Potpourri der Augen-Blicke

"Porträt im Aufbruch": Die Albertina zeigt Fotografie in Deutschland und Österreich 1900-1938.

Kennen Sie diese Frau? Die ganze Welt kennt sie", war 1930 in der Zeitschrift "Uhu" unter einem Porträt in Rückenansicht zu lesen. Das verschwommene, formal reduzierte Foto eines Frauen-Oberkörpers mit unverkennbarem Pagenkopf war Teil eines Fotorätsels, das sich in Zeitschriften der 30er Jahre großer Beliebtheit erfreute. Dargestellt war der berühmte Stummfilmstar Asta Nielsen, aufgenommen von der Fotografin Else Neuländer-Simon.

Die Aufnahme einer Frau mit maskulinem Haarschnitt, noch dazu in Rückenansicht, hebt sich radikal von verklärenden Darstellungen des Fin de Siècle ab. Auf dem Porträt "Fräulein Sakur" von Nicola Perscheid (1905) blickt eine sitzende, junge Frau verträumt in die Weite. Das hochgeschlossene Kleid, die aufgesteckte Frisur und die passiv-kontemplative Körperhaltung entsprechen ganz dem Frauenbild der Jahrhundertwende.

Die beiden Schwarzweißfotos geben nicht nur über das veränderte Frauenbild im Lauf von drei Jahrzehnten Bescheid. Sie zeigen auch, wie sich das Medium Fotografie und die Sichtweise der Fotografen in dieser Zeitspanne veränderten.

Aus dem New Yorker moma

Die Porträts finden sich in einer Ausstellung über österreichische und deutsche Porträtfotografie zwischen 1900 und 1938. Die von Monika Faber und Janos Frecot kuratierte Schau war in ähnlicher Form in der Neuen Galerie in New York zu sehen - und hat bereits dort für Aufsehen gesorgt. 200 außergewöhnliche Fotografien von über 50 berühmten Fotografen und Künstlern wie Dora Kallmus und Arthur Benda (Atelier d'Ora), Trude Fleischmann, August Sander und Josef Albers haben die Fotografie-Spezialisten aus dem Fotobestand der Albertina, zahlreichen Privatsammlungen und Museen wie dem New Yorker moma oder der Berlinischen Galerie ausgewählt.

Perspektivenwechsel

In erster Linie sind die Porträts - unter den Porträtierten befinden sich viele berühmte Künstler wie Gustav Mahler, Gustav Klimt und Egon Schiele - eine Augenweide. Die Schwarzweißaufnahmen bestechen durch psychologische Zeichnung, durch extreme Nahsicht, durch theatralische Inszenierung oder durch den radikalen Umgang mit Licht. Andere Fotos faszinieren aufgrund einer besonderen Technik wie die Gummidruck-Blätter von Heinrich Kühn, die an Kohlezeichnungen erinnern.

Die Foto-Schau in der großen Ausstellungshalle der Albertina bietet mehr als ein Potpourri aus qualitätsvollen Exponaten: Sie vermittelt sie ein Stück Zeit- und Mediengeschichte. In acht Stationen wie "Augenblicksbilder", "Mode der Verkleidung" oder "Das Bildnis - Ende einer Tradition" erfährt der Besucher, wie sich politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Porträts spiegeln. Auch wie neue technische Errungenschaften wie die Erfindung der transportablen "Leichtkameras", auf die Bildästhetik Einfluss nehmen. Durch die Möglichkeit, die Kamera vom Stativ zu nehmen, ergaben sich unkonventionelle Untersichten, Schrägaufnahmen oder extreme Nahaufnahmen.

Noch um die Jahrhundertwende war Fotografie eine Sache von ausgebildeten Fachleuten, die in üppigen Studios ihre Kunden während langer Sitzungen ins rechte Licht rückten. Durch die mobilen Apparate wurde Fotografie zum Hobby des Bürgertums. Als die Firma Kodak mit dem Slogan "You press the button - we do the rest" herauskam, leitete sie die Trennung zwischen dem Aufnehmen des Bildes und dessen Ausarbeitung ein. Eine Tendenz, die erst vor wenigen Jahren durch die Digitalfotografie und die Möglichkeit des Selbstausdruckens wieder umgekehrt wurde.

Die Ausstellung spart ein trauriges Kapitel der Fotografiegeschichte nicht aus. In einem eigenen Raum kommt die nationalsozialistische Vereinnahmung von Porträts "einfacher Menschen aus dem Volk" zur Unterstützung der "völkisch-rassischen" Theorien zur Sprache. Die Kuratoren sind bemüht zu zeigen, dass oft gerade die Qualität dieser Fotos für derart hohe Auflagen verantwortlich ist.

Besonders in Erinnerung bleiben die Fotos von Erwin Blumenfeld. Der Fotograf und Dadaist deutsch-jüdischer Herkunft hat bereits Anfang der 30er Jahre versucht die Gefahr, die von Adolf Hitler ausging, in fotografischen Arbeiten auszudrücken. Durch Doppelbelichtung schuf Blumenfeld ein schockierendes Foto, auf dem ein Hitlerporträt und Totenkopf einander überlagern. Die Wirksamkeit des Bildes wussten die Alliierten zu nutzen: 1942 wurde Blumenfelds "Totenkopf" als amerikanisches Flugblatt millionenfach über Deutschland abgeworfen.

portrÄt im aufbruch

Albertina Wien

Bis 9. Oktober.

Tägl. von 10-18 Uhr, Mi 10-21 Uhr.

www.albertina.at.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau