne sein. Diese Riesenkörper werden sich halten, nicht etwa infolge der Machinationen des Finanzkapitals oder aus anderen romantischen Ursachen, sondern aus dem sehr einfachen Grunde, weil zum mindesten bei sehr vielen Betrieben der Massenbetrieb leistungsfähiger ist als der Kleinbetrieb. Man mag dies bedauern, und ich selbst beklage es persönlich schmerzlich, aber dieses Bedauern ändert nichts an den Tatsachen. Es ist nun aber das Paradoxe der Massenbetriebe, daß sie zwar die leistungsfähigste Methode sind, aber zugleich auch die Methode darstellen, die sich jeder Gleichmacherei am stärksten widersetzt. Karl Marx’ simplifiziertes Schema der Gesellschaft, in der es nur zwei Klassen, einige Ausbeuter und die Masse der Ausgebeuteten, gibt, war, wenn es überhaupt je wirklich in Erscheinung getreten ist, bestenfalls zu einem gewissen Grade annähernd richtig in der Gesellschaft der vorindustriellen Periode. Dies ist auch der Grund, warum der Marxismus nur in einfachen, landwirtschaftlichen und noch nicht industrialisierten Gesellschaftsformen überhaupt einen Erfolg aufzuweisen hatte. Die fortschreitende Industrialisierung hat nun die zwei Hassen Marx nicht nur nicht in eine verschmolzen, sondern sie schafft im Gegenteil eine große Zahl verschiedener Klassen, die sich in zahlreichen Schattierungen und Übergängen voneinander abheben. Die Industrialisierung bringt also nicht die angekündigte klassenlose Gesellschaft, sondern im Gegenteil die vielklassige Gesellschaft mit sich. Zu Marx’ Lebenszeiten gab es verhältnismäßig nur ganz wenige in der Industrie Tätige, die nicht entweder Unternehmer oder utigeschulte Arbeiter waren. Heute jedoch gehört die große, Masse der in der Industrie Beschäftigten keiner dieser beiden Gruppen an, sondern es gibt eine riesige Schar von Menschen, denen die verschiedensten Aufgaben in der Industrie obliegen, die sie nur erfüllen können, wenn sie verschiedene Vorbildung genossen haben, aus verschiedenen Milieus kommen und sich durch ihren kultureller. Hintergrund unterscheiden, die sich mit einem Wort durch den Lebensstandard untersdieiden. Wenn diese Unterschiede beseitigt werden, so bricht die ganze Gesellschaft zusammen. Das Gerede von der Abschaffung des Luxus erweist sich tatsächlich als Unsinn, denn die Begriffe von notwendigem Bedarf und Luxus sind eben bei den verschiedenen MenscheqJfVöllig verschieden.

Bernhard Shaw behauptet, daß alle Menschen das gleiche Einkommen haben sollten, mit alleiniger Ausnahme der Schriftsteller, die ein ungleich höheres Einkommen beziehen müßten. Es ist nidit etwa Eigensucht oder Zynismus, die :hn bewegen, diese Forderung zu erheben. Er stellt sie, weil er von Schriftstellerei etwas versteht und da er selbst Schriftsteller ist, sehr gut weiß, daß Schriftsteller ihre Funktionen nicht erfüllen können, wenn nicht bestimmte materielle Voraussetzungen erfüllt sind, die eben andere sind als die Forderungen, die ein Briefträger oder Eisenbahner an das Leben stellt. Er weiß aber nicht das geringste iįber andere Menschen außer Schriftstellern, und versteht daher nicht, daß das, was für Schriftsteller gilt, auch für eine ganze Menge anderer Menschen in gleicher Weise gilt.

Wir müssen natürlich stets auf alle Mißstände und Mißbräuche ein scharfes Auge haben und müssen ebenso bereit sein, einerseits die volle Obsorge für die wirklich Armen zu übernehmen und andererseits in einer sdiarfen Progressionskurve die hohen Einkommen zu besteuern. Philosophien, wie etwa der Benthamismus, der von der Abstellung von Mißbräuchen nichts wissen will, weil er axlomatisch von der Voraussetzung ausgeht, daß der Staat unmöglich wirksam eingreifen könne, sind für die englischen Auffassungen völlig untypisch und sind üble Verirrungen, die der eng- eschen Tradition gänzlich widersprechen, "rotzdem aber ist es englische Tradition, bß wir ein Land finanzieller Ungleichheit sind. Es ist natürlich durchaus kein Grund, warum wir —- trotz aller finanzieller Ungleichheit — nicht eine noch viel weitergehende soziale Gleichstellung anstreben und durchführen sollten, als es in jüngster Vergangenheit der Fall war. Es ist sogar von entscheidender Wichtigkeit, daß Ungleichheiten in der sekundären Frage des Einkommens ausgeglichen werden durch eine volle Anerkennung der grundlegenden tatsächlichen Gleichheit der Menschen in ihrem religiösen Aspekt als geistig sittliche Persönlichkeiten. Nichts 'st lehrreicher als ein Überblick über die englische Geschichte, um ein Korrektiv gegen die Torheiten der Zeitgenossen zu finden. Es ist einfach absurd, in einer finanziellen Gleichmacherei das Heilmittel zu erblicken, um den Untergang aufzuhalten, denn die Tatsache, daß wir uns über den Untergang so große Sorgen machen, ist an sich schon ein Anzeichen eines Unterganges.

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