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Wissenschaft in der Neuen Welt

Die Leichtfertigkeit vieler europäischer Urteile über Amerika ist hauptsächlich darin begründet, daß die Gesamtheit der Ausdrucksformen amerikanischen Lebens vorschnell auf eine Wurzel zurückgeführt und eine Verallgemeinerung vorgenommen wird, die besonders bei Amerika vollkommen fehl am Platze ist. Wie sehr auch amerikanisches Denken und Tun von europäischer Theorie und Praxis beeinflußt wurde und wird, so darf doch die große Unterschiedlichkeit, die die „Neue Welt“ heute tatsächlich als andere Welt erscheinen läßt, nicht übersehen werden. Die extremen Positionen, die oftmalige Überschätzung oder die völlige Ablehnung und das:Nicht-z'tir-Kenntnis-Nehrnen amerika-niseh»r''ErrUftgeasAaftenj erklären sich aui unkritischer Wertung, die einen Faktor oder eine Tradition der amerikanischen Gesamtkultur als bestimmend voraussetzt.

Das Verständnis Amerikas durch die amerikanische Wissensdiaft der Gegenwart, wie sie im Sommerseminar 1947 der Harvard-Universität durch führende amerika-nisdie Professoren und neueste Bücher vorgestallt wurde, fällt dem Europäer nicht leicht. Denn nur von ihrer Methodologie, der Art ihres wisscnsdiaftlichen Vorgehens aus, die sich von der kontinentalen euro-päischen noch sdiärfer als von der englischen untersdieidet, da sie mit der letzteren viele Grundzüge der pädagogischen Methodik gemeinsam hat, ist der Zugang zur amerikanisdien Wissenschaft möglich. Doch selbst dann bieten sich noch viele Schwierigkeiten. Wenn man von den Natur-wissensdnaften, die noch weitestgehend in der monistisdien Tradition des 19. Jahrhunderts befangen sind, absieht und von der Menschenlrhre, der “theoretischen Anthropologie, und ihren Erfahrungswissenschaften ausgeht, wird dies besonders deutlich.

Die Völkerkunde zum Beispiel, die vielfach der historischen Schule von Wilhelm Schmidt entgegengesetzt ist, arbeitet Hand in Hand mit der amerikanischen Gruppen- und Massenpsychologie. Die letztere ist vorwiegend behavioristisch eingestellt, betrachtet also nur die äußeren mensdilidien Verhaltungsweisen und fragt nicht nach den Gründen. Ihre theoretisch-anthropologisdie Konzeption ist naturalistisch — der Mensch wird als „Tier mit Kultur“ vorausgesetzt —, was auf falscher Vereinfachung des Vergleichs mit Gruppen der primitiven Eingeborenenkulturen Ozeaniens und der Südsee beruht.

So ergibt sich auch im Zusammenhang damit eine „Sociology“ und angewandte Sozialwissenschaft, deren statistische und testgebundene Methode ihre letztliche Unzuständigkeit aufzeigt. Man darf aber bei dieser Feststellung nicht die Schwierigkeit übersehen, die bei der amerikanischen Wissenschaft vom Mensdien überhaupt gegeben ist. Der pragmatisdien angelsächsi-schen Methode tritt eine Fülle von Rassen und Nationalitäten gegenüber; die abendländische Grundlage des Denkens, das von sich aus in die asiatische Welt zum Beispiel vorstößt, wird durch eine von vornherein entweder auf Amerika oder auf die ganze Welt bezogene ersetzt.

Die Psychotherapie in Amerika arbeitet fast aussdiließHch psychoanalytisch. Der „Freudianism“ hat nicht nur auf die Psychologie, sondern auch auf das Schrifttum, die Literatur- und Kunstwissenschaften nachhaltigen Einfluß genommen.

Wenn auch außer den aus der Methodologie entspringenden Monismen, den unkritischen Verallgemeinerungen in der philosophischen Mensdienlehre die prag-matisdie Auffassung John Deweys, der zum Beispiel das Problem der menschlichen Willensfreiheit vom Verhältnis des Arbeiters zur Gewerkschaft aus und nicht mit „abstrakter Theorie“ lösen will, weit verbreitet ist, gewinnt doch der „Neothomism“ in der neuscholastischen Tradition nach Francisco Suarez an Einfluß.

Wohl betont das von der Harvard-Universität ausgehende kasuistische System der Rechtswissenschaft besonders die Analyse und ist philosophiefeindlich und fak-tisch-positivistisch eingestellt. Die für Amerika aber so bedeutsame Wissenschaft vom „Government“ — Verfassungs- und Staatsrecht in historischer und philosophi-sdier Sdiau — wird durch die Beschäftigung mit der Verfassung, der Unabhängigkeitserklärung und der gesamten traditionsreichen amerikanischen Staatsauffassung als Rechtsverfassung über deren geniale Begründer James Madison, Thomas Jefferson und andere zu John Locke, Hugo Grotius und schließlich zu Francisco de Vitoria zurückgeführt. Damit entdeckt sie auch den Naturrechtsbegriff der Philosophia Perennis, der die Grundlage der amerikanischen Verfassung war und ist.

In diesem Zusammenhang ist eine Entwicklung der nationalökonomisch-soziologischen Theorie erwähnenswert: Walter Lippmann, der allgemein als der bedeutendste Kommentator politisdier und wirtschaftlicher Fragen gilt, hat auf seinem Entwicklungsgang vom radikalen Progressivismus über Liberalismus zum gemäßigten Konservativismus (die amerikanische Links-Rechts-Linie) in seinem umfassenden Buch „The Good Society“, „Gesellschaft freier Menschen“, aus der Analyse gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Doktrinen das „Leitgesetz“ für die „gute Gesellschaftsordnung“ wiederentdeckt: das christliche Naturrecht. Lippmann hat damit die Ethik aus Nationalökonomie und Gesellschaftslehre induktiv erarbeitet.

Die Wirtschaftswissenschaft überhaupt, die in den nationalökonomischen Einzelfragen, wie in denen der Vollbeschäftigung und des „Business Cycle“ zum Beispiel, besonders weit vorgetrieben ist, ist in manchem, vor allem durch das statistische Material, der europäischen überlegen. J. M. Keynes Theorie einer Art Staatsinterventionismus, die an Genauigkeit und Weite der praktischen Forschung als Unterbau die Vorschläge Wilhelm Röpkes übertÄfft, wurde auch in Europa, und zwar in Schweden, dadurch mit großem Erfolg angewandt, daß der Staat von Unternehmern Geld borgte, die billige Herstellung von gewissen Gütern wirtschaftlich schwachen Unternehmen übertrug und sie unterstützte, dadurch Monopole brach, Konsum und Produktion steigerte und dem Ideal der Vollbeschäftigung näher kam.

Die geisteswissenschaftliche Soziologie, die Ferdinand Tönnies, Werner Sombart und vor allem Max Weber verpflichtet ist, unternimmt nun den Versuch, die psychologisch-praktische Methode der typisch amerikanischen „Sociology“ einzubauen, ein Unternehmen, das um die Auswertung der Erkenntnisse bemüht ist und Massenerziehung durch „Mass Media“, wie Rundfunk und Presse, für höhere sittliche und kulturelle Werte beabsichtigt.

So sind auf dem Gebiet der Erziehungswissenschaft und des Schulwesens dauernd Versuche im Gange, die die verbreiteten pragmatischen Methoden John Deweys und die Erziehung als bloße „Schwimmschule für die See des Lebens“ ablehnen. Di das amerikanische Schulsystem überaus vielfältig ist und örtlich, selbst innerhalb der einzelnen Staaten, sehr verschieden, ist dafür reiche Möglichkeit gegeben. Einige Colleges, vorwiegend christliche, dringen auf eingehendstes Quellenstudium, madien eine Auswahl von hundert klassisdien Büchern zur Grundläge des Studiums und kehren damit zur europäischen Wissenschaftstradition zurück, die in ihrem wirklichen Fortschritt Amerika erst die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst zu verstehen.

Denn eigentlich erst seit bei Max Weber von „der protestantischen Ethik und dem Geist des Kapitalismus“ die Rede ist und der Zusammenhang zwischen der „innerweltlichen Askese“, „Zeitvergeudung ist also die erste und prinzipiell schwerste aller Sünden“, und der „Kapitalbildung durch ethischen Sparzwang“ klar wurde, ist der Weg zum Verständnis Amerikas erschlossen.

So ergibt sich auch für die Betrachtung der geistigen und religiösen Situation Amerikas die Möglichkeit, kurzschlüssige Auffassungen zu revidieren. Es wäre verfehlt, die Einstellung des aktivistisdien Pioniers, der die Grenzen Amerikas nach dem Westen vorbewegte, oder die Geldgier des praktischen Materialisten hauptsächlich für die Tatsache verantwortlich zu machen, daß der Wertmaßstab des Geldes in Amerika selbst für geistige Dinge so entscheidend geworden ist. Es ist vielmehr der Mangel einer objektiven Wertordnung, die Infragestellung der Autorität überhaupt, die 1 das Galilei-Programm „Messen, Wägen, Zählen“ praktisch notwendig macht, damit Wertung überhaupt möglich sei. Da infolgedessen das Schema der kleinen Bedürfnisse, Nahrung, Kleidung, Wohnung, besonders befriedigt wird, werden für die höheren menschlichen Bedürfnisse, wie vor allem für das Heilsbedürfnis, Ersatzreligionen gesucht, gefunden und angenommen.

Der „Constitutionalism“ mit seiner durchaus wertvollen Tradition der Beständigkeit des rechtlichen Denkens ist eng mit dem deistischen Weltbild der Aufklärungszeit verbunden. An ihn schloß sich die praktische humanitäre Einstellung und Tätigkeit, die oftmals von Politikern, wie zum Beispiel von dem Präsidenten Andrew Jackson, getragen wurde und sich mit der „Staatsreligion des Konstitutionalismus“ verband.

Der idealistische Einfluß George Berkeleys über Samuel Johnson, der sich später mit romantizistischen Ideen vermengte, hat sich als extremer Gegensatz zum Materialismus in schmaler Bahn erhalten. Viel weitere Kreise zog der „Transcendentalism“ Ralph Waldo Emersons, der von Friedrich Schelling, Goethe und Thomas Carlyle beeinflußt wurde, und die naturselige panthe-istiSche Auffassung -Henry David Thoreaus, der durch seine Zivilisationsflucht und den radikalen Anarchismus zu dem Begründer des amerikanischen Individualismus wurde. So fand der Darwinismus offene Tore, überwand den „Fundamentalism“, die protestantische wörtliche Interpretation des Alten Testaments und versuchte für das Recht des Stärkeren im wirtschaftlichen Bereich — die industrielle Revolution hatte eben begonnen — Rechtfertigung «u erbringen. Mit dem Zusammenbruch der geistig-sittlichen und religiösen Wertordnung, mit dem Fortbestand der einstmals vom Naturrecht aus geschaffenen Demokratie sowie dem Glauben an sie, verbreitete sich die Auffassung des Relativismus sosehr, daß sie heute als eine der typischen bezeichnet werden kann. Sie kommt vielleicht in einer Abwandlung des Ernst-Jünger-Aphorismus „In der Demokratie darf jeder eine Frage stellen“ am besten so zum Ausdruck: „In der Demokratie sind alle Werte in Frage gestellt. Die Summe der unterschiedlichen Meinungen stellt die Wahrheit dar.“

Freilich ist mit diesen Bemerkungen noch wenig gesagt. Die puritanische Tradition, der amerikanische Optimismus, sein naheliegender dialektischer Umschlag in den Pessimismus und Skeptizismus der Jahre seit dem ersten Weltkrieg, der große, schon erwähnte Einfluß Freuds, der oft überbetonte Patriotismus aus der Bemühung um die Verschmelzung einander wesensfremder Menschengruppen, der Isolationismus seit James Monroe auf der einen und die Sehnsucht nach Europa auf der anderen Seite, seien nur angedeutet.

Henry Adams, der Sohn einer Familie, die in den entscheidendsten Perioden der amerikanischen Geschichte eine führende Rolle gespielt hatte, schrieb in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts das Buch „Mont Saint-Michel and Chartres“, mit dem er das zwölfte Jahrhundert für Amerika entdeckte. Sein Gedicht „Gebet an die Jungfrau von Chartres“, in dem das Gebet der Zeit an den „Dynamo“, der Jungfrau mit der Bitte um Vergebung vorgetragen wird, enthält die seltsam anmutenden prophetischer- Zeilen:

„Nimm vom Atom nun Besitz und zerbridi es! Reiß den geheimen Ursprung heraus!“

Dies ist geschehen, unweit von dort, wo Henry Adams lebte. Eine Verantwortung wurde durch die großen Leistungen der Naturwissenschaften dem amerikanischen Volk und seiner Regierung auferlegt, wie kaum jemals zuvor einem Volk in der Geschichte. Hat das Erlebnis des Krieges Amerikas Menschen gereift? Werden sie die Verantwortung zu tragen wissen?

Es gibt viele Stimmen, die von der Rückkehr einer Reihe der bedeutendsten Männer des öffentlichen Lebens, wie Walter Lippmann zum Beispiel und der jungen Dichter

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