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Wort und Sein

Vor mir liegt die Zeitschrift „Der Brenner“, Herausgeber Ludwig Ficker, sechzehnte Folge, Brennerverlag Innsbruck. Nach zwölf Jahren Schweigen erscheint diese repräsentative österreichische Zeitschrift wieder und zeigt die hohe geistige Prägung, die ihr aus der Beziehung zu dem großen sprachschöpferischen Denker Theodor Haecker einst erwuchs. Und doch wird keiner, der diese Blätter aufmerksam durchgeht, sich des Eindrucks erwehren Rönnen, daß hier eine — um es gleich vorwegzunehmen — esoterische Geist i g k e i t gestaltet wird, die zu dem an Thomas und die große Scholastik anknüpfenden philosophischen Realismus eines Theodor Haecker in Widerspruch steht. Ohne Zweifel führt die Problematik dieser Geistesprägung an die letzten Fragen der Gegenwart heran, an die Frage des Weges zur Erkenntnis des Seins, des menschlichen und welthaften Daseins.

Dem mit der philosophischen Lage der Gegenwart Vertrauten ist es kein Geheimnis: wir stehen heute in einer neuen onto-togischen Phase des Denkens, wir suchen in den Wirrnissen der Zeit das wahre Wesen und Gesicht des Seins. Wir sind heute nicht mehr der Meinung. ei genüge dem Erkennen die Aufgabe, die erfahrungsmäßig gegebenen Erscheinungen in ihrem gesetzmäßigen Zusammenhang zu beschreiben. Es hat sich herausgestellt, daß auf dem Boden dieser Aufgabe zwa: die Erkenntnis, aber auf dem Boden d'eser Erkenntnis nicht dir Existenz des Menschen gesichert werden kann. Es war natürlich sehr einfach, die gegenständlichen Phänomene der Religion und Metaphysik in sinnlose Fragen und Scheinprob'eme aufzulösen und sie verächtlich dem privaten Gefühlserlebnis des einzelnen und der lyrischen Produktion zu überantworten Es zeigte sich aber, daß sich nicht eine harmlose Lyrik, sondern eine politsche Mythologie und „W eltanschau-u n g“ e b e m jenes von der positiven Wissenschaft vet lassenen Gebietes des Metaphysischen bemächtigte, um von hier aus d i n Sinn der Menschen gründlich zu verwirren und da. Sein des Menschen gründlich in Frage zu stellen. Damit wurde erlebnishaft deutlich, daß die Wirklichkeit des Lebens ein über die positive Erfahrungserkenntnis hinausragendes Ganzes darstellt, das nur als Ganzes für die Erkenntnis zur Aufgabe gestellt werden kann, mit einem Wort, daß unser Erkenntnisbegriff dem unleugbar metaphysischen Gehalt der Wirklichkeit angepaßt sein müsse. Es ist gleichsam als Reaktion wohl verständlich, daß in dieser Lage die Behauptung auftaucht, der Erkenntnisbegriff der positiven Wissenschaft und die philosophische Systematik sei völlig ungeeignet, den tiefen ganzheitlichen Wahrheitsgehalt der Wirklichkeit überhaupt zu erfassen. Es entwickelt sich auf dieser Grundlage ein radikales Mißtrauen gegen „Vernunft und Wissenschaft“, gegen „den Geist als Widersacher der Seele“, gegen die Logik des Denkens und eine Hingebung an das Irrationale, an das Erlebnis, an die Logik des Gefühls, an die Unmittelbarkeit der Existenz. In diese irrationale Kerbe schlägt nun der „Brenner“ ein und gestaltet eine neue Variation zum Thema.

Den neuen Erkenntnisweg zum Seinsgehalt der Wirklichkeit bildet hier: d i e Sprache, das Wort, der Logos. Wir lesen: „Sie, die Sprache, ist ein Abdruck und Ausdruck des vielgegliederten Baues des Seins, daher kann durch jene als Medien dieser erkannt werden, aber nicht nach Art der Philosophen, durch zergliedernde Abstraktion, sondern konkret anschaulich“ (119). Es ist eben diese zergliedernde Abstraktion der Philosophen, die an anderer Stelle ein vernichtendes Verdikt erfährt:„Die Abstraktion ist als ein Bruch der religio von Gott uijd Mensch und als ein Abfall von Gott zu betrachten“ (46).

Ich kann nicht sehen, wie nach diesem Urteil die Philosophen noch länger am Leben bleiben könnten (übrigens auch die Theologen, sofern sie sich des logischen Denkverfahrens bedienen sollten). Es mag sich hier um eine überspitzte Formulierung handeln. Jedoch kommt die ausgesprochene Antithese gegen die logisch rationale Denkweise der Behauptung zum Ausdruck, „Gott beweisen zu wollen“, komme aus „Anmaßung, Hochmut oder Irrtum des Menschen“ (23) Es erhebt sich die Frage, welche von diesen drei Eigenschaften dem heiligen Thomas Won Aquin seiner berühmten Gottrsbeweise wegen zugeschrieben werden müssen. Um keine Unklarheit über die hier vertretene Position aufkommen zu lassen, wird zusammenfassend der Ausdruck vom „negativen und nichtigen Wesen der Logik“ (461 formuliert. Es wird ausdrücklich „Logos gegen Logik“ ausgespielt. Dies ist ohne Zweifel eine klare Antithese, die zur Stellungnahme herausfordert

Als „Wort“ definieren wir das Laut- und Strichgebilde, das in Beziehung zu einem Ding gesetzt, dieses bezeichnen soll, also ein Etwas, mit dem etwas anderes gemeint wird. Demnach erhält das Wort seinen Sinn durch die Beziehung zum Sein. Von vornherein ist ihm diese Beziehung nicht gegeben. So haben oft gleiche Worte verschiedenen Sinn und verschiedene Worte den gleichen. Wenn wir nun sagen, daß der Sinn der Worte sich erst aus ihrem Zusammenhang ergebe (was völlig richtig ist), so fragt sich, woher den Worten dieser Zusammenhang gegeben wird, der ihren Sinn bildet und dann ihre Beziehung zum Sein herstellt. Es handelt sich um das Prinzip der sinnhaften und seinsbezogenen Einheit der lautlich figurigen Wort- und Schriftzcichcn- Die eine Antwort lautet: das Prinzip dieses Zusammenhangs liegt transzendent über das Gebiet des rein Sprachlichen hinaus, es ist das Gese'z des Denkens, das die Logik aufdeckt. Die andere Antwort sieht das Prinzip der Seins-bezogenheit in der Sprache selbst immanent gelegen, im Eigengesetz der Sprache als „Logos“. Und eben diese Auffassung wird, wie schon angeführt, im „Brenner“ vertreten. Wenn man dieses Eigengesetz der Sprache bedenkt, ob es das motorische Gesetz der Lautbildung mit Lippen, Zunge und Zähnen sei oder das motorische Gesetz des manuellen Schreibens oder das psychologische Gesetz der hörbaren und sichtbaren Erscheinungen eben dieser Bewegungen, so kann die Antwort dirauf nur lauten, daß der Sinn des Wortes aus all dem nicht ableitbar ist. Auch aus dem grammatischen Gesetz und Gefüge der Sprache wird der Sinn noch nicht gesetzt, denn es ist sehr wohl möglich, grammatisch korrekt zu sprechen und dabei dennoch Unsinn zu reden. Aus der psycho-physischen und grammatischen Struktur der Sprache ist der Sinn nicht zu begründen, vielleicht aber aus der poetischen Struktur, aus dem schöpferisch-gestaltenden Gefüge der Sprache als Kunstwerk. Die Sprache ist ja das Medium, in dem der dichterische Genius seine eigengesetzliche Welt gestaltet, und zwar unmittelbar, das heißt ohne die Denkbeziehung. „Im Werk des Dichters lebt die Welt, funkelnd wie am ersten Schöpfungstag“ (119). So kann doch eine Beziehung zum Sein ohne das Denken hergestellt werden und die Welt unmittelbar in der Sprache erstehen. Es ist aber die Welt der Schönheit — im subjektiven Erlebnisaspekt —, die hier ersteht, und nicht die Welt der Wahrheit, in ihrem objektiven Seinsaspekt. Es handelt sich um zwei eigentümliche Beziehungen im Sein, die streng voneinander unterschieden werden müssen: die Beziehung aus dem sprachschöpferischen Erlebnis und die Beziehung aus dem log.schen Denken. Keine dieser Beziehungen kann für sich die Einzigkeit auf Kosten der anderen beanspruchen. Darüber sagt Theodor Haecker: „So berührt auch die Kunst.. ■ in der Offenbarung der Schönheit auch das .Wahre' und .Gute' des Seins. Indes niemals primär und unmittelbar, denn zur Bestimmung des Wahren gehört die Metaphysik, zur Bestimmung des Guten die Ethik und das praktische Tun.“ (Schönheit, Ein Versuch, S. 118.)

Es zerstört daher die Ordnung des S-ins, die Schönheit als höhere Form der Wahrheit anzusehen und die Welt der in der Sprache gestalteten dichterischen Erfahrung oder die Welt der Sprache und des Gesprächs überhaupt als eine Welt von höherem metaphysischen Rang zu betrachten, wie dies durchgehend im „Brenner“ geschieht, und etwa zu erklären, daß hier die ursprüngliche Gotteswelt des Paradieses und der eschatologischen Verklärung zur Erscheinung kommt Das ist Logosmystik. Die Sprache wird damit zum Mittel der Esoterik, man erhebt sich im selbstbewußten Besitz einer höheren Wirklichkeit über das anders geartete Denken der Umwelt. Es ergibt sich in dieser Hinsicht eine außerordentlich bedeutsame Beziehung zur Logistik, die hier leider nur flüchtig gestreift werden kann. Die angestrebte unmittelbare „Seinssprache“ der Logosmystik entspricht im Gegensatzverhältnis ganz genau der reinen „Sinnsprache“ der Logistik. Im ersten Fall? will die Sprachkunst das Sein unmittelbar ausdrücken, also ohne Denkbeziehung (logikfreie Metaphysik); im zweiten Falle will eine besondere Kunstsprache unmittelbar nur den Sinn, die reinen formalen Denkbeziehungen darstellen, ohne die Beziehung zum Sein darin zuzulassen (metaphysikfreie Logik) Die Auflösung dieses dialektischen Gegensatzes liegt in der die beiden Gegensatzglieder verbindenden Einheit und Synthese: Wahrheit ist als Gesetz des Denkens u.id nicht als Gesetz der Sprache, die Beziehung zum Sein.

Die Seinsbeziehung und -begründung durch die Sprache stürzt mit folg-ndem unleugbarem Faktum zusammen. Die Sprache erweist sich geradezu als das dienstbare Instrumentarium für Lüge, Trug und Täuschung. Sie ist die Möglichkeit der Lüge überhaupt. Denn die Sprache ist das geeignetste Medium, in dem das Nichtsein, als Sein erscheinen und wirken kann: der Sitz des Scheins und der Täuschung. Sie übt, wie Th. Haecker sagt, „das Amt der Verlockung und Verführung“. Das liegt aber gerade im Poetischen, Gestalterischen der Sprache begründet, darin liegt die dämonische Magie deren die Sprache fähig ist. *Das Wort ist also von vornherein, von sich aus, keineswegs zum Sein determiniert, es ist vielmehr in dieser Beziehung schwankend und zweideutig, sowohl logisch als auch moralisch gesehen, und hat die Figur dei gespaltenen Zunge der Schlange. Ein Wort, die Lüge der Schlange, hat denn auch genügt, die Menschheit ins Verderben zu stürzen Kein Wort, auch nicht das ewige Wort, der Logos, sollte als Wort genügen, die zerstörte Menschenwelt wiederherzustellen. Das ewige Wort mußte aus seiner Logoshöhe „niederkommen“, mußte Fleisch werden und sich in konkret sinnlicher Gestalt eines bestimmten Menschen und eines bestimmten historischen Menschenlebens verwirklichen. Diese reale Christusexistenz, die Grundlage des christlichen Realismus, widerspricht der Logosmystik, die auf romantisches Denken, auf die Logosphilosophie des deutschen Idealismus und letzthin auf den Erangelis-mus der Reformation zurückgeht, der aus dem heiligen Worte der Schrft die religiöse Existenz des Menschen gläubig erwirkt sein läßt. Damit setzt die Entwicklung zum Wortmagismus c i n, die ihren philosophischen Höhepunkt bei Nietzsche erreicht, dessen leidensdiaft-liches Wortwirken den Nihilismus ausstrahlte, den wir als letzten Ausläufer dieser Entwicklung in der dämonischen Wortmagie des nationalsozialistischen Wortwirkens in Rede und Pro paganda erlebt haben. Denn diese-Erlebnis ist die verheerende Wirklirhkei und Wirkung der Worte ohne Sinn, hinter denen daher auch kein wahres Sin war. buchstäblich „nichts dahinter“ wir. jenes Nichts, das sich dann als gähnender Abgrund öffnete, als die lagernden Nebelschwaden ,der Worte und Reden vom Sturmwinde Gottes verjagt w irden waren. Der Irrationalismus der sinnlosen Worte hat ein gedankenloses, wortgläubig gemachtes Volk in den Abgrund gestürzt Es ist Zeit, „zur Vernunft“ zu kommen, zum Denken. Nicht zur Descartes-Wolff-Kant-Hegel-schen Vernunft, die gar nicht so „rein“ ist, wie sie zu sein vorgibt, denn es sitzt ihr der „Wille zur Macht“ im Genick: sie will ja die Natur und den Menschen durch Wissenschaft, Technik und Staat „beherrschen“. Der Irrationalismus kann ja nur ein Zynismus sein: die Existenz des Menschen durch Entzug seiner Vernunft sidiern zu wollen. Wir haben eine Aufgabe a n der Vernunft zu erfüllen und nicht die Vernunft aufzugeben. Wir haben aufzuzeigen, was ratio, Vernunft, wirklich ist, ihr wahres, volles Mißbild und ihre ganze Seinsmacht muß uns erst wieder zu Bewußtsein kommen. Denn was wir kennen, ist die moderne irrationale Verkümmerung und Deformation der Vernunft. F. S. C.Northrop, einer der bedeutendsten amerikanischen Denker der Gegenwart, weist in seinem Wuk „The Currelmon of Reality“, das höchstes Aufsehen erregte, darauf hin, daß als die letzte Univer-salsynthese des abendländischen Geistes das philosophische Gebäude der Summen des heiligen Thomas von Aquin anzusprechen sind, und daß wir, was die Denkgestaltung betrifft, an diese Philosophie heute anzuknüpfen haben. Bei Thomas enthüllt sich in der Tat zum letzten Male in der abendländischen Geistesgeschichte das wahre, integrale Welt-format der Vernunft: Maß und Macht der 'christlichen Vernunft, von der Thomas aussagt, daß sie nicht Magd, sondern „Freundin des Glaubens“ sei.

Sollt die Synthesiskraft der Vernunft, die ein ganzes Zeitalter geeint und geordnet hat, nicht auch die Einh-it uns-r:r Welt, die unser größtes Anliegen ist, verwirklichen können? Wir sollten diese christliche Vernunft „zu Worte“ kommen lassen, vorab wir Christen.

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