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Dreimal Geschichte der Philosophie

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Die Philosophie (Band 1 aus der vierbändigen Sammlung: Zwischen den beiden Kriegen). Von Max Bense Suhrkampverlag, 1951, 466 Seiten. Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie (Band 32 aus der Sammlung „Die Universität“). Von Wolf gang Stegmüller. Humboldtverlag, Wien-Stuttgart, 1952, 494 Seiten. Geschichte der Philosophie. Von Johannes Hirschberger. 2 Bände; 1. Band: Altertum und Mittelalter, 1949, 476 Seiten; 2. Band: Neuzeit und Gegenwart, 1952, 641 Seiten.

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Die Philosophie (Band 1 aus der vierbändigen Sammlung: Zwischen den beiden Kriegen). Von Max Bense Suhrkampverlag, 1951, 466 Seiten. Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie (Band 32 aus der Sammlung „Die Universität“). Von Wolf gang Stegmüller. Humboldtverlag, Wien-Stuttgart, 1952, 494 Seiten. Geschichte der Philosophie. Von Johannes Hirschberger. 2 Bände; 1. Band: Altertum und Mittelalter, 1949, 476 Seiten; 2. Band: Neuzeit und Gegenwart, 1952, 641 Seiten.

Es war ohne Zweifel ein sehr guter Gedanke, die Zeit „zwischen den beiden Kriegen“ zum Gegenstand einer besonderen Betrachtung zu machen. Außer dem vorliegenden Band über die Philosophie umfaßt die Sammlung einen Band über die „Neue Musik“, einen weiteren über „Kunst und Architektur“ und einen vierten über „Literatur und Theater“. Der Band über die Philosophie wurde von Max Bense, dem Professor der Philosophie an der Technischen Hochschule Stuttgart,-gearbeitet. Er hat gewiß nicht unrecht, wenn er schreibt, „daß jede Darstellung, die den philosophischen Methoden und Ideen einer bestimmten Zeit gewidmet ist, sich unter den Auspizien eines zugeordneten philosophischen Gedankens, der ein methodischer, kritischer oder systematischer sein kann, vollzieht“. Nach Bense gehört der Cartesische Rationalismus zu den großen, verbindlichen und humanen Ideologien des Abendlandes; und eben dieser ist in der Epoche zwischen den beiden Kriegen betroffen worden und hat sich dabei gewandelt. Seine Darlegungen umfassen durchaus alle wesentlichen Ereignisse, die sich im Räume der Philosophie begaben; eine andre Frage ist es, ob ihm in der Darstellung die erwünscht scharfe Formulierung gelang. In dem Resümee kommt er jedenfalls zu dem Ergebnis, daß die besprochene Epoche säkular vordemonstrierte, „welchen Verlust an Menschlichkeit der Verlust an Rationalität ausmacht“. Daß es zu einer endgültigen Ausspielung des Mythos gegen das (rational erarbeitete) System kam, daß es ferner zu der endgültigen Ausspielung der Macht gegen den Geist kam, läßt Bense letztlich in einem Versagen der Philosophie begründet sein. Diese nämlich hätte die Cartesische Rationalität und Diderotsche Aufklärung sofort zu vergessen begonnen, als die mythologisierenden und irrationali-sierenden Bedürfnisse derer, die rational dem technischen Zeitalter nicht gewachsen waren, die endlichen Grenzen jeder rationalen Methode als einen Einwand gegen die Herrlichkeit der Kreatur empfanden.

Diese Gedanken können gewiß zu denken geben; aber warum sollte jemand nicht auch so fragen: Bense hat — sehr treffend — den Uebergang des mittelalterlichen zum neuzeitlichen Denken in dem Satz charakterisiert: „Die vorcartesische Abhängigkeit der Philosophie von der Theologie war sichtbar zu einer Abhängigkeit der Philosophie von der Mathematik geworden“; muß man diesen Uebergang deshalb schon als einen Uebergang von einer geringeren zu einer höheren Rationalität ansehen? Oder ist nicht vielmehr bei diesem Uebergang die durchaus rationale Existenzbezogenheit des menschlichen Seins und Denkens auf Gott in Verlust geraten und eben dadurch auch jegliches fruchtbringende Philosophieren? Aus solchen Bemerkungen läßt sich die Aversion des Autors gegen die Existensphilosophie verstehen. Daß diese mit ihrem vielfach zutreffenden Irrationalismus nichts weiter als eine Reaktion auf das rationalistische Denken, das gerade bei Descartes seinen Ursprung hat, darstellt, scheint ihm nicht zum Bewußtsein gekommen zu sein. — In einem längeren Anhang werden Texte aus den Schriften moderner Philosophen vorgelegt. Wie alle Anthologien ist ihr philosophischer Wert nur ein beschränkter.

Wolfgang Stegmüller, Dozent für reine Philosophie an der Universität Innsbruck und Assistent bei Prof. Eiisman, nennt sein Werk eine „historisch-kritische Einführung“. Dieser Untertitel kann zu einer rechten Würdigung und Beurteilung seines Buches anleiten. Denn Stegmüller besitzt in seltenem Maße die Gabe, die Gedanken anderer in äußerst klarer und dichterischer Form und in einem prägnanten sprachlichen Ausdruck vorzulegen. Das befähigt ihn, in die Gedankenwelt oft auch sehr schwieriger Philosophen einzuführen. Dabei gerät er nie auch nur in die Nähe peinlich wirkender Vulgarisierungen, obwohl er sich im Vorwort wegen irgendwelcher Trivialisierungen entschuldigt. Dadurch allein bietet sein Werk auf den nicht selten äußerst komplizierten Gefilden der neueren Philosophie eine sehr wertvolle Hilfe an. Wenn der Verfasser sein Buch eine „historisch-kritische“ Einführung nennt, so kann man nicht umhin, einige nicht unbedeutende Mängel anzumelden. So sind nicht einmal die Lebensdaten der von ihm besprochenen Philosophen (Brentano, Husserl, Scheler, Heidegger, Jaspers, Nik. Hartmann, Reininger, Häberlin, Carnap und der „Wiener Kreis“) angeführt. Das Historische liegt ihm nicht, er scheint ein ausgesprochen spekulativ eingestellter Kopf zu sein. Jedenfalls zeigte er nicht die Wurzeln, den Entwicklungsgang und die Abhängigkeitsbeziehungen des Denkens der von ihm behandelten Philosophen auf.

Wenn man aber unter „kritisch“ etwas mit Kritik (das ist „auswählen, unterscheiden und beurteilen“) versteht, dann muß man diese Eigenschaft Stegmüller in einem hervorragenden Maß zusprechen. Da Stegmüller durchaus bewußt die außerdeutschen Philosophen aus seiner Darstellung ausschließt und leider auch die Neuscholastik (in der Löwener Schule hat sie zweifellos einen bedeutenden Beitrag zur heutigen Philosophie geleistet) nicht behandelt, so kann das von ihm Gebotene nicht den Anspruch erheben, ein einigermaßen vollkommenes Bild der Gegenwartsphilosophie zu bieten. Zwei Richtungen, der Existenzphilosophie und dem Neopositivismus, wird das Hauptinteresse geschenkt; dadurch wird der Beobachter unserer Zeit vielleicht erst aufmerksam, daß kaum gegensätzlichere Auffassungen gleichzeitig vertreten wurden: die Existenzphilosophie, die das an sich Unsagbare des Einmaligen im Je-Jetzigen doch noch zur Sprache bringen will, und der Neopositivismus, ♦ der nicht scheut, die These zu vertreten: Es gibt keine Rätsel; alle Fragen, die man stellen kann, sind auch beantwortbar; wären sie es nicht, dann ließen sie sich als Scheinfragen demaskieren. Der Verfasser legt die verschiedenen Systeme rein sachlich vor und schließt mit einer „Würdigung“, in der seine Beurteilung auf eine sehr klare, aber rein immanente Kritik beschränkt. Dabei versucht er mit sehr scharfer Dialektik die inneren Schwierigkeiten aufzudecken, die sich aus den diversen Behauptungen ergeben; gerade dadurch vermag er manche allzu rasche, modebedingte Begeisterung für diesen oder jenen neueren Denker in entsprechenden Grenzen zu halten.

Die zweibändige „Geschichte der Philosophie“ von Johannes Hirschberger, Professor an der Eichstätter theologischen Lehranstalt, ist mit ihren rund 1100 Seiten ein Werk, dem augenblicklich nicht leicht ein zweites zur Seite zu setzen sein dürfte. Hirschberger verfolgt zwei Absichten: 1. will er mit dem wesentlichen Ideengut der Philosophen der Vergangenheit und Gegenwart vertraut machen, 2. versucht er die Geschichte der Philosophie zu einer Gelegenheit geistiger Selbstbesinnung werden zu lassen. Dadurch will er erst die Möglichkeit, zu sachlich-systematischen Lösungen fortzuschreiten, bieten. Wer den maßvollen Umfang des behandelten Stoffes bedenkt, muß staunen, wie sehr dies dem Verfasser gelang. Die ungemein klare und übersichtliche Darstellungsweise zeugt von einem ebenso bedeutenden Gelehrten als auch Pädagogen. Die reiche Literaturangabe (bis 1951) weist Spezialfragen auf weitere Wege der Untersuchung. Eine Frage bleibt es, ob Hirschberger so weit echter Historiker ist, daß es ihm gelingen konnte, der\ Ursprung und das Wachstum eines philosophischen Gedankens aufzuzeigen. Man wird ihn eher zu den Systematikern zählen müssen, die die „Geschichte der Philosophie nicht referieren, sondern philosophieren“. Dabei entsteht aber eine oft ganz ausgezeichnete Einführung in die Philosophie. Eben das mag auch den Verfasser dazu veranlaßt haben, die dem Historiker zweifellos zustehende Kritik zu sehr mit der Darstellung selbst zu verflechten; so diskret er dabei verfährt, man möchte diese kritischen Bemerkungen lieber im Anschluß an . die systematischen Darlegungen lesen. So würden sie das Einfühlen in den Denkgang der besprochenen Philosophen weniger erschweren.

Für eine Neuauflage wären u. a. als Wünsche anzumelden: 1. Eine gründliche Behandlung des Mythos; er lebt als Nachbar, ja sehr naher Verwandter der Philosophie, er war schon vor ihr da und hat sie stets mehr oder weniger auffällig begleitet. 2. In der Patristik wäre die große Denkererscheinung eines Origenes einer ausgedehnteren Behandlung würdig. 3. Auch im Mittelalter würde man erwarten, daß der augustinisch-franziskanischen Richtung mehr Beachtung geschenkt würde; warum sind Thomas 50, Duns Scotus bloß 6 Seiten gewidmet? Die Einheit des christlichen Mittelalters bestand nicht in einer Uniformität, sondern in einer grandiosen Spannung. Zu loben ist auf alle Fälle das ausgezeichnete Namens- und Sachregister.

Leopold Kunschak. Porträt eines christlichen Arbeiterführers. Von Franz Stamprech. Verlag der „Freiheit“, Wien. 135 Seiten.

Wenige Monate trennen uns erst von dem Tag, an dem schwarze Fahnen vor dem österreichischen Parlament verkündeten, Leopold Kunschak ist nicht mehr, und schon liegt ein Gedächtnisbuch vor. Von Franz Stamprech als Ehrung für den scheidenden Präsidenten des Nationalrates geplant, gibt es jetzt der Nachwelt Kunde von einem Mann, der in seinem langen Leben und politischen Wirken all das verwirklicht hat, was wir uns als „christliche Demokratie“ zu definieren bemühen.

In lockerem, breite Leserschichten ansprechendem Ton erzählt der Verfasser entscheidende Szenen aus Kunschäks Werdegang nach. Schauplatz sind die Hausmeisterwohnung der Mutter, die Ver-sammlüngssäle der Aera Lueger, der Wiener Gemeinderat, das Parlament... Bezeichnende Details, sonst dazu bestimmt, vergessen zu werden, sind festgehalten. Kann es ein schöneres Zeugnis für den Respekt auch politischer Gegner geben als jene Episode aus dem Sturmjahr 1945, als Ernst Fischer mit den Worten „ein anständiger Kommunist stellt sich nicht vor, sondern hinter Kunschak“ bei seinen Parteifreunden dagegen Einspruch erhob, als ein Kommunist erster und Kunschak zweiter Vizebürgermeister von Wien werden sollte? Oder: daß Dr. Renner die Bildung der provisorischen Staatsregierung nur unter der Bedingung übernahm, daß Kunschak mitmache. Ein glücklicher Zufall war es auch, Kunschak selbst zu Wort kommen zu lassen und außer seiner vielzitierten Rede vom Februar 1934 im Wiener Gemeinderat andere an entscheidenden Wegkreuzungen unserer neuesten Geschichte gehaltene Reden in den Text einzubauen. Besonders interessant: eine Friedensrede aus dem Jahre 1917, die Erklärung als Führer der Minorität im Wiener Gemeinderat 1918 und das Plädoyer für die Lausan-ner Anleihe.

Ein Volksbuch über den Volksmann Leopold Kunschak liegt vor. Es wird viele Freunde finden.

Daten deutscher Dichtung. Unter Mitarbeit mehrerer Fachgenossen herausgegeben von Herbert A. Frenzel. Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin. 444 Seiten.

Die Chronologie, um die sich früher wie um ein Skelett das „Uebrige“ legte, stand eine Zeitlang, besonders in den Geisteswissenschaften, nicht eben hoch im Kurs. Aber wenn sie bescheiden als Hilfswissenschaft auftritt, schafft sie notwendige Ordnung und Uebersicht. Der vorliegende, gründlieh erarbeitete chronologische Abriß der deutschen Literaturgeschichte von den Anfangen bis zur Gegenwart ist nach den üblichen Epocheeinteilungen gegliedert, die jeweils durch eine allgemeine Skizze der soziologischen, philosophischen und welthistorischen Hintergründe eingeleitet werden. Dann folgen Kurzbiographien der wichtigsten Autoren und die einzelnen Werke nach dem Jahr ihres Erscheinens mit knappen Charakterisierungen (die Dramen nach dem Datum der Uraufführung). Eine ungeheure Arbeit steckt in diesem Buch, das prima vista einen ausgezeichneten Eindruck macht.

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