POLITISCHES DENKEN

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IN IHREM NEUEN ROMAN ANALYSIERT OLGA FLOR MECHANISMEN DER MACHT IM MEDIENZEITALTER.

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IN IHREM NEUEN ROMAN ANALYSIERT OLGA FLOR MECHANISMEN DER MACHT IM MEDIENZEITALTER.

Olga Flors vierter Roman "Die Königin ist tot" ist eine präzise Analyse der Macht in unserer Mediengesellschaft, die in körperliche Gewalt umschlägt. Eine junge Frau verlässt Europa und erreicht den gesellschaftlichen Aufstieg durch die Heirat mit dem wesentlich älteren Medientycoon Basil Duncan in Chicago, der sie jedoch nach der Geburt zweier Kinder seinem Nachfolger überlässt und gegen eine jüngere Karrierefrau austauscht. Als Folie für diesen brillanten politischen Roman dient Olga Flor William Shakespeares Drama "Macbeth".

BOOKLET: Sie halten sich eng an Shakespeares "Macbeth", dessen zentrale Themen Macht, Gewalt, Mord, Schuld und Verantwortung Sie in eine nahe Zukunft übertragen. Warum haben Sie gerade diese Tragödie gewählt?

OLGA FLOR: Ich fand es immer verstörend und unbefriedigend, dass Lady Macbeth, die am Anfang eine sehr partnerschaftliche, liebevolle und intime Beziehung mit ihrem Mann führt und eine sehr starke Figur ist, nach Erfüllung ihrer Rolle einfach verschwindet und man nur mehr hört: "The Queen, my Lord, is dead." Das zweite, was ich an der Genese des Stücks interessant finde, sind die verschiedenen zeitlichen und politischen Ebenen, die Shakespeare verknüpft. Der historische Macbeth lebte kurz vor der Eroberung Englands durch die Normannen und besiegte seinen Vorgänger in einer Feldschlacht - er war von 1040 bis zu seinem Tod 1057 ein anerkannter König von Schottland und keineswegs ein Schlächter. Shakespeare bezog sich in seinem Stück nicht nur auf die Cronicles of England, Scotland and Ireland von Holinshed, der seinerseits schon Umdeutungen vornahm, sondern passte die Geschichte seiner politischen Gegenwart an. Der Rufmord am historischen Macbeth diente dazu, die Eroberung Schottlands durch die Engländer zu rechtfertigen. Mich hat diese politische Umdeutung der Geschichte interessiert. Dieses Story-Telling ist sehr modern, auch in einer Zeitung, im Fernsehen oder im Netz muss ich eine Geschichte erzählen, um eine Botschaft zu vermitteln. Ich bin ganz begeistert von der Vielschichtigkeit des "Macbeth".

BOOKLET: Die Umdeutung und Herstellung einer Realität durch die Medien ist ein zentrales Thema Ihres Romans. Welche Rolle spielt Ihre "Lady Macbeth" darin?

FLOR: Sie lernt von den Entscheidungsträgern der Medien, sie will die Deutungshoheit über ihr eigenes Leben wieder erobern. Der Text ist ein innerer Monolog, eine schonungslose Selbstreflexion, aber auch der Text, den sie online stellt. Sie setzt also einen Akt, der eine Realität schafft und ihren Mann Alexander schädigt. Die Interpretation und Auswahl von Information ist eine Schlüsselfunktion der Medien, übrigens auch der Suchmaschinen.

BOOKLET: Sie analysieren die Frage der Macht am Beispiel von Beziehungen zwischen Menschen in der Medienindustrie. Ihre Diagnose ist sehr pessimistisch.

FLOR: Ich denke, dass Machtungleichgewichte sich in letzter Konsequenz immer auch körperlich niederschlagen, als rohe Gewalt. Zum Beispiel hat die globalisierte Wirtschaft eine klare Aufgabentrennung: Die billigen Endprodukte sind nur zum Preis körperlicher Konsequenzen für Menschen in Niedrigstlohnfabriken zu haben, nicht nur wenn es brennt, wie unlängst in der Bekleidungsfabrik in Pakistan oder bei der Niederschlagung von Streiks oder bei der Selbstmordserie in China. Ich habe diesen Zusammenhang im Buch in einem engeren Raum am Beispiel des Mordes unter Freunden dargestellt.

BOOKLET: Sie beschreiben einen Kriegszustand in engen Räumen. Gibt es nur Verlierer?

FLOR: Es geht mir darum, einen Mechanismus zu untersuchen, die flächendeckende Infantilisierung und Entpolitisierung des öffentlichen Medienraumes. Die Repräsentation des Mannes und des männlichen Körpers als Krieger in der Unterhaltungsindustrie ist unglaublich verbreitet.

BOOKLET: Erzeugt werden diese Medienkrieger von den realen "Anzugskriegern", wie sie im Buch genannt werden.

FLOR: Ja, im Allgemeinen treten die Putins, Lukaschenkos, Berlusconis oder wer auch immer im Anzug auf. Ich habe viele der im Buch beschriebenen Handlungen, zum Beispiel das Niederschlagen von Unruhen oder Töten von Rebellierenden nicht erfunden, sondern nur zugespitzt. Wir leben in einer Gesellschaft ohne Solidarität, in der jeder nur mehr an sich und seinen eigenen Vorteil denkt.

BOOKLET: Auch die Liebe scheint zu einem Warenverhältnis verkommen zu sein. Einmal reflektiert die Frau, die sich Lilly nennt: "Ich weiß, dass ich ein (einigermaßen teuer eingekauftes) Möbelstück bin". Es wird aber gleich zu Beginn des Romans deutlich, dass sie der Erotik der Macht erliegt. Sie will das männliche Spiel mitspielen, aber für sie ist nur die Rolle der toten Königin vorgesehen.

FLOR: Ich glaube, dass erschreckend viele Frauen dieses Modell für sich beanspruchen. Sie ist Flüchtling, lässt alles hinter sich und will ganz zielgerichtet nach oben. Doch sie kalkuliert den Preis dafür nicht ein. Und dann ist sie sich selbst so abhandengekommen, dass sie Liebe gar nicht mehr empfinden kann. Mich hat die Dynamik und die Psychologie einer Beziehung interessiert, die auf einem Verbrechen aufgebaut ist. Es ist ein ungeheurer Druck, ein Misstrauen dem anderen gegenüber, weil man ja weiß, wozu der andere fähig ist. Ob er sie wirklich fallen lässt, weiß man ja nicht, zwischen Ängsten und Projektionen kann die Erzählerin nicht mehr unterscheiden.

BOOKLET: Sie sind eine politische Schriftstellerin. Oft wirft man Ihren Büchern Kälte und Düsternis vor, ich sehe aber auch viel Ironie in Ihren Texten.

FLOR: Für mich ist Literatur wichtig, weil ich meine ethischen Positionen überprüfen und überdenken kann. Mich interessiert beim Schreiben das Infragestellen von Positionen, die ich mit Figuren durchspielen kann. Ironie ist sehr wichtig für mich, Spaß muss sein. Und so unangenehm mir Figuren sein können, sie wachsen mir auch ans Herz. Nur gute und böse Figuren wären platt, sie hätten keine realistische Entsprechung. Ich finde, das Buch ist auch liebevoll geschrieben. Es ist zwar eine düstere, aber auch eine Liebesgeschichte, die sich den Abgründen der Sexualität stellt.

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