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Prärie-Romantik, Kitsch oder doch Bachmann-Preis-würdig?

Die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur brachten nicht viel Überraschendes. Für den alles überragenden Text sorgte Eröffnungsredner Josef Winkler.

Nachdem Jens Petersen, der diesjährige Bachmannpreisträger, seinen Romanauszug „Bis dass der Tod“ gelesen hatte, waren die Jurorinnen und Juroren zunächst nicht alle so „ziemlich restlos begeistert“ wie Alain Claude Sulzer: Meike Feßmann unterstellte diesem Text „Prärie-Romantik“, ohne genauer sagen zu können, was sie damit meinte. Karin Fleischanderl merkte an, bei diesem Thema wären die Gefahren groß, der Autor sei ihnen aber entgangen. Ijoma Mangold hatte „nicht ganz verstanden“, fand die Geschichte aber spannend, Paul Jandl war zunächst noch unsicher, ob der Text gut oder doch Kitsch war, und entschied sich am nächsten Tag für „kein Kitsch“, und Hildegard E. Keller wollte mehr über Motivationen und Gefühle erfahren. Moderatorin Clarissa Stadler scheiterte bei ihrem Versuch, das Gespräch der Juroren über diesen Text zusammenzufassen, und Burkhard Spinnen verweigerte zu Recht jenes Resümee, das die Moderatorin danach ihm verantworten wollte.

Wenn „Urteile“ der Jury, hier beispielhaft mit wenigen Zitaten wiedergegeben, disparat wirken, so spricht das nicht gegen die Jury, im Gegenteil: nichts klingt so verdächtig wie einhellige Urteile. Bewertungen müssen zudem nicht endgültig sein, Unsicherheit darf man zugeben und die eigene Einschätzung revidieren – das konnte man dieses Jahr in Klagenfurt sehen. Am letzten Tag der Veranstaltung kam es dann nämlich doch zu einer eindeutigen Entscheidung: Sie hatte sich schon abgezeichnet, vielleicht, weil auch heuer wieder das Überragende, das Verblüffende fehlte. Vielleicht trägt man als Zuseherin aber auch zu große Erwartungen an den Bachmann-Preis heran, alle Jahre wieder hoffend, nun endlich – endlich! – würde etwas auftauchen, bei dem einem Mund und Ohren aufgehen und man nach den ersten gelesenen Sätzen schon sagen könnte: Das ist es! Neu, ganz anders, ganz eigen! Das ist der verdiente Siegertext!

Von solcher Euphorie war auch heuer nichts zu spüren, es ging geerdeter zu und knirschte: Zu hören war das mühsame Ringen der Juroren um kritische Bewertungen eher mittelmäßiger Texte. Zur lauen Veranstaltung könnte man positiv vermerken, dass selten ein Juror auf Kosten eines Autors Sprüche klopfte, um sich in Szene zu setzen, das Bemühen um Seriosität und Fairness war zu erkennen, das Scheitern an Begründungen aber ebenfalls. Die Betroffenheit aufgrund der Thematik schien leider auch heuer wichtiger denn ästhetische Fragestellungen.

Höhe- und Tiefpunkt

Gerahmt wurde die Veranstaltung von einem Höhe- und einem Tiefpunkt. Für den Tiefpunkt sorgte eine offensichtlich erschöpfte Jury am Ende des dritten Lese- und Diskussionstages, als sie beinahe unisono den Text von Caterina Satanik lobte – über die Auswahl dieses Textes für den Bewerb schüttelten so manche Zuhörer den Kopf. Freilich: Schön für die Autorin. Doch stimmten spätestens mit diesem Lob die Relationen gar nicht mehr – wurden doch im selben Bewerb andere, weitaus anspruchsvollere Texte von der Kritik zerzaust. Für den Höhepunkt, der in Erinnerung bleiben wird, sorgte Josef Winkler. Vor 30 Jahren trug er den Sonderpreis der Klagenfurter Jury nach Hause, heuer hätte er den Ingeborg-Bachmann-Preis verdient, mit seiner „Klagenfurter Rede zur Literatur“, diesem großartigen literarischen Kunstwerk mit politischem Sprengstoff.

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