Rudolf Burger - © Foto: Robert Newald / picturedesk.com

Rudolf Burger zum 70. Geburtstag: Denken als Haltung

1945 1960 1980 2000 2020

Vom seltenen Fall eines österreichischen Intellektuellen, der sich jedweder politischen oder ideologischen Kategorisierung entzieht. Rudolf Burger zum 70. Geburtstag.

1945 1960 1980 2000 2020

Vom seltenen Fall eines österreichischen Intellektuellen, der sich jedweder politischen oder ideologischen Kategorisierung entzieht. Rudolf Burger zum 70. Geburtstag.

Es muss an einem für Wiener Verhältnisse außerordentlich kalten Tag im Jänner 1981 gewesen sein. Ich hatte erst vor wenigen Wochen in den "Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst" meine erste größere Abhandlung mit dem Titel "Die Krisis der abendländischen Vernunft - Grenzen der Aufklärung und Interesse am Mythos" veröffentlicht und wenig später eine Nachricht aus dem Wissenschaftsministerium erhalten, dass mich ein Herr Ministerialrat Burger in dieser Angelegenheit zu sprechen wünsche. Aufgeregt hatte ich zurückgerufen, und es wurde ein Mittagessen in einem Innenstadtlokal vereinbart. Natürlich war ich viel zu früh und wartete, während heftiges Schneetreiben den Blick aus dem Fenster verdeckte. Rudolf Burger kam pünktlich, gehüllt in Schnee und Kälte, begrüßte mich, den jungen Unbekannten, mit ausgesuchter Höflichkeit, und es entspann sich ein Gespräch über meinen Aufsatz und seine Thesen, indem Burger meinen Überlegungen in einer Weise Respekt zollte, die bewundernswert die Balance zwischen Anerkennung und subtiler Kritik zu halten verstand. Am Ende war ich der Belehrte, ohne belehrt worden zu sein.

Kein Hang zum Moralisieren

Solch ein von keinerlei persönlichen Beziehungen, Empfehlungen oder Interventionen getrübtes Interesse an der Sache habe ich seither in diesem Land kaum mehr erlebt. Rudolf Burger repräsentierte für mich deshalb den Typus eines akademischen Beamten, der alle Tugenden in sich vereint, die der neoliberale Zeitgeist diesem Berufsstand in der Regel abzusprechen pflegt: Korrektheit, Effizienz, Produktivität, Neugier, Weltoffenheit, politisches Engagement und nicht zuletzt: Unbestechlichkeit im Urteil. Obwohl er als einer der bedeutendsten österreichischen Intellektuellen gilt, fehlt ihm völlig der Habitus dieser Klasse. Gesten der Empörung sind ihm ebenso fremd wie der Hang zum Moralisieren, das Kokettieren mit dem Zeitgeist wird man bei ihm ebenso wenig finden wie das rituelle Beschwören der Vergangenheit. Das mag auch mit einem Werdegang zu tun haben, der durchaus atypisch genannt werden kann.

Es muss an einem für Wiener Verhältnisse außerordentlich kalten Tag im Jänner 1981 gewesen sein. Ich hatte erst vor wenigen Wochen in den "Mitteilungen des Instituts für Wissenschaft und Kunst" meine erste größere Abhandlung mit dem Titel "Die Krisis der abendländischen Vernunft - Grenzen der Aufklärung und Interesse am Mythos" veröffentlicht und wenig später eine Nachricht aus dem Wissenschaftsministerium erhalten, dass mich ein Herr Ministerialrat Burger in dieser Angelegenheit zu sprechen wünsche. Aufgeregt hatte ich zurückgerufen, und es wurde ein Mittagessen in einem Innenstadtlokal vereinbart. Natürlich war ich viel zu früh und wartete, während heftiges Schneetreiben den Blick aus dem Fenster verdeckte. Rudolf Burger kam pünktlich, gehüllt in Schnee und Kälte, begrüßte mich, den jungen Unbekannten, mit ausgesuchter Höflichkeit, und es entspann sich ein Gespräch über meinen Aufsatz und seine Thesen, indem Burger meinen Überlegungen in einer Weise Respekt zollte, die bewundernswert die Balance zwischen Anerkennung und subtiler Kritik zu halten verstand. Am Ende war ich der Belehrte, ohne belehrt worden zu sein.

Kein Hang zum Moralisieren

Solch ein von keinerlei persönlichen Beziehungen, Empfehlungen oder Interventionen getrübtes Interesse an der Sache habe ich seither in diesem Land kaum mehr erlebt. Rudolf Burger repräsentierte für mich deshalb den Typus eines akademischen Beamten, der alle Tugenden in sich vereint, die der neoliberale Zeitgeist diesem Berufsstand in der Regel abzusprechen pflegt: Korrektheit, Effizienz, Produktivität, Neugier, Weltoffenheit, politisches Engagement und nicht zuletzt: Unbestechlichkeit im Urteil. Obwohl er als einer der bedeutendsten österreichischen Intellektuellen gilt, fehlt ihm völlig der Habitus dieser Klasse. Gesten der Empörung sind ihm ebenso fremd wie der Hang zum Moralisieren, das Kokettieren mit dem Zeitgeist wird man bei ihm ebenso wenig finden wie das rituelle Beschwören der Vergangenheit. Das mag auch mit einem Werdegang zu tun haben, der durchaus atypisch genannt werden kann.

Neben den analytischen Fähigkeiten eignet Rudolf Burger eine seltene Begabung für die prägnante Formulierung, die eine politische Konstellation auf einen provozierenden Punkt bringt.“

Rudolf Burger promovierte in Physik, habilitierte in Soziologie, er leitete die Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung im Wissenschaftsministerium und war danach Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst. Dieser Institution stand er von 1995 bis 1999 auch als Rektor vor. Burger verkörpert als singuläre Erscheinung, was andere im Kollektiv nur propagieren: Interdisziplinarität. Und das meint bei ihm nicht nur die souveräne Beherrschung natur-, sozial- und geisteswissenschaftlicher Methoden und Fragestellungen, sondern vor allem eine Disziplin des Denkens, die sich, weil es ihr stets um die Sache geht, keinen einengenden Kategorisierungen unterwerfen will. Ebenso wenig lässt sich Burgers philosophisches Denken von seinem öffentlichen Engagement trennen. Er ist tatsächlich der seltene Fall eines Intellektuellen, der sich nicht aus einer wie immer definierten moralischen oder politischen Besorgtheit einmischt, sondern der seine Aufgabe in einer von keinem Sentiment getrübten Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit sieht. Die Auseinandersetzung mit der Philosophie ist dafür ebenso Voraussetzung, wie sie darin ihre Bestimmung findet, ohne dass sich Burger je irgendwelchen modischen intellektuellen Strömungen überantwortet hätte.

In diesen Kontext gehören auch Burgers Überlegungen zur multikulturellen Gesellschaft und zur Frage, ob Österreich eine Einwanderungsgesellschaft sei. Burgers Leitsatz für diese Problematik lautet: "Die Unausweichlichkeit einer Entwicklung anerkennen, ist eines. Sie argumentativ und praktisch zu unterstützen, ist immer noch etwas anderes." Dort wo es um Kommunikation und Verständigung, um Kunst und Folklore geht, ist für Burger die multikulturelle Perspektive angemessen und sinnvoll. Dort wo diese verwendet wird, um kulturelle Differenzen überhaupt erst zu konstituieren und politisch auszunutzen, sieht er den säkularen Rechtsstaat herausgefordert, der Individualrechten immer den Vorzug gegenüber Gruppenrechten geben sollte. Alle religiös, ethnisch, national oder kulturell definierten Partikularitäten seien nämlich "schlafende Bürgerkriegsparteien", die unter bestimmten Bedingungen geweckt werden können. Nur der laizistische republikanische Verfassungsstaat, der egalitäre Grundrechte garantiert und gegenüber der buntscheckigen kulturellen Wirklichkeit prinzipiell "farbenblind" sein muss, kann eine friedliche Koexistenz kultureller, religiöser, ethnischer Partikularitäten ermöglichen. Die Basis solch eines Staates besteht allerdings nicht in den gerne beschworenen "demokratischen Werten". Der moderne massendemokratische Staat ist nämlich nach Prinzipien strukturiert, "die selbst nicht demokratischer Natur sind". Wohl braucht der Staat diese, um funktionieren zu können, er bedroht sie aber gleichzeitig durch die Demokratie selbst: "Garantierte Rücksicht auf Minderheiten und Schwache, Liberalität, Gewaltenteilung, Repräsentativität und vor allem Legalität sind wichtige politische, aber nicht demokratische Prinzipien, so wenig wie Höflichkeit, Toleranz, Weltoffenheit und Humanität demokratische Tugenden sind."

Neben den analytischen Fähigkeiten eignet Rudolf Burger eine seltene Begabung für die prägnante Formulierung, die eine politische Konstellation auf einen provozierenden Punkt bringt. Oft aus dem Kontext gerissen, machen diese Formulierungen dann die Runde, und einige sind mittlerweile schon selbst nahezu historisch geworden. Eine Bemerkung aus den 80er Jahren, mit der er die Illusionen einiger SP-Vordenker dämpfen wollte - "Wer Visionen hat, braucht einen Arzt" - wurde dem damaligen Bundeskanzler in den Mund gelegt und sorgte für nicht wenig Aufregung; seine Bemerkung, dass ihn die österreichische Außenpolitik in der ersten Phase des Zerfalls Jugoslawiens an das Verhalten eines "kriegsgeilen Kiebitzes" erinnere, geriet zum Skandal; mit seiner polemischen Kennzeichnung einer sozialdemokratisch geführten Bundesregierung als "herrenlose Sekretäre, vom Kanzler abwärts" traf er ins Mark einer verhängnisvollen politischen Rekrutierungspolitik; seine Beschreibung des politischen Programms eines mittlerweile vergessenen SP-Kanzlers als das einer "zähnefletschenden Herzlichkeit" ist legendär; seine Charakterisierung der aufgeheizten Proteste gegen die FPÖ-ÖVP-Regierungsbildung des Jahres 2000 als "antifaschistischer Karneval" wurde zwar mit Empörung quittiert und machte Burger in bestimmten intellektuellen Zirkeln zu einer Persona non grata, erwies sich aber rasch als korrekte Diagnose.

"Plädoyer für das Vergessen"

Und angesichts der unter dem Titel "Holocaust" praktizierten kulturindustriellen Vermarktung und moralischen Instrumentalisierung des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte hat Burger das Wort von der "Sekundärausbeutung der Opfer" geprägt, mit dem er, der angebliche Zyniker, sich gegen den alltäglich praktizierten Zynismus einer Haltung verwahrt, die in den Opfern eines Massenmordes nur mehr die profitablen Helden einer sentimentalisierten Massenkultur sieht, die zudem jederzeit zwecks billiger Selbstimmunisierung in den alltagspolitischen Dienst genommen werden können. Dass sein "Plädoyer für das Vergessen", das er in den letzten Jahren in mehreren Texten ausformulierte, dann auch simpel als illegitime Aufforderung, unter die Nazizeit endlich einen Schlussstrich zu ziehen, kritisiert wurde, ohne dass Burgers geschichtsphilosophische Argumentation auch nur erwähnt worden wäre, passt in eine intellektuelle Landschaft, die immer schon einen Gedanken mit einem Bekenntnis verwechselt hat. Dass Rudolf Burger dies nicht mitgemacht hat, kennzeichnet seine philosophische Haltung.

Buchtipp

Rudolf Burger: Jenseits der Linie. Ausgewählte philosophische Erzählungen.

Erscheint demnächst im Sonderzahl Verlag.

Der Autor ist Professor für Philosophie an der Universität Wien.

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