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Posen, Possen und Popos präsentiert

Eine Ausstellung sichtet die Ankäufe der Stadt Wien seit den 1950er Jahren auf das Thema "Geschlecht".

Auf einem Schwarzweißfoto ist eine junge Frau in einem zerrissenen Hochzeitskleid zu sehen. Die Frau trägt einen Schleier und lehnt an einer Wand, mit einer Hand bedeckt sie ihren nackten Oberkörper. Jemand beschüttet die Weißgekleidete mit Farbe; den Akteur erkennt man nicht, weil die gesamte rechte Bildhälfte von einem schwarzen Kreissegment verdeckt wird. Einziges Indiz, dass es sich um einen Mann handelt, ist ein Arm, der sich zum Gesicht der Frau hinbewegt. Die Fotoüberarbeitung aus der Serie "Lora Sana" (2005) von Carola Dertnig ist derzeit gemeinsam mit Werken von rund 40 Künstlern und Künstlerinnen in einer Ausstellung des "Museums auf Abruf" (MUSA) zu sehen.

Männer und ihre "Modelle"

Das verfremdete Foto bezieht sich auf die Aktion "Hochzeit" (1965) von Rudolf Schwarzkogler und weist auf ein heikles, bisher nicht aufgearbeitetes und heftig umstrittenes Thema in Zusammenhang mit dem Wiener Aktionismus hin: auf die Bedeutung der weiblichen "Modelle", denen Jahrzehnte keine Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Indem Dertnig die männlichen Akteure mit schwarzer Farbe überdeckt, lenkt sie den Blick auf die weiblichen Mitwirkenden. Dertnigs Arbeit ist nur eine von vielen interessanten Positionen, die sich auf künstlerische Weise mit den traditionellen Rollenbildern und der Hinterfragung von Geschlechterkonstruktionen befassen.

Zwei jungen Kuratorinnen, Sabine Mostegel und Gudrun Ratzinger, sichteten die Ankäufe der Stadt Wien seit den 1950er Jahren in Hinblick auf die verschiedenen Aspekte des Themas "Geschlecht". Dabei stießen sie nicht nur auf legendäre Klassiker wie VALIE EXPORTs Schwarzweiß-Poster "Aktionshose Genitalpanik" (1969) aus den Anfängen der feministischen Kunst, sondern auch auf Arbeiten der jüngeren Generation. Anna Jermolaewa etwa setzt sich in ihrem gleichermaßen witzigen wie kritischen Video "Ass Peeping" (2003) mit dem voyeuristsichen Blick auf das Gesäß auseinander. Der Film zeigt einen Zusammenschnitt von schnell aufeinander folgenden Beobachtungen männlicher und weiblicher Hinterteile, die die Künstlerin an einem öffentlichen Ort Wiens aufgenommen hat.

Die Präsentation ist nicht nur spannend anzuschauen, sondern überzeugt auch aufgrund ihres fundierten Konzepts, das sich im Katalog spiegelt, der durch präzise Texte und eine ansprechende Gestaltung besticht. Sie ist auch nicht in die Falle der 1980er Jahre getappt, wo die Geschlechterfrage nur anhand von Künstlerinnen abgehandelt wurde. Die Sammlung der Stadt Wien beweist, dass heute Frauen und Männer sich künstlerisch mit geschlechtlicher Identität auseinandersetzen: Sie veranschaulicht, dass die Hinterfragung von Körperbildern und Geschlechterdifferenzen im 21. Jahrhundert in einer Ausstellung nur gelingen kann, wenn man Werke von weiblichen und männlichen Kunstschaffenden einander gegenüberstellt. So geht Lois Renner in seiner "Ateliereinsicht" (1995) dem Mythos des männlichen Künstlergenies auf den Grund, während Edgar Honetschläger im "Boden voller Sinn" (1989) eines der ältesten Themen der Kunstgeschichte behandelt: das Verhältnis von Körper und Landschaft.

Rollenbilder unterlaufen

Besonders dominant vertreten sind Werke, bei denen Künstler und Künstlerinnen sich selbst inszenieren, um die gesellschaftlich festgeschriebenen Geschlechterbilder subversiv zu unterlaufen. Elke Krystufek fotografierte sich 2001 in "Europa arbeitet in Deutschland" nackt mit einer blonden Perücke und einer Zeitschrift aus der Zeit des Nationalsozialismus auf dem Schoß, um auf die Verlogenheit des NS-Frauenbildes hinzuweisen, während Matthias Herrmann in seinen Farbfotos das Idealbild des heterosexuellen, männlichen Künstlers einer kritischen Sichtung unterzieht.

Typische Posen probiert

Leitmotivisch für den anregenden Rundgang steht Christa Biedermanns schwarzweiße Fotoserie "Rollenbilder" (1985- 87). Mittels Theatralik und Humor stellt die Künstlerin die Jahrhunderte vorherrschenden traditionellen Rollenbilder auf den Kopf. Als Subjekt und zugleich als Objekt fotografiert sie sich selbst in typisch männlichen und typisch weiblichen Posen und Verkleidungen. Durch ständige Verwandlung und ästhetisch überzeugende Bilder gerät die eindeutige Zuschreibung von Männlichkeit und Weiblichkeit ins Wanken - genauso wie die Trennung in aktiver Künstler hinter und passives Modell vor der Kamera.

MATRIX

Geschlechter / Verhältnisse /

Revisionen

Museum auf Abruf

Felderstraße 6 - 8, 1010 Wien

Bis 7. 6. Di-Fr 11-18, Do 11-20 Uhr, Sa 11-16 Uhr

Katalog hg. von Sabine Mostegel und Gudrun Ratzinger, Wien, New York 2008, 191 Seiten, € 24, 95

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