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Feuilleton

POESIE, AUCH POLITISCH

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Gedichte, die sie einst still memorierte, halfen ihr, im KZ zu überleben. Lyrik lebt, zeigt sich die 1931 in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger allen Unkenrufen zum Trotz überzeugt. Lyrik sei weder Massen-noch Wegwerfware, sondern eine "Dauerware".

Welche Gedichte sie jeweils interpretiere, suche sie nicht aus, erzählt Ruth Klüger im Vorwort ihres schmalen Bandes "Gegenwind"(Zsolnay 2018), sie laufen ihr zu "wie streunende Katzen, aus einer ganzen Menagerie von Versen, die mir im Kopf spuken oder mich aus Büchern, Liedern oder dem mündlichen Gemeingut anspringen". Die gewählten Gedichte balancieren auffällig wie Seiltänzer zwischen Außenund Innenwelt, Zusammenhänge zwischen Politik und Poesie werden sichtbar. Sogar in einem Sonett von Rainer Maria Rilke, in dem der Dichter "davor warnt, die Abschaffung von Folter und Todesstrafe als humane Errungenschaft zu überschätzen, und stattdessen 'gesteigerte Herzen' fordert".

Und immer wieder: das Exil

Ruth Klüger beginnt ihre Sammlung -die Gedichtinterpretationen sind allesamt in der Frankfurter Anthologie der FAZ erschienen - mit dem Gedicht eines Exilanten, "der in der Fremdsprache Deutsch über sein Außenseitertum dichtete". Adelbert von Chamisso wird als erster Europäer bezeichnet, und "unser Gedicht bestätigt den Ehrentitel". Denn: "Der Vertriebene segnet die Erde, auf der das Elternhaus einmal stand, mit einem 'zwiefachen' Segen, der den einfachen Mann mit einschließt, der das Land nun pflügt und der eigentlich ein Widersacher sein könnte."

Ruth Klüger übersetzte auch von ihr interpretierte Gedichte, etwa von Jane Hirshfield, Adrienne Rich, Anne Sexton, Langston Hughes und Emma Lazarus, deren berühmte Verszeilen sich am Sockel der New Yorker Freiheitsstatue finden, von Lazarus "Mother of Exiles" genannt. Diese "Mutter der Migranten" ruft: "Behaltet den berühmten Tand / und euren Pomp an euren alten Küsten. / Schickt mir stattdessen eure Mittellosen, / die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, / vom Sturm Gebeutelten, die Abgestumpften, / die Müden, die trotzdem nach Freiheit dürsten. / Den Abschaum schickt vom übervollen Strand. / Am Goldnen Tor erheb ich meine Hand."

Gedichte wie jenes von Adrienne Rich ("Was sind das für Zeiten") zeigen, dass das Bemühen um Schönheit und das Engagement gegen Ungerechtigkeit einander nicht ausschließen müssen.

Gedichte, die sie einst still memorierte, halfen ihr, im KZ zu überleben. Lyrik lebt, zeigt sich die 1931 in Wien geborene Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger allen Unkenrufen zum Trotz überzeugt. Lyrik sei weder Massen-noch Wegwerfware, sondern eine "Dauerware".

Welche Gedichte sie jeweils interpretiere, suche sie nicht aus, erzählt Ruth Klüger im Vorwort ihres schmalen Bandes "Gegenwind"(Zsolnay 2018), sie laufen ihr zu "wie streunende Katzen, aus einer ganzen Menagerie von Versen, die mir im Kopf spuken oder mich aus Büchern, Liedern oder dem mündlichen Gemeingut anspringen". Die gewählten Gedichte balancieren auffällig wie Seiltänzer zwischen Außenund Innenwelt, Zusammenhänge zwischen Politik und Poesie werden sichtbar. Sogar in einem Sonett von Rainer Maria Rilke, in dem der Dichter "davor warnt, die Abschaffung von Folter und Todesstrafe als humane Errungenschaft zu überschätzen, und stattdessen 'gesteigerte Herzen' fordert".

Und immer wieder: das Exil

Ruth Klüger beginnt ihre Sammlung -die Gedichtinterpretationen sind allesamt in der Frankfurter Anthologie der FAZ erschienen - mit dem Gedicht eines Exilanten, "der in der Fremdsprache Deutsch über sein Außenseitertum dichtete". Adelbert von Chamisso wird als erster Europäer bezeichnet, und "unser Gedicht bestätigt den Ehrentitel". Denn: "Der Vertriebene segnet die Erde, auf der das Elternhaus einmal stand, mit einem 'zwiefachen' Segen, der den einfachen Mann mit einschließt, der das Land nun pflügt und der eigentlich ein Widersacher sein könnte."

Ruth Klüger übersetzte auch von ihr interpretierte Gedichte, etwa von Jane Hirshfield, Adrienne Rich, Anne Sexton, Langston Hughes und Emma Lazarus, deren berühmte Verszeilen sich am Sockel der New Yorker Freiheitsstatue finden, von Lazarus "Mother of Exiles" genannt. Diese "Mutter der Migranten" ruft: "Behaltet den berühmten Tand / und euren Pomp an euren alten Küsten. / Schickt mir stattdessen eure Mittellosen, / die Heimatlosen, hoffnungslos Zerlumpten, / vom Sturm Gebeutelten, die Abgestumpften, / die Müden, die trotzdem nach Freiheit dürsten. / Den Abschaum schickt vom übervollen Strand. / Am Goldnen Tor erheb ich meine Hand."

Gedichte wie jenes von Adrienne Rich ("Was sind das für Zeiten") zeigen, dass das Bemühen um Schönheit und das Engagement gegen Ungerechtigkeit einander nicht ausschließen müssen.