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Unde malum?

Wir sind heute um so weniger geneigt, unsere Welt mit Leibniz für die bestmögliche zu halten, als in ihr die Wirklichkeit des Bösen in einer Weise überhandnimmt, die alle unsere Vorstellungen von seiner Möglichkeit übertrifft. So muß heute nicht die Frage nach der Tateächlichkeit des Übels und des Bösen, die quaestio facti, sondern die Frage des Grundes und der Rechtfertigung, die quaestio juris, als vordringlich empfunden werden. Es wird uns daher heute ein Werk willkommen sein, das in die philosophischen Lösungsversuche dieses Problems einführt und dies mit profunder Sachkenntnis und in klar disponierter Darstellung. Friedrich Billicsich läßt die einzelnen Denker »möglichst selbst zu Wort kommen, damit so jeder Schein einer subjektiven Berichterstattung 1 vermieden werde“. Strenge wissenschaftliche Objektivität und methodische Sauberkeit sind die Kennzeichen dieser bedeutenden Forschungsarbeit. Unter den besprochenen zwanzig Denkern der Neuzeit steht Leibniz mit Recht »m Mittelpunkt; bildet dodi das Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes angesichts der Übel und des Bösen in der Welt — das Wort „Theodizee“ hat Leib-niz geprägt —, das zentrale Anliegen dieses großen Philosophen. Die Darstellung der Lehre des Mystikers Jakob Böhme steht an Umfang und Ausführlichkeit der Behandlung von Leibniz keineswegs nach. So werden zwei typische Lösungen des Problems, eine rationale und eine irrational-dialektische, vorgeführt, die sich dann auf idealistischem Niveau bei S c h e 11 i n g und bei Hegel wieder in entsprechender Gestalt darstellen. In allen Fällen zeigt sich übereinstimmend, daß das Problem des Übels und des Bösen nicht ohne Beziehung zur Gottesidee positiv erörtert werden kann. Atheismus und absoluter Pessimismus (Schopenhauer) versuchen es folgerichtig als Scheinproblem auszuschalten. Wie im Grunde auch der Pantheismus seine Losung in einer relativierenden Auflösung des Übels in das innerweltlich vergöttlichte All erblickt. Diese Versuche, das Problem des Bösen zu entschärfen, zu verharmlosen, zu relativieren, zu beseitigen, stehen nicht nur im Widerspruch zur gewaltigsten Tatsache der Geschichte, sondern verraten eine Schwäche des Denkens, das letzten Konsequenzen aus dem Wege geht, aus einem Wege, der zur Transzendenz führen müßte, zur Anerkennung einer höheren, überweltlichen Fügung und Ordnung des Daseins. Aber nimmt nicht erst angesichts der Existenz Gottes das Problem des Übels,seine größte Schärfe an? Si Deus est, unde malum (wenn es einen Gott gibt, woher dann das Übel), formuliert Augustinus. Und in der Tat, hören wir nidit heute oft genug die Frage angesichts eines menschlich unverständlichen Geschehens: „Wie konnte Gott dies zulassen?“ Kein Geringerer als Dostojewski j gibt mit der ungeheueren Gewalt seines schauenden und gestaltenden Denkens dieser ausweglos scheinenden Problematik in den leidenschaftlichen Ausbrüchen seines Helden Iwan Karamasow Ausdruck. Iwan wendet sich gegen diese heillose Welt und erklärt, sie als Mensch, als fühlendes und verstehendes Menschenherz, nicht akzeptieren zu können und daher die Eintrittskarte in diese Welt dem Schöpfer zurückgeben zu müssen. Unter welchem „Atmosphärendruck“ dieses Problem auf der Seele der denkenden Menschheit lastet, haben Dichter und Denker aller Zeiten durch ihre Anstrengung bewiesen, ein Licht in dieses Dunkel zu bringen.

Mit Recht kann Billicsich die Beschäftigung mit diesem Problem und die Art des Lösungsversuches „einen Prüfstein für jedes philosophische System und jede Weltanschauung nennen“ (357). Es ist dem Verfasser zu danken, daß er sich der Mühe unterzogen hat, das breite Material der Quellen und der Literatur über das •Theodizeeproblem zusammenzutragen und in ausgiebigen Zitierungen mitzuteilen. Sein Werk ist ein wissenschaftliches Unternehmen ersten Ranges. Wenn der vergriffene erste Band („Von den Anfängen der griechischen Philosophie bis .Thomas von Aquino“) im gleichen Verlag demnächst in zweiter Auflage erscheinen wird und der in Aussicht gestellte abschließende dritte bis zur Gegenwart führende Teil noch hinzukommt, wird ein Standardwerk der Theodizee vorliegen, für das man dem Autor, wie dem Verlag hohe Anerkennung nicht wird versagen können. Wenn auch der Autor zunächst nur eine referierende geschichtliche Darlegung beabsichtigt und daher seine persönliche Auffassung zurücktreten läßt, so bringt er sie doch an den entscheidenden Stellen zum Ausdruck, so zum Beispiel in der abschließenden Zusammenfassung: „Nun wollen wir selbst allerdings erst dann zur Theodizee genauer Stellung nehmen, wenn wir auch die Stimmen der neuesten Philosophie gehört und gleichsam die Summe ziehen können aus all dem, was der Menschengeist seit eh und je zur Lösung dieses Weltgeheimnisses beige-bradit hat: Keine der von uns vorgeführten Erklärungen • vermag den Rang abzulaufen der Lösung wie sie in der christlichen Philosophie gegeben ist, die hier auf dem Grunde der größten griechischen Denker aufbauen kann“ (358).

923 Meter unter dem Meeresgrund. Von

William Beebe. Veilag Eberhard Brockhaus, Wiesbaden. 282 Seiten mit 36 Abbildungen im Text a>uf Kunstdrucktafeln.

Das Leben unter dem Meeresspiegel zu'erforschen, dem Ozean die in ihm verborgenen Schätze zu entreißen, i6t ein alter Traum der Menschheit. Die Eroberung dieser geheimnisvollen Dimension, die man nicht zu Unrecht von seltsamen Fabelwesen bevölkert glaubte, hat aber erat in jüngster Zeit greifbare Erfolge erzielt. Es war vor nun fast zwanzig Jahren eine Sensation ersten Ranges, als der Amerikaner William Beebe in einer mit den modernsten Beobachtungsinstrumenten ausgestatteten Taucherkugel bis 923 Meter unter den Meeresspiegel abstieg. In seltsamer Koinzidenz hat übrigens Picard um die gleiche Zeit mit seinem Kugelballon einen Angriff auf die Stratosphäre unternommen. Beebe hat seine Tiefsee-Expedition, ihre Vorgeschichte, ihre wissenschaftlichen und technischen Entwicklungsstufen, in einem fesselnden und aufschlußreichen Buche geschildert, das nun in neuer Auflage vorliegt und ungeschmälertes Interesse beanspruchen darf. Ob in dieser Zeit rascher optisch-technischer Entwicklung nicht heute eine noch reichere photographische Ausbeute möglich wäre als vor einem halben Menschenalter? Carl Peez

Studien zur Geschichte der Zuckerindustrie in den Ländern des ehemaligen Österreich.

Von Prof. Dr. Jakob Bai a. Universum-Verlag, Wien, 186 Seiten.

Der Autor besitzt nicht nur • als Sozialwissenschafter einen hohen Rang, es sei hier an seine Forschungen über die romantische Staatswis6enschaft erinnert, sondern hat auch eine Reihe von Monographien zur Geschichte der europäischen Zuckerwirtschaft geschrieben. Das Buch über die Geschichte der österreichischen Zuckerindustrie ist eine jener seltenen, aber für die Wirtschaftsgeschichte unentbehrlichen Einzeldarstellungen, die für sich sowohl eine wissenschaftlich wie stilistisch einwandfreie Darstellung in Anspruch nehmen können und trotz der scheinbaren Sprödheit der Materie sich wie ein Roman lesen. Das Gebiet der Zuckererzeugung hat deswegen ein besonderes Interesse, weil es möglich ist, am Zucker, dem Luxu6gut von einst, die Demokratisierung des Bedarfs zu verfolgen. Der Verfasser schildert uns die Bemühungen um die Aktivierung des Zuckerrübenanbaues auch seitens der amtlichen Stellen, die eine für die Zeit des Vormärz erstaunliche Aufgeschlossenheit beweisen (interessant das Eingreifen Metternichs und der damit zusammenhängende Briefwechsel). Die staatliche Zuckerbewirtschaftung nach 1918 wird ebenso eingehend gewürdigt wie die besondere Lage, in der sich die Zuckererzeugung nach 1945 befand. Beim hohen wissenschaftlichen Rang des Verfassers bedürfte es wohl keines Hinweises darauf, daß jede Darstellung aktenmäßig belegt ist.

Dr. Anton Burghardt

Eine Frau über Frauen. Einsiditen und Ratschläge einer erfahrenen Psychologin. Von Marianne Leibi. Ernst-Klett-Verlag, Stuttgart. 376 Seiten.

Der Wert des vorliegenden Werkes liegt in erster Linie darin, daß es von einer Frau herrührt und 6ich an Frauen wendet; daß es den Frauen der heutigen Zeit wohlwollend aber unbestechlich den Spiegel vorhält Und ihnen die tiefgreifenden psychologischen Auswirkungen einer falschverstandenen und irregeleiteten Emanzipation vor Augen hält. Es ist kein Zufall, daß die Verfasserin des öfteren auf das Werk der amerikanischen Autoren Lundberg und Farnham „Modern women — the lost sex“ („Moderne Flauen — das verlorene Geschlecht“) Bezug nimmt.

Das Buch sollte von jeder Frau gelesen, verstanden und beherzigt werden. Es ist von einem gütigen Optimismus getragen, der nichts definitiv verloren gibt, aber auch von einem tiefen Ernst, der «ich der Notwendigkeit einer grundlegenden Umorientierung nicht verschließt. Im gedanklichen Aufbau folgt das Buch den Lebensaltern und behandelt folgende Hauptabschnitte: Kindheit, Pubertät, Jugendzeit; Psychologie der Liebe; die Ehe; die Mutterschaft; die reifen Jahre der Frau. Es klingt aus mit weisen Gedanken über Altern und Sterben und über die religiösen und mystischen Wege zur „Abkehr von der Welt“. Besonders die abschließenden Kapitel sind getragen von tiefen religiösen Erkenntnissen, die allerdings nicht immer ein ganz klares Bekenntnis zu christlichen Wahrheiten enthalten, sondern bisweilen in einer gewissen Unklarheit' zwischen Christentum, Buddhismus, Yoga-Weisheit und ostasiatischer Gnosis schillern. Man merkt speziell hieran, wie auch sonst überall, die starke geistige Abhängigkeit von C. G. Jung.

Soviel steht fest und wird auch von der Verfasserin offen bekannt: daß der radikale Feminismus der Frau viel mehr an echten Werten genommen als gegeben hat. War er getragen vom Leitgedanken des „n o n s e r-viam“, so führt' der rettende Weg über die Bereitschaft, .ancilla Ddmini zu sein. Univ.-Prof. DDDr. , A. Niedermeyer

Die Gesetzessprache. Von Univ.-Prof.“ Doktor Karl Wolff. Verlag Brüder Hollinek, Wien. 121 Seiten.

Alle an der Ausarbeitung: von Gesetzen Beteiligten sollten dieses Lehrbuch der sprachlichen Technik der Gesetzgebung lesen. Manche ; Sprachfehler könnten dadurch im Gesetzestext vemieden werden. Schade ist, daß Wolff in seiner Arbeit das ausgezeichnete Heft „Fingerzeige für die Gesetzes- und Amtssprache“ (herausgegeben von der Gesellschaft für deutsche Sprache unter Mitwirkung des [deutschen) Bundesministeriums des Inneren, Heiland-Verlag, Lüneburg, 5. Aufl. 1951) nicht berücksiditigt hat. Der Leserkreis dieses Buches wird der Materie entsprechend ein sehr kleiner sein.

DDr. Robert D i 11 r i c h

Also geht es auf der Welt. Sprichwörter. 39 farbige Zeichnungen. Von Robert H ö g-feldt. — Der Skiteufel. Von Hubert Mum e 11 e r. Beide Paul-Neff-Verlag. S. 40.— und S 25.—.

Wenn man den schwedischen Malerhumoristen mit Busch vergleichen darf, dann mit der Unterscheidung, daß Högfeldts sanfteres Weltbild das letztlich Versöhnliche aller Humors direkter, schneller,, freilich auch bisweilen bequemer ansteuert als auf den ab-grundn?!i~n Umwegen des oft bitter pessimistischen Busch. Auch die neuen Sprichwörterillustrationen haben dieses weise, abgeklärte Lächeln, das nur in wenigen Augenblicken (der Papst könnte ruhig aus dem Spiele bleiben) anzüglich wirkt.

Schärfer in Bild und Vers schlägt Mumel-ters „Skiteufel“ die Krallen ins Fleisch, in menschliche Schwächen und Schrullen. Er sucht die Leidenschaft weniger in ihrer Art als ihren Ab- und Unarten auf. Das gibt dann bei aller grundsätzlichen Liebe zum weißen Sport doch auch Hiebe nach allen Seiten, ätzende Verse, denen Stift und Pinsel mit einer Art genießerischer Bosheit assistieren. Högfeldts Rosabrille ist die Ironie, Mumelters Gläser sind satirisch beschlagen. — Trotzdem zwei eigenwillige Bücher für anspruchsvolle, bedächtige Leser und Genießer.

Dr. Roman H e r 1 e

Katholikus Szemle (Katholische Rundschau). Vierteljahrsschrift. Herausgegeben von der Katholischen Aktion der Auslandsungarn in Rom. Jahrgänge 1951 und 1952.

Die gefällige äußere Form sowie die technisch einwandfreie Ausstattung erweisen sich ebenbürtig dem Inhalt der vor uns liegen-den Hefte Ungarische Ordenspriester, angesehene Wissenschafter, daiunter auch Vertreter der jüngeren Jahrgänge, redigieren eine Zeitschrift, die wohl nicht bloß in der Emigrantenpre66e ihresgleichen sucht. Theologische und philosophische Abhandlungen wechseln mit Themen aus dem reichen Schatz der beinahe schon tausendjährigen ungarischen Kirchengeschichte. Eine historische Studie hehandelt die Feier der Assumptio im Ungarn des 11. Jahrhunderts. Allein schon die Budirezensionen zeugen von der Wohlinformiertheit und Weltaufgeschlossenheit der Redaktion und des Mitarbeiterstabes. Selbstverständlich fehlen die Arbeiten über einzelne Probleme der ungarischen Ge6chidite und Literaturgeschichte ebensowenig wie die Berichte, in denen vom Schicksal der Ungarn sowohl in der Heimat wie in der Fremde gesprochen wird. Ein Beitrag befaßt sich eingehend mit den verwandten Zügen in der Kultur der Völker des Karpatenbeckens. Er hebt hervor, daß das Aufeinander-Angewiesen-sein dieser Völker nach wie vor eine Tatsache ist,. deren Konsequenzen hauptsächlich von 1930 an zuerst ungarische Geschichts-wi&senschafter wahrgenommen haben. Die 6ich so anbahnende Verständigung wurde jedoch durch die Ereignisse seit 1939 und 1945 abgebrochen. Imre R e m e t e

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