Hegel - © Foto: Getty Images / DeAgostini
Philosophie

Hegel: Der Denker der Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel hofft sein Biograf Klaus Vieweg auf ein Comeback der Hegel’schen Philosophie.

1945 1960 1980 2000 2020

Zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel hofft sein Biograf Klaus Vieweg auf ein Comeback der Hegel’schen Philosophie.

„Philosophieren heißt, frei leben zu lernen“ – so lautet die Grundthese von Hegels Denken. Das Motiv der Freiheit bestimmte seine Philosophie, und er widmete sich der Frage, wie ein freies, verantwortliches Leben gelingen könnte. In seiner umfangreichen Biografie „Hegel. Der Philosoph der Freiheit“ skizziert der in Jena emeritierte Philosoph Klaus Vieweg die facettenreichen Gedanken Hegels zum Thema Freiheit. Sie reichen von seinen Studienjahren in Tübingen über seine Tätigkeit als Gymnasiallehrer bis zu seinen Vorlesungen zur Rechtsphilosophie. Die FURCHE hat mit Klaus Vieweg gesprochen.

DIE FURCHE: In dem Vorwort Ihrer Hegelstudie skizzieren Sie die Grundpfeiler von Hegels Philosophie. Wie sieht dieses tragende Gerüst aus?
Klaus Vieweg: Freiheit und Vernunft sind im Zentrum von Hegels Philosophie, wobei sie immer aufeinander bezogen sind. Mein Anliegen bestand darin, zu zeigen, dass Hegels Philosophie eine Wissenschaft der Vernunft wie auch eine Wissenschaft der Freiheit ist. Der Schlusssatz von Hegels letzter Vorlesung in Berlin lautete: „Freiheit ist das Innerste, und aus ihr ist es, dass der ganze Bau der geistigen Welt hervorsteigt.“

DIE FURCHE: Für Hegel war Freiheit nicht nur ein theoretisches Konzept, er setzte sich auch politisch für sie ein. Der Anstoß dazu kam von der Französischen Revolution.
Vieweg: Die Französische Revolution war sicherlich das prägende geschichtliche Ereignis im Leben des Philosophen. Später trank er am 14. Juli – und zwar an jedem 14. Juli – ein Glas Champagner auf ihren Beginn. Hegel war schon in Tübingen einer der Wortführer eines revolutionär-republikanischen Studentenkreises, der mit der Französischen Revolution sympathisierte. Dieses Engagement für den Geist dieser Revolution blieb bei Hegel bis in seine späte Berliner Zeit erhalten.

DIE FURCHE: Wie sah das politische Engagement Hegels in Berlin aus – zu einer Zeit, in der er als arrivierter Stardenker gefeiert wurde?
Vieweg: Er setzte sich für seine eingekerkerten Studenten ein. Mehrere Schüler Hegels saßen nach den Karlsbader Beschlüssen im Gefängnis; er stellte Kautionen und suchte Anwälte auf. Einen Studenten konnte er nach langen, mühsamen Interventionen aus dem Gefängnis holen und später die Niederschlagung des Verfahrens erreichen. Das sind kleine Bausteine und Indizien, die zeigen, dass Hegel immer aufseiten der oppositionellen, reformierenden Kräfte stand.

DIE FURCHE: In dem Hauptwerk „Phänomenologie des Geistes“ beschrieb Hegel den mühevollen Weg der gegenseitigen Anerkennung von Individuen. Zu welchem Resultat ist er gekommen?
Vieweg: Ein Fundamentalsatz Hegels sollte hier angeführt werden: Jeder Einzelne muss als allgemeine Person aufgefasst werden. Das meint Anerkennung. Jede Person muss in ihrem unendlichen Wert respektiert werden, der Mensch gilt, weil er Mensch ist, nicht weil er Jude, Katholik, Protestant oder Deutscher ist. Hier ist die Anerkennung realisiert, das heißt,
es geht gegen jede Diskriminierung, gegen jeglichen Nationalismus, gegen Rassismus, gegen Ausländer- und Judenfeindlichkeit. Aus diesen Gründen wurde Hegel von dem Nazi-Ideologen Alfred Rosenberg als „unvölkischer, antideutscher, kosmopolitischer Narr“ attackiert.