Platz für Chinas neue Projekte

Das Architekturzentrum Wien vermittelt vielfältige Bilder der heutigen Architektur.

Schneller, höher, stärker: China ist in aller Munde und in fast allen Medien. In rekordverdächtigem Tempo schwemmt hier der Turbokapitalismus spektakuläre Immobilien auf einen boomenden Markt. Kaum ein Stararchitekt, der sich nicht mit einem Projekt auf chinesischem Boden schmücken könnte, kaum ein Wolkenkratzer, der nicht an den Höhenschichtlinien der globalen Superlative kratzt. Stillschweigend verschwinden alte Stadtteile vom Erdboden, um neuen Projekten Platz zu machen. "Der Beschleunigungsprozess der Urbanisierung ist enorm und wirkt sich stark auf die internationale Debatte aus", sagt Dietmar Steiner, der Direktor des Architekturzentrum Wien. "China hat eine gewaltige Architekturproduktion. Die Bauten internationaler Architekten entstehen dort schneller, als es beobachtet werden kann."

Wie also lässt sich ein derart ausuferndes Phänomen in eine einzige Ausstellung fassen? Den Anspruch auf die vollständige Darstellung eines brandaktuellen Status quo brauchte man an die "Chinaproduction" erst gar nicht stellen, interessierte mediale Beobachter derselben aber gab und gibt es genug. "Abbilder der Realität sind auch ein Mittel, Realität herzustellen", sagt Kurator Johannes Porsch. Er entschied sich, anhand einer Fülle ausgewählter Bilder, Reportagen und Berichte aus dem Mainstream der internationalen Architekturpresse den Ort zu rekonstruieren, den China im Diskurs besetzt. Der wirft viele Fragen auf, macht in seiner Widersprüchlichkeit und Vielfalt aber auch gewisse Tendenzen deutlich.

"China ist ein Ort, den westliche Architekten entweder besuchen, um dort Aufträge an Land zu ziehen oder um einer Art Katastrophentourismus zu frönen - ein Ort, an den man sich begibt, um in den Abgrund eines monströsen, unkontrollierten Wachstums zu blicken", steht hier beispielsweise zu lesen. Seit jeder ist das Reich der Mitte ein nahrhafter Boden für Klischees, die sich mehr oder weniger gebrochen auch in den Publikationen wiederfinden. Der Kaiserpalast, Mao Tse Tung, Arbeiterheere, Menschenmassen, Turbokapitalismus, Bodenspekulation, Marktmechanismen. Der ideologische Überbau mag sich ändern, das kollektive Streben zum Superlativ bleibt. China ist zu groß, um es in Worte zu fassen, und für viele zu weit, um sich ein Bild davon zu machen. Das ist auch nicht nötig, denn die mediale Image-Produktion läuft ebenso hochtourig wie die des Gebauten.

Mediale Klischees

Zu unterschiedlichen Themenblöcken gruppiert, hängen diese reproduzierten Abbilder einer chinesischen Wirklichkeit nun auf Schautafeln im Raum, treten miteinander in einen Dialog und bilden so die Ausstellungs-Realität der "Chinaproduktion". Sie widersetzt sich dem Plakativen, erschließt sich nicht auf den ersten Blick und nimmt so ihrem Wesen nach eine reflexive Gegenposition zu ihrer Thematik ein. Sie spiegelt sich in der Massenproduktion der Medien wider, die hier Inhalte transportieren. Wer Zeit und Aufmerksamkeit investiert, wird zwischen den Bildern und Textzeilen über alle ideologischen Wandel hinweg rote Fäden freilegen, Zusammenhänge erkennen und einiges erfahren. So zum Beispiel, dass Animationen und Modelle die primären Exportartikel chinesischer Architektur seien und ihre Produktion unter sweat-shop-ähnlichen Bedingungen statt fände. Auch das Prinzip der Übernahme westlicher Trends ist alles andere als neu: es zeigt sich bereits in der Rezeption der Moderne.

Die Frage nach der Möglichkeit einer unabhängigen Architekturpraxis wird hier ebenso gestellt wie das Thema des Bodenrechts erörtert. Vom Umgang mit dem historischen baulichen Erbe über identitätsstiftende Bauten der kommunistischen Ära, die Marke Architektur bis hin zur Projektierung futuristischer Stadtvisionen bleibt hier kaum ein Aspekt unbehandelt. Fotos von Miao Xiaochun, Hu Yang und Xing Danwen bereichern die Schau um eine dokumentarisch-künstlerische Komponente. Auf ihnen wird sichtbar, wie Menschen in China leben. Gewinner und Verlierer des Systems.

Chinaproduction

Architekturzentrum Wien

Museumsplatz 1, 1070 Wien

www.azw.at

Bis 21. 1. 2008 täglich 10-19 Uhr

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