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Polit-Sprech

Wie funktioniert die politische Sprache in Österreich? Gedanken zu einem neuen Forschungsprojekt.

Ist Hump-Dump ein beliebter Auszählreim im Kindergartenmilieu oder die Ausrede eines Politikers, der sich in der Wortwahl vergriffen hat und seinen Ausrutscher, also Lump, nicht zugeben will? Ist Mitteleuropa nur ein geographischer Begriff oder vielmehr auch eine politische Vision, die auf das gemeinsame kulturgeschichtliche Erbe setzt? Werden Wahlzuckerln nur als Lutschbonbons verteilt oder sollen sie uns auch mental die Zukunft versüßen - rezeptfrei und ohne unerwünschte Nebenwirkungen? Gehören Kettenfahrzeuge bloß in ein Fachbuch für Mechaniker oder doch auch in ein Wörterbuch der politischen Sprache?

Ganz gewiss, wenn man öffentliche Sprache nicht auf den genormten Wortschatz der Ministerialbürokratie einengt, sondern sich an jene Verbalakrobatik erinnert, mit der einst Bruno Kreisky den Export von Kriegsgeräten zu verhüllen wusste. Ein Schelm, wer da an Panzer dachte, wo doch auch Fahrräder gemeint sein konnten!

Die Liste der Beispiele lässt sich mühelos fortsetzen: Die Freunderlwirtschaft ist nicht auf Stammtischgespräche beschränkt, der Trittbrettfahrer schädigt als Sozialparasit nicht nur den Umsatz der Österreichischen Bundesbahnen und einen Schwarzen bekommt man auch außerhalb des Kaffeehauses serviert.

Propaganda und Parolen

Öffentliches Sprechen, politischer Wortschatz, propagandistische Reden, wahlkämpferische Parolen: Wir meinen alle diese Varianten zu kennen, vernehmen sie tagtäglich aus den Medien und führen sie selber ständig im Munde. Fast zu selbstverständlich ist uns der Umgang mit diesem quasi griffbereiten, auf Abruf verfügbarem Vokabular geworden.

Linguisten und Politologen haben sich längst um verbindliche Unterscheidungsmerkmale des öffentlichen Redens bemüht. Der Germanist Josef Klein hält eine Vierteilung des politisch konnotierten Wortschatzes für angemessen. So stehe dem Institutionsvokabular mit seinen fachsprachlichen Zügen, die etwa in Ausdrücken wie Parlament oder Legislaturperiode hervortreten, ein verbaler Bezirk gegenüber, in dem ressortspezifische, aber emotional besetzte Wörter vorherrschen: solche mit objektiv gefestigter Bedeutung wie Sozialhilfe und Konjunktur neben plakativen, semantisch manipulierbaren Ausdrücken des Typus Giftmüll oder Fristenlösung. Ein Interaktionsvokabular als weitere Sorte speist seinen Bestand aus Elementen des menschlichen Zusammenlebens in seinen vielfältigen Schattierungen: So kann man Konflikt und Krise sowie drohen oder verhandeln auch in einem streng politischen Sinn gebrauchen und verstehen. Das Ideologievokabular endlich enthält seine Zuordnung zu bestimmten Lagern und Mentalitäten bereits im Namen. Begriffe wie Gottesfurcht, Klassenbewusstsein oder Nationalgefühl lassen sich zwar unverfänglich definieren: gleichwohl verweisen sie prototypisch auf drei parteipolitisch markierte Programme.

Wolfgang Bergsdorf gelangt mit anderen Parametern zu fünf Spielarten des politischen Redens. Die Sprache von Rechtssprechung und Gesetzgebung dient mit den Merkmalen einer schematisierenden und offenen Ausdrucksweise der Handlungsvorbereitung. Dagegen muss der Stil von Administration und Bürokratie, wie er sich etwa in Steuerbescheiden oder Stellungsbefehlen manifestiert, mit besonderer Präzision aufwarten, will er als Mittel der Handlungsanweisung erfolgreich sein. Wieder ein anderes Revier besetzt das Idiom diplomatischer Verhandlungen (auch in Form von Koalitionsgesprächen) oder offizieller Kommuniques: um wenigstens einen kleinen gemeinsamen Nenner herbeizureden, muss es einen flexiblen, ja vagen Charakter aufweisen. Eine weitere Lesart bringt die Sprache der politischen Bildung ins Spiel. Um zu stabilen Überzeugungen zu führen und ein staatsbürgerliches Bewusstsein abzusichern, bedarf es neben der objektiven Information auch emotionaler, wertbezogener Merkmale. Endlich ist öffentliches Reden auch die Sprache der politischen Propaganda, die Parteien und Interessengruppen in Wahlkampfparolen oder Manifesten, punktuell oder mit Langzeitwirkung, in ihr eigenes Profil investieren. Da diese Sprachform auf Stärkung vorhandenen Potenzials abzielt, um Sympathisanten wirbt und sich mit ideologischen Gegnern misst, bedient sie sich einer plakativen Ausdrucksweise, darf nicht zu verbindlich sein und soll emotionale Register vorteilhaft nützen.

Identifikation herstellen

Damit sind wir aber beim Thema der Verbalstrategien angelangt, die der Grazer Philosoph Kurt Salamun als Wesenszüge des (partei)politischen Sprechens ausmacht: Dazu zählen in seiner repräsentativen, systematisch fundierten und datenreichen Aufstellung ebenso Identifikationsformeln wie Euphemismen. Im einen Fall verwendet der Politiker das einverleibende wir oder versetzt sich mit dem Anschein einfühlsamer Teilnahme in die Situation der angesprochenen Zielgruppe. Wenn es aber um unangenehme Sachverhalte wie Sparmaßnahmen, Steuererhöhungen oder Pensionseinbußen geht, dann müssen beschönigende und verharmlosende Vokabel herhalten, die als verbale Sedativa die raue Wirklichkeit semantisch kalmieren: Nulllohnrunden, Tarifanpassungen oder Harmonisierung zählen zu diesem schonenden Umgang mit brisanten Tatsachen. Weitere sprachliche Taktiken im Köcher der Politiker seien nur noch beim Namen genannt: Modewörter, Sprachbilder (Metaphern), dynamische Wendungen, Unterscheidungen durch Synonyme (patriotisch gegenüber chauvinistisch, Affäre oder Skandal), endlich jene berüchtigte Leerformel, die hinter einer konsensfähigen Wortbildung (Lebensqualität, Neuorientierung) den konkreten Inhalt offen lässt, das spezifische semantische Gewicht verschweigt.

Im Bewusstsein solcher linguistischer Kriterien und terminologischer Vorarbeiten wollen Peter Gerlich und der Verfasser dieser Zeilen ein Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich erarbeiten. Die "Österreichische Forschungsgemeinschaft" stellt dafür die materielle Basis bereit, der Österreichische Bundesverlag schafft mit seiner Austriaca-Reihe den editorischen Rahmen. Ein kleiner Kreis von Mitarbeitern aus Linguistik, Soziologie und Politikwissenschaft ist bereits mit der Bearbeitung der Stichwörter beschäftigt. Die Bezeichnung Wörterbuch betont gegenüber dem Wechselbegriff Lexikon, dass Herkunft, Bildungsweise und Sprachgeschichte gegenüber der Sachinformation und dem reinen Gebrauchswert in den einzelnen Artikeln besonderes Gewicht erhalten. Der Ausdruck politische Sprache verweist auf einen weiten Horizont, der sich nicht auf das Fachvokabular der Politikwissenschaft beschränkt. Österreich endlich hebt programmatisch hervor, dass die Geschichte, die politischen Systeme, die Parteienlandschaft und der öffentliche Diskurs unseres Landes die Auswahl und Gewichtung der Lemmata vorgeben. Freilich soll damit nur ein Vorrang, nicht aber provinzielle Enge signalisiert werden.

Das Buch soll in zwei Jahren auf den Markt kommen und ist vor allem für Lehrer, Studierende, Journalisten und kritische Zeitgenossen konzipiert, die angesichts der medialen Vielfalt des politischen Redens Orientierung, Information und historische Vertiefung suchen.

"Sager" der Saison

Als Kriterien gelten: bevorzugte Behandlung der Zweiten Republik, Rückbezüge auf das Kaiserreich nur dann, wenn Begriff und Erscheinung fortwirken, offenes Auge und Ohr für aktuelle Tendenzen des öffentlichen Sprechens, Aufnahme auch jener Wortformen, die man als wacher Beobachter nicht mehr ohne politische Konnotationen verwenden kann: es sei nur an Königskobra oder Spargelessen erinnert.

Dennoch bleiben zahlreiche Problemfälle übrig, deren Triftigkeit nicht so klar auf der Hand liegt. Denn nicht nur über Geschmack, auch über Relevanz lässt sich streiten und muss eine rasche Entscheidung fallen, die für die aktuelle Gegenwart manchmal eher an Vivisektion erinnert. Wer vermag vorauszusehen, ob der jüngste Neologismus, der Sager' der Saison, in ein oder zwei Jahren noch gebraucht oder überhaupt verstanden wird? Die ordentliche Beschäftigungspolitik hat als Stigmawort bereits Zitatreife erlangt. Die Pensionsharmonisierung hat als Fahnenwort der gegenwärtigen Koalition gute Chancen, in das Leitvokabular dieser Periode einzugehen. Das Nulldefizit, vor kurzem noch unverrückbare Devise, heute bereits semantisch ausgebleicht und pragmatisch überholt, changiert zwischen parteipolitischer Programmatik und objektivem Terminus.

Wie auch immer: das Vorhaben eines Nachschlagewerks zur politischen Sprache in Österreich ist eine spannende Aufgabe. Das Ergebnis kann nicht zeitlos gültig sein, aber einen repräsentativen Befund liefern: mag man diesen im Sinne einer rezenten Diskussion nun einen linguistischen Austrokoffer oder eine politische Landvermessung nennen.

Der Autor ist Professor für Sprachwissenschaft in Salzburg.

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