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Die Habsburgermonarchie — von Amerika betrachtet

Man hat sich leider seit langem daran gewöhnen müssen, daß Publikationen ausländischer Provenienz, die sich mit dem alten Österreich oder einzelnen Phasen seiner Geschichte befassen, weit häufiger von dem Bestreben diktiert wurden, fremdstaatlichen Zielen oder kleinlichen, parteipolitischen Interessen zu dienen, als von der ernsten Absicht, Tatsachen und historische Entwicklungen wahrheitsgetreu zu schildern und einer sachlichen Beurteilung zu unterziehen. Um so dankenswerter ist die tiefgründige, mit strenger Objektivität durchgeführte Arbeit über das Kernproblem des österreichischen Kaiserreichs, die Prof. R. A. Kann soeben der Öffentlichkeit übergeben hat.

Nach einem kurzen Rückblick auf den Aufstieg des Hauses Österreich bringt das zweibändige Werk in seinem ersten Teil eine auch in der Sichtung und Einteilung des Stoffes mustergültige Analyse der national-politischen Bewegungen und Konflikte, die von 1848 an die Geschicke des Reiches immer stärker und schließlich entscheidend beeinflußten, und ferner der immer wieder unternommenen, wechselvollen Versuche, das Zusammenleben der österreichischen Nationalitäten durch Verfassungs- oder politische Kursänderungen harmonischer zu gestalten. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit den zahlreichen, auf österreichischem Boden entstandenen Anregungen und Vorschlägen, die eine befriedigende Lösung der nationalen Streitfragen und damit die Gesundung des Reiches im Wege eines mehr oder weniger radikalen Umbaus des Reichskörpers und seiner komponenten Teile herbeiführen wollten.

Gestützt auf ein sorgfältig und mit großem Fleiß zusammengetragenes Quellenmaterial, beschränkt sich der Autor in der Regel auf die Darstellung historischer Gegebenheiten, oder, bei der Behandlung strittiger Punkte, auf die Wiedergabe von Urteilen aus verschiedenen Lagern, wobei er stets darauf bedacht ist, beide Seiten einer offenen Frage gleichmäßig zu beleuchten. Wo er, des besseren Verständnisses halber, glaubt, seine eigene Meinung zum Ausdruck bringen zu sollen, geschieht dies ausnahmslos in gemäßigtem Ton und ohne jede Gehässigkeit. Seine Ansichten verdienen immer Respekt, auch dort, es sind nur wenige Stellen, wo der Kritiker ihnen nicht beipflichten kann. So bezeichnet es der Professor als höchst fraglich, ob nach der Katastrophe von 1866 politische Reformen allein den schließlichen Untergang der österreichischen Großmacht hätten verhindern können. Aber der Deäksche Ausgleich, der den Magyaren die Handhabe bot, um jeden Weg zu einer durchgreifenden Lösung des Nationalitätenproblems zu versperren und die Einheit und Stärke des Gesamtreiches zu untergraben, war keine naturgesetzliche Folge von Königgrätz; er war.zu verhindern, wenn sich die kaiserliche Regierung auf die konservativen und förderalistischen Kräfte gestützt hätte, statt auf das großdeutsch-liberale Element, welches sich die verhängnisvolle Zweiteilung des Reiches gerne abringen ließ, in der verblendeten Hoffnung, die westliche Reichshälfte ähnlich unangefochten beherrschen zu können wie die Magyaren das buntnationale Gebiet der Stephanskrone. Im übrigen weist der Autor ja selbst darauf hin, daß es der verhängnisvolle Allianzvertrag von 1879 war, der die Donaumonarchie an Deutschlands Seite im Weltkrieg zur Vernichtung führte. Mag man die Bedeutung des Jahres 1866 für die innenpolitische Entwicklung im Habsburgerreiche noch so hoch einschätzen, endgültig wurde das Schicksal dieses Reiches nicht im Swiepwald und auf der Höhe von Chlum entschieden, sondern auf den französischen Schlachtfeldern von 1918; erst die deutsche Niederlage schlug den Funken, der die Anhäufung separatistischer Sprengstoffe in Österreich-Ungarn zur Detonation brachte.

Allein die Bedenken, die gegen die eine oder andere Auffassung Prof. Kanns angeführt werden können, sind von geringem Belang im Vergleich zu den Vorzügen eines Werkes, welches wie kein anderes geeignet ist auf einem Gebiet Klarheit zu schaffen, dessen wahrer Charaktei allzu lange durch ein Dickicht von Vorurteilen, verzerrten Darstellungen und bewußten Unwahrheiten vor der Weltöffentlichkeit verhüllt blieb. Aber vielleicht ist es als ein glücklicher Umstand zu bezeichnen, daß diese so verdienstvolle Arbeit erst jetzt und nicht schon vor 15 oder 20 Jahren erschienen ist; denn heute ist die Welt weit besser als damals in der Lage, zu ermessen, was die elf Nationalitäten der Donaumonarchie, und mit ihnen alle Völker Europas, in Wahrheit gewonnen und was sie verloren haben, als man da alte Reich in Trümmer schlug. Kurt Strachwitz

Patrioten. Von Josef Friedrich P e r k o n i g. Verlag Anton Pustet, Graz, Salzburg, Wien. 779 Seiten.

Die Dreißigjahrfeier der Kärntner Volksabstimmung ist sicherlich der Anlaß zu diesem breit angelegten epischen Werk des bekannten Kärntner Dichters, der selbst wäh rend des Freiheitskampfes aus eigener Anschauung und eigenem Erleben die Ereignisse und Menschen studieren konnte. Aus diesem Gesdiehen schöpft der Dichter in einer vielgestaltigen Fülle von Einzelfiguren und Episoden den Stoff für die Bilderfolge, die hier in Romanform vor uns abläuft. Die Helden, zwei Offiziere der einstmals gemeinsamen k. u. k. Armee, repräsentieren die nationalen Gegensätze zwischen Slowenen und Österreichern. Aus ihrem Haß und dem ewigen Suchen, aus der Verkettung des persönlichen Schicksals mit dem Drama der Kämpfe vor der Volksabstimmung erwächst die Handlung. Der Dichter nimmt nicht Partei, sondern versucht in liebevoller Einzelschilderung, unter Anerkennung des nationalen Standpunktes ein Kapitel österreichischer Geschichte dem Gedächtnis der Nachwelt zu überliefern. Eine Verdichtung des dichterischen Rohstoffes, der durch die historische Handlung gegeben war, wäre an manchen Stellen sicher kein Nachteil gewesen, da Perkonigs breite Erzähltechnik manchesmal in Laugatmigkeit und Wiederholung übergeht. Das Buch wird jedoch als ein Gedenkwerk Kärntens zahlreiche Freunde finden und wäre wegen der vornehmen und ritterlichen Gesinnung ein wertvolles Geschenk für die Jugend unserer Zeit.

Dr. Ludwig Franz J e d 1 i c k a

Die Katrin wird Soldat. Ein Roman aus Elsaß-Lothringen. 328 Seiten — Da und dort. Skizzen und Erzählungen. 256 Seiten. Beide von Adrienne Thomas. Danubia-Verlag, Wien. Je S 35.—.

Die Neuauflage eines Buches wie „Die Katrin wird Soldat“ — 20 Jahre nach dem großen Auflageerfolg — ist ein problematisches Unterfangen. In der Natur der Sadie, verstehe: eines so typischen Bestsellers in seiner ganzen Art und allen seinen Unarten liegt es nun einmal, daß er mit einer schidc-salhaften Notwendigkeit in eine bestimmte Zeit und innere Bereits'-haft der Leserschaft hineinspricht unHfcso — nnr so — Resonanz gewinnt. Diese Zeit hüt es einmal für die

„Katrin“,- jene vorerst verspielte und verliebte junge Lothringerin, die dann Stufe um Stufe in den harten Krieg ihrer beiden Heimatvölker und das Grauen eines frühen Metzer Luftbombardements hineinschlittert, unzweifelhaft gegeben. Sie erscheint uns heute,' da sich die einstmals heißumstrittene politisch-kulturelle Schnittlinie europäischer Großmachtkämpfe: Elsaß-Lothringen, weitgehend beruhigt hat, vorüber. So sehen wir aus dem Heute das Buch anders, kritischer, und empfinden manches politisch schief gesehen, manches banal und vieles rührselig. Geblieben ist die anständige Grundhaltung des Buches und sein menschliches Bekenntnis zu einer eindeutigen, unpathetisch-unpro-gramma tischen Kriegsgegnerschaft.

Im weiteren Verlauf ihrer schriftstellerischen Laufbahn hat die bekannte Autorin leider nicht gehalten, was das Erstlingswerk versprochen hat. Dies bestätigt auch ein Blick in den neueren Skizzenband „Da und dort“, in dem sich neben reizvollen Reflexen aus der „Katrin“ („Die Reise ins Gestern“) und bedrückenden Erlebnissen aus der Flucht- und Emigrationszeit der Autorin im zweiten Weltkrieg, doch auch manche wohlfeile Früchte eines rasch vergänglichen Tagesjournalismus finden. Fast scheint es, als ob der frühe Erfolg der „Katrin den unleugbaren Anlagen der Verfasserin nicht förderlich gewesen sei.

Dr. Roman Herle

Kristin Lavranstoditer. Roman. Von Sigrid Undset. Wiener Volksbuchverlag. 1147 Seiten.

Aus dem weitgespannten Oeuvre der im Vorjahre verstorbenen großen Norwegerin, das in der Spitzengruppe der modernen Weltliteratur seinen festgefügten Platz besitzt, ragt wie ein Monolith das gewaltige Prosaepos vom Leben der „Kristin Lavranstochter“ hervor. Das Schicksal dieser gefühls- und seelenstarken Frau, die sich durch Sünden, Irrungen und Prüfungen den Weg zur Gnade erstreitet, ist von einer einmaligen und zeitlosen Stärke und Gültigkeit: die leidende und ringende Frauenseele hat nicht oft eine so wirklichkeitsnahe und doch vom Jenseitigen her geprägte Erfassung gefunden. Tiefgründige Kenntnis um Fehl, Schmerz und Läuterung des Menschen, überglänzt von sprachlicher Msisterschaft und einer geradezu leuchtenden Plastizität der historischen, mittelalterliche..!)

Umwelt, die sich als Hintergrund und kostbarer Rahmen des inneren Geschehens darbietet. Den Ruhm dieses Werkes wird kein Zeitablauf trüben. Dem Verlag gebührt für Wiederauflage und noble Ausstattung warmer Dank und Anerkennung. Carl v, Peez

Angela Schönthann. Roman. Von Franz Brau mann. Verlag Anton Pustet, Graz, Salzburg, Wien 1950. 301 Seiten.

Der bekannte Salzburger Erzähler Brau-inann schöpft den Stoff seines neuen Romans wieder aus dem bäuerlichen Lebenskreis. Er schildert den Schicksalsweg der Angela Schön-thann, einer tapferen, tüchtigen Frau, die Bäuerin auf dem Hof Gotteswinden wird, und dann, nachdem ihr Mann abgewirtschaftet und den Besitz verloren hat, ein hartes, arbeitsreiches Leben rührt, ohne aber ihren Glauben und ihre innere Kraft zu verlieren. Ihrem Sohn, der ebenfalls von tiefer Heimatliebe beseelt ist, gelingt es schließlich wieder, Herr auf dem einstigen väterlichen Besitz zu werden. Der ethische Grundgedanke dieses Romans wird ohne Aufdringlichkeit dargeboten. Der Autor weiß lebendig und stimmungsvoll zu erzählen und die Personen der Handlung auch ohne naturalistische Mitte! lebenswahr dazustellen.

Dr. Theo T r u m m e r

Lombardl spricht zu uns: „es kommt das Zeltalter Jesu.“ Verlag Styria-Pustet-Moser, 1950, 355 Seiten. Preis S 32.10.

Liest man dieses Buch in seiner Lebendigkeit und seiner tiefen Uberzeugungskraft, so hört man Lombardi tatsächlich sprechen. Weil Zeit und Raum die Zuhörenden nidit mehr fassen, geht Lombardi nun den Weg des geschriebenen Wortes, ohne das Kleid des lebendigen Wortes zu wechseln. Die Gefahr aber wird bereinigt, jeder Satz bleibt lebendig gehörtes Wort Daß die erste Veröffentlichung seiner Reden gerade die in Österreich gehaltenen Predigten beinhaltet, mag uns Anlaß zur Freude sein, soll aber den entschwundenen Klang seiner Johannesrufe neu vernehmen lassen. Die fünfzehn Predigten (leider fehlt dem Buch ein Inhaltsverzeichnis), vom Kreuzzug der Liebe zu dem bereits beginnenden Zeitalter Jesu führend, lassen das Phänomen Lombardi und seine suggestive Wirkung auf die Massen ahnen, auf die Gutwilligen und auf die Neugierigen. Leichter als das flüchtige Wort weist das Budi die Quellen dieser überraschenden Wirkung auf: daß der Hörer einen Mehrklang vernimmt, das Echo seiner in aller Liebe aufgenommenen menschlichen Not und die Stimme der entgegenkommenden Liebe Gottes, von Lombardi in peisönüchster und selbslosester Weise gereimt, so daß jeder sich verstanden und von der großen Liebe umfaßt weiß, weil gerade in einem solchen Augenblick der Mensch Lombardi gleichsam hinter sich selbst zurücktritt und der personifizier len Liebe Christi den Vortritt läßt Lombaidi will nur Zeuge sein jenes Themas, daß die göttliche Liebe alle Widerstände des Menschen übersteigt, wie es auch für den Verkünder dieser Liebe keine unübersteigbaren Hindernisse der Sprache, der völkischen Verschiedenheit und der vermittelnden Wege gibt.

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