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Pop-Ikone der Literatur?

Ingeborg Bachmann: Weder Mythos-Verteidiger noch Fassaden-Demolierer haben das letzte Wort.

New York Anfang der siebziger Jahre. Ingeborg Bachmann liest im großen Saal des Goethe-Hauses. Kaum zu sehen hinter einer dichten dunklen Masse. Heute hat Peter Demetz nur mehr eine vage Erinnerung an damals. Ihr schwarzes Pagenkleid.

Unnahbar, schillernd. Und immer eine Persönlichkeit. Eine Frau mit Aura, die über ihre Texte hinaus auch in der literarischen Öffentlichkeit eine ungewöhnliche Rolle spielte. Zu ihrem 75. Geburtstag, den sie heuer begangen hätte, ist nun ein neues Bachmann-Buch erschienen. Am Wort sind 15 Autorinnen und Autoren, Freunde und Zeitgenossen, die ähnlich dem Erzähler im "Dreißigsten Jahr" das "Netz Erinnerung auswerfen", Schwellen der Zeit und des Ortes übersteigen, bilanzieren, Texte prüfen und beurteilen, um zu sehen, wer sie war und was aus ihr geworden ist. Dabei sind etwa Peter Hamm, Marcel Beyer, Hilde Domin, Ulla Hahn, Norbert Niemann und Jan Koneffke. Da werken Bachmann-Pathologen, Textzerpflücker, Erinnerungsschnitzer oder schlicht Literaten. Man schürft und verklärt, folgt persönlichen Spuren und ritzt in ihre Text- und Lebenswelt neue Fährten. Ein buntes Flickwerk ist dabei entstanden, Reflexionen über eine (fremd gewordene) Autorin, die widersprüchlicher eingefärbt nicht sein könnten. Reinhard Baumgart nennt dies in seinem Vorwort Distanzierungsversuche und Sympathieexperimente.

Ein "Stimmengewirr" also, das zugleich auch nachdenklich stimmt. "Haltet Abstand von mir!" heißt es im Dreißigsten Jahr. Eine unmissverständliche, viel zitierte Aufforderung, die auch für die Bachmann selbst Gültigkeit hatte. In diesem Buch hingegen wird oft weit ausgeholt. Persönliches, kritische Griffe zu den Texten, forsche Urteile von nachgeborenen Schreibenden. Man landet wieder bei den Allüren, beim notorischen Flüstern, bei Inszenierungen und Etikettierungen. Joachim Kaiser erinnert sich an eine scheue Dichterin, die durch den bloßen Tonfall ihr Publikum in den Bann zu ziehen vermochte. Daraus erklären sich für ihn die heutigen Schwierigkeiten mit der Bachmann: "Was uns ,königlich' dünkte ... das empfinden anscheinend die Jüngeren als Plüsch, als Pomp, als Makart, als österreichischen Jugendstil". Und tatsächlich gehen jüngere Autoren hart mit ihr ins Gericht, wenn man sie ungerührt eine "Kulissenschieberin" nennt, die ihre durchschnittliche Lyrik unelegant mit geballter Metaphorik ausstaffiert habe. So schreibt etwa Thomas Kling, für den Bachmanns schriftstellerische Bedeutung ausschließlich in der Prosa liegt, während ihre Gedichte anscheinend "angestrengt in der Vierfruchtmarmelade der Bilder waten".

Solch herb geschnitzte Worte setzen sich auch bei Franzobel fort, dem es bis heute noch nicht gelungen ist, bei ihren Texten anzukommen. Sein Permanentreisebegleiter, ein Mängelexemplar des Malina-Romans, vermochte bisher nur einen Konnex zum "Frau gewordenen Hitzestau" wachzurufen. Franzobel reduziert Bachmann schnöde auf scheinbar inkarnierte Bilder und sieht sie als "Vorreiterin des Girlie-Wunders", ja als "erste Pop-Ikone der österreichischen Literatur". Und Malina nur satzweise gelesen!

Interessant festzustellen ist hier aber auch ein zarter geschlechtsspezifischer Rezeptionsdiskurs. Manche Zeitgenossen versuchen das frühe Bachmann-Bild zu konservieren und sehen ihre Prosa Feministinnen als "plattes Beweismittel" (Hamm) in die Hände fallen. Im Gegensatz dazu haben einige Autorinnen, etwa Kathrin Schmidt mit ihrem Gedichtkommentar, eine andere, subtile, auf jeden Fall originelle Form der Auseinandersetzung gefunden. Herausragend sind dabei Dagmar Leupolds feinsinnige Imagination eines "Nachmittagstees in der Via Bocca di Leone" oder Judith Kuckarts "Vierzigstes Jahr", die in ihren poetischen Verdichtungen erfrischend neue intertextuelle Brücken zu Bachmann schlagen. Und Ulrike Draesner analysiert luzide und kenntnisreich Bachmanns mediale Situation als Autorin und ihr dichterisches Selbstverständnis samt der Kluft zwischen Diva-Nimbus und späterer Verweigerung.

Ob nun Lanzen für die Bachmann gebrochen werden oder ob kritisch in Text und Leben hineingeleuchtet wird: Diese individuellen Zugänge vertäuen sich hohlspiegelartig zu einem vielschichtigen Rezeptionsakt. Einen zitternden "Umriss" der ganzen, unaufgespaltenen Bachmann will Baumgart bereits mit der umkämpften Publikation der unveröffentlichten Gedichte erahnen. Doch noch ranken sich Geschichten, wuchern Assoziationen und dehnt sich die Sprache im Urteil. Und Zuversicht im Dreißigsten Jahr: "Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen."

Einsam sind alle Brücken

Autoren schreiben über Ingeborg Bachmann. Herausgegeben von Reinhard Baumgart und Thomas Tebbe.

Piper Verlag, München 2001 160 Seiten, geb., öS 204,-/e 14,80

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