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Eine offene Frage

1945 1960 1980 2000 2020

Die Naturwissenschaft hat zum Thema Wunder zunächst nichts zu sagen. Aber wissenschaftliche Erwägungen könnten zur Deutung beitragen.

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Die Naturwissenschaft hat zum Thema Wunder zunächst nichts zu sagen. Aber wissenschaftliche Erwägungen könnten zur Deutung beitragen.

Wichkeit nicht materiell in einzelnen Stücken geschaffen hat, sondern wo er die Gesetze gegeben hat, nach denen sich diese selbst evolutiv entwickelt. Und diese Gesetze („Gedanken Gottes”) sind „sehr gut”, sie sind jedenfalls so, daß sich die Vielfalt und die höchsten Strukturen des Kosmos (bis zu den mit Bewußtsein ausgestatteten, zur Freiheit befähigten Menschen) entwickeln konnten. Insbesondere sind sie in weiten Teilen nicht deterministisch, sodaß echte Kontingenz möglich bleibt. Wenn dem so ist, dann scheint es unplausibel, daß Gott von Zeit zu Zeit etwas korrigieren mußte in diesem Prozeß. Sonst käme er wohl in die Rolle eines schlechten Planers oder Konstrukteurs, dem es nicht gelungen ist, die Entwicklungsgesetze so zu ersinnen, daß sie eine seinem Willen entsprechende Entwicklung ermöglichen. Aus dieser Sichtweise heraus scheinen Wunder (im naiven Sinn des Wortes) unnötig, ja widersprüchlich. Und Vertreter dieser Ansicht suchen daher nach innerweltlichen Erklärungen beziehungsweise Auflösungen der berichteten Wunder - entweder durch direkte kausale Erklärungsmuster (wie etwa in dem ehemaligen Bestseller „Und die Bibel hat doch recht”) oder durch das Bemühen von psychosomatischen Mechanismen (Heilung durch Handauflegen!) oder durch die Ausnutzung nichtdeterministischer Elemente in den Naturgesetzen.

Keiner dieser Ansätze scheint mir voll überzeugend. Viele der sogenannten natürlichen Erklärungen wirken entweder reichlich hanebüchen (wenn ich mich recht erinnere, so wird in dem oben genannten Buch das Manna in der

Wüste Sinai als Exkremente von Vogelschwärmen erklärt) oder eher als Ausreden (die Speisung der Fünftausend wäre dann eine Art Massenpsychose), und sie versagen ohne Zweifel bei radikalen Wundern wie den To-tenerweckungen. Anderseits kann ich mich auch nicht so leicht zufriedengeben mit einer Metaphysik der parallelen Wirklichkeiten.

Die Frage bleibt für mich offen. Damit möchte ich aber nicht ausschließen, daß eine bessere Sicht des Problems - auch mit Hilfe wissenschaftlicher Erwägungen - gelingen könnte. Ich möchte sogar eine Rich-tungfürweiteresNachdenken nennen:

Nach allen Zeugnissen der Schrift sind die Wunder nicht um ihrer selbst willen gewirkt, auch nicht grundsätzlich zur Behebung menschlichen Elends (sonst hätte Jesus sie ja systematisch und großflächig anwenden können), sondern um innere Umkehr und Hoffnung zu ermöglichen. Jedes der berichteten Wunder kann nur dann einigermaßen adäquat erfaßt werden, wenn zusätzlich zum äußeren

(sichtbaren) Vorgang der (angenommene oder verweigerte) innere Prozeß mitbetrachtet wird. Was von den Wundern tatsächlich wunderbar bleibt, sind die Wunder im Inneren.

Wunder bilden also einen physischpsychischen Themenkomplex. Damit muß aber die Frage, ob wir zu diesem Thema überhaupt etwas Sinnvolles von seiten der Wissenschaften beitragen können, in einem Rahmen betrachtet werden, der den methodischen Rahmen der Naturwissenschaften insoferne erweitert, als auch die Wechselwirkung von Physischem und Psychischgm mitthematisiert werden muß. Hier wissen wir bekanntlich noch sehr wenig. Dennoch gibt es Fortschritte, die vielleicht noch keine großen inhaltlichen Aussagen liefern, aber logische Klärungen bewirken und das Denken von alten unfruchtbaren Problemstellungen weg und zu neuen adäquateren Fragen hin orientieren. Etwa zur Frage, ob es überhaupt logischen Sinn macht, dem Bereich des physischen Geschehens einerseits (körperliche Prozesse bis hin zu den Hirnströmen) und den der mentalen Phänomene (Empfindungen, Gefühle, Intentionen, Stimmungen etc.) als streng disjunkt anzunehmen, oder ob wir die Wirklichkeit (inklusive unserer eigenen Psyche) nicht adäquat verstehen im Bahmen eines nicht-dualen Weltbilds. Vielleicht entwickeln wir eines Tages das Konzept eines „nicht-reduktiven Materialismus”, in dem die unleugbare Wechselwirkung zwischen mentalen und körperlichen Prozessen (das klassische Leib-Seele-Problem!) und damit die leib-seelische Einheit des Menschen besser verstanden wird als mit unseren heutigen Begriffen von Materie und Geist. Und vielleicht erlaubt dieses Konzept auch eine tiefere Sicht von „Wunder”, die dann nicht so platt auf quasi-willkürliche göttliche Individualakte reduziert werden, wie es derzeit notwendig scheint.

Natürlich sind das Spekulationen, und es kann sehr wohl sein, daß wir hier niemals wirklich weiterkommen. Der Naturwissenschafter wird dann die Frage offen halten, wie andere Fragen auch. Er wird dies aber mit einem gewissen Gleichmut tun - selbst als gläubiger Wissenschafter, der hohen Be-spekt vor der Schrift besitzt. Denn erstens kann er das, was Wunder bewirken wollen - Staunen, Ergriffenheit, Erschrecken vor der Kraft Gottes -, beinahe ständig aus seiner Arbeit, aus seiner Sicht der Welt heraus erleben - im Blick auf die konkrete Verfaßtheit der Welt („Tatsächlich ist die Ordnung des ganzen Weltalls ein größeres Wunder als die Sättigung von fünftausend Menschen durch fünf Brote”, sagt schon Augustinus) oder aus der wunderbaren Erfahrung der eigenen Erkenntnisfähigkeit („Was mich wirklich wundert, ist, daß wir die Welt zumindest ansatzweise verstehen können”, so Einstein). Und zweitens: Macht nicht die Schrift selbst ganz eindeutig klar (etwa in der spannenden Dialektik der Thomas-Episode), daß der Glaube, zu dessen Annahme oder Ablehnung die Wunder provozieren sollen, seine wirkliche Kraft erst gewinnt, wenn er dieser Provokation nicht mehr bedarf?

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