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Probleme als Lebenselixierrr

dieFurche: Sie haben als Intendant des Tiroler Landestheaters so manchen traditionell gesinnten Zuseher verstört, aber auch ein neues, junges Publikum gewonnen. Ihre Ernennung zum Direktor der Wiener Volksoper wurde von manchen Wiener Zeitungen unfreundlich aufgenommen. Glauben Sie, daß Sie mit dem als konservativ geltenden Wiener Publikum gut zurecht kommen werden?

Dominique Mentha: Ich möchte versuchen, auf keine Klischees hereinzufallen. Das Wiener Publikum ist in der Welt der Oper ein fulminant wichtiges Publikum. Jedes Publikum ist schwierig, jedes Publikum muß gefangen werden. Wenn es nicht so wäre, dann bräuchte es ja gar nicht. Wenn das Volk immer innovative Positionen einnehmen würde, dann würden die Künstler zumindest zum Teil ihr Arbeitsfeld verlieren. Das Publikum treibt uns ja auch zu neuen Ideen, zu Visionen - die am Anfang sehr oft abgelehnt werden, um sich dann mit der Zeit als sinnvoll oder wichtig herausstellen.

dieFurche: Das Volksopernpublikum kann sich also auf spannende Jahre gefaßt machen ...

Mentha: Der Auftrag ist klar: Der Kurs der Erneuerung soll fortgesetzt werden. Die Oper, die Kunst überhaupt, muß weitergehen. Vieles, was heute gemacht wird, ist gar nicht so wichtig und bedeutend. Aber ich glaube, es braucht einen Raum, eine Atmosphäre, in der Neues entstehen kann. Es ist leicht, über Salieri zu spotten, aber es brauchte viele Salieris, damit in dieser Atmosphäre ein Mozart explodieren konnte. Wir können auch in der Musikgeschichte nicht von Mozart zu Verdi hüpfen. Dazwischen liegt vieles. Wenn wir jetzt dafür sorgen, das die Erneuerung weitergeht, wird in der Zukunft auch wieder einmal etwas Großes entstehen können.

dieFurche: Für welche Art von Musiktheater steht Dominique Mentha?

Mentha: Ich stehe für ein Theater, das bereit ist, sich mit der Gegenwart und der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Das Theater ist eine Möglichkeit, Wirklichkeit zu verstehen und zu analysieren, sich selbst, seine Haltungen und Gefühle zu klären und zu präzisieren; im altmodischen Sinn: einen Spiegel vor sein Gesicht halten. Das kann übrigens auch die sogenannte Unterhaltung, obwohl: ohne Haltung soll Unterhaltung natürlich nicht sein.

dieFurche: Wie wichtig ist Ihnen Haltung am Theater?

Mentha: Wir leben am Ende eines Jahrhunderts, das einige ideologische Katastrophen wie den Nationalsozialismus oder den Kommunismus erlebt hat. Ich habe manchmal das Gefühl, daß es als das Allheilmittel gegen diese übertriebenen Positionierungen angesehen wird, überhaupt keine Haltung mehr einzunehmen. Heute setzt man sich oft nicht mit Wichtigem, Sinnvollen auseinander - meinetwegen unterhaltsam! -, sondern gibt sich den Äußerlichkeiten hin. Wir sollten in der Kunst, am Theater, die reine Zerstreuung und Amüsement nicht zulassen. Doch dann heißt es gleich: "Du bist ein Achtundsechziger" - das gilt als schlimmste Beleidigung. Was ich aber an dieser Epoche respektiere, ist, daß es eine Zeit mit Haltung war. Heute leben wir in einer Zeit, die nicht bereit ist, Haltungen einzunehmen.

dieFurche: Haltung und Unterhaltung galten ja vor allem in der ersten Blüte des Regietheaters fast als unvereinbar...

Mentha: Seien wir ehrlich: Die Menschen lesen kein Buch aus dem sie viel lernen können, wenn es sie langweilt. Ein Medium kann nur etwas bewirken, wenn es die Leute fasziniert. Die komische Oper war auch immer sehr kritisch gegenüber denjenigen, die Macht ausüben. Da stehen Menschen mit Fehlern und Eitelkeiten auf der Bühne, die angreifbar, die lächerlich sind, die sich überschätzen, die ihre Macht nicht an humanitären Maßstäben messen. Das ist etwas, was wir manchmal zu wenig können: etwas Wichtiges, Ernsthaftes, Wahres, vielleicht sogar Trauriges, so zu sagen daß man es versteht und daß man sich dabei unterhalten kann.

dieFurche: Ihre Arbeit in Innsbruck ist von Teilen des Publikums als Provokation betrachtet worden...

Mentha: Provokation, Auseinandersetzung, Kritik, Krisen und Probleme - das sind ja positive Begriffe. Das Leben ist ein ewiges Problemlösen. Probleme sind das Lebenselixier. Auch eine Beziehung, in der nie Probleme aufbrechen, endet irgendwann einmal in einem Desaster.

Meine Position ist aber nicht: Wir tun etwas Neues, Kritisches und es ist völlig egal, wie das Publikum darauf reagiert. Die vermittlerische Qualität einer Arbeit ist sehr wichtig.

dieFurche: Diese Vermittlungsarbeit gestaltet sich ja bei zeitgenössischen Musikwerken eher schwierig.

Mentha: Seltsamerweise ist die musikalische Sprache eines Großteils dieses Jahrhunderts immer noch nicht eine Sprache geworden, mit der das Publikum umgehen kann. Die Distanz zwischen dem, was die Komponisten tun und dem Publikum war in der gesamten Musikgeschichte noch nie so groß. Im Gegensatz zur Malerei denken wir in der Musik noch sehr konservativ, sehr reduziert. Im Zusammenhang mit einem Opernhaus ist es einfach wichtig, diesen Abstand zwischen Musiksprache und Publikum zu verkleinern.

dieFurche: Wie kann dieser Abstand verkleinert werden?

Mentha: Das einzige Mittel ist, daß man diese Musik hört. Am Tiroler Landestheater haben wir konsequent angefangen, Musik des 20. Jahrhunderts zu spielen und haben Einführungen vor jeder Vorstellung angeboten. Heute ist in Innsbruck eine zeitgenössische Oper am Spielplan kein Risiko mehr. Natürlich sagen nicht alle Zuseher: "Phantastisch!", aber sie respektieren es - und ich glaube, sie sind stolz darauf.

dieFurche: Wird die Oper eines Tages aussterben?

Mentha: Ich glaube nicht. Der singende Mensch hat eine unglaublich sinnliche, leidenschaftliche Ausstrahlung. Ich halte diese Faszination für sehr ursprünglich. Das vielgescholtene Regietheater - das sich auch oft irrt, das auch oft provinziell ist, das auch oft eine Ausrede ist - dieses Regietheater wird mitverantwortlich dafür sein, daß die Oper weiterlebt.

dieFurche: Warum hat sich das Regietheater mittlerweile durchgesetzt?

Mentha: Theaterkunst braucht Interpretation. Auch beim Betrachten von Bildern findet still und stumm ein Dialog zwischen Bild und Betrachter statt. Zwei Menschen können objektiv das gleiche sehen, subjektiv aber haben sie wahrscheinlich etwas völlig anderes erlebt. Jeder Mensch hat sozusagen seine eigene sogenannte werkuntreue Interpretatione von einem Bild.

Daß bei bei der Interpretation eines Stückes verschiedene Resultate herauskommen, ist ganz klar. Das ist ja auch der Beweis, wie toll diese Stücke sind. Die "Zauberflöte" ist nicht umzubringen, trotz tausender miserabler Interpretationen - ob neumodisch oder altmodisch. Doch nach jeder fulminaten, großartigen Interpretation stellt sich die Frage von neuem: Wie mache ich es beim nächsten Mal? Es gibt keine ideale Inszenierung - und es gibt natürlich viele schlechte: Nicht alles was modern ist, ist auch gut, nicht alles, was provoziert, ist sinnvoll.

Das Gespräch führte Michael Kraßnitzer.

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