Flexible Stadtnomaden, Teleworker, Patchworkfamilien: die pluralistische Gesellschaft stellt Städte und Wohnbau vor neue Anforderungen. Zwei neue Bücher zeigen innovative Lösungsansätze aus den Niederlanden, Österreich, Deutschland und der Schweiz.

Reihenhausmonotonie in der Ödnis von "Suburbia", Großsiedlungen mit Verslumungstendenz, Stadtflucht ins Grün der Umlandgemeinden: der Städtebau ist tot, es lebe der "urban sprawl". Sozial engagiert traten die Architekten der Moderne an, um verarmte Massen mit billigem Wohnraum zu versorgen. In einer Überfluss- und Konsumgesellschaft wurde das obsolet.

Aktuelle Tendenzen in der Wohnbau-Trendsetternation Holland nehmen Frank-Bertolt Raith, Lars Hertelt und Rob van Gool im Buch "Inszenierte Architektur - Wohnungsbau jenseits des Standards" fundiert und nicht kritiklos unter die Lupe. Zusammenhänge werden erklärt, einzelne Projekte prägnant beschrieben. Wohnen mutierte zum Produkt auf einem anbieterreichen Markt, klassische Kategorien wie Single, Kleinfamilie oder Senior haben ausgedient.

Prinzipiell gefragt ist ein Umfeld für Patchworkfamilien, Teleworker, Stadtnomaden und andere "flexible Menschen" (Richard Sennet). "Wie kann ein Mensch in einer Gesellschaft, die aus Episoden und Fragmenten besteht, seine Identität und Lebensgeschichte zur Erzählung bündeln?" Die selbstgewählte Wohnung im inszenierten Umfeld wird zum identitätsstiftenden Setting der selbstgestrickten "Risikobiografie" (Ulrich Beck).

Frei nach dem Motto "Gott schuf die Welt, der Holländer jedoch schuf sich sein eigenes Land", wird auch Natur großflächig modelliert. "Man darf die Niederlande ohne weiteres als Kunstwerk betrachten. Landschaft wird ständig rekonstruiert," so Landschaftsarchitekt Paul van Beek.

Einzigartiger Bauboom

1990 wurde der Verzicht auf staatliche Bevormundung im Wohnbau zum politischen Programm, ein einzigartiger Bauboom überschwemmt das Land: bis 2005 werden 100.000 neue Wohnungen pro Jahr gebaut, allein im Rahmen des VINEX-Programms (Vierde Nota over de Ruimtelijke Ordening Extra) entstehen 400.000 neue Einheiten. Das Gebot der Stunde heißt "Themenwohnen": atmosphärisch dichte Kunst-Orte mit hohem Erlebniswert. Der Planungsprozess ist so komplex wie das Gefühl, das bei den Nutzern generiert werden soll. Developer, Landschaftsplaner, Ökonomen, Architekten, Marketingexperten u.a. arbeiten gleichberechtigt zusammen, um eine zielgruppengerechte Wohnsituation nach Maß zu entwickeln. Inspirationsquellen der Architekten sind so vielfältig wie das Angebot. So setzten Rob Krier und Christoph Kohl auf Reiz und Dimension der historischen Stadt. Ihre Anlage in Brandevoort wirkt mit Plätzen, Markthalle, Ziegelfassaden, Erkern, Giebeln und unterschiedlichen Traufhöhen wie ein altes Dorf. Ausgangspunkt der Planung war eine fiktive Festungsanlage.

Keine Monotonie

Das Flair des alten Amsterdamer Quartiers Jordaan setzte "West 8" in Borneo Sporenburg modern um. Das typische, tiefe Grachtenhaus stand Pate für schmale Patiohäuser, die wie ein Meer die zwei 25 Hektar großen Stadtinseln überziehen. Um keine Monotonie aufkommen zu lassen, wurden Entwürfe gemischt. Drei große, expressiv-skulpturale "Meteoriten"-Bauten wirken als städtebauliche Signale, reizvoll gestaltet sind die Brücken. Van Herk & De Kleijn planten eine Zeile mit Maisonetten und Geschosswohnungen mit schrägen Grundrissen, ovalen Studios und Innenhof.

Kunstvoll an die Spitze trieb MVRDV das Thema Siedlung am Stadtrand: in Hageneiland wurden Hausarchetypen mit Pultdach in durchgehend einem Material von First bis Boden zum grafischen Abstraktum. Traufen und Details fehlen, jede Wohnung hat einen Kleingarten mit Schuppen. Die bunten, fröhlichen Häuser erinnern an Bauklötzchen. Gebautes Statement zum Status quo.

Innovative Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellt Christoph Gunßer im Buch "Stadtquartiere - Neue Architektur für das Leben in der Stadt" vor. Auch hier geht es um Quartiere, die der Dynamik und Komplexität des Alltags in einer pluralistischen Gesellschaft gerecht werden. Die Auswahl beweist die Kompetenz des Autors. Die räumlich differenzierte, gemischt nutzbare "Compact City" in Wien von BUS Architektur mit skulpturalen Geschäftslokalen, verschiedenen Wohnangeboten, Werkstätten und Supermarkt ist eine ernsthafte Option an Homeworker. Das pionierhafte Wohnmodell der "Sargfabrik" von BKK2 bietet mit Dachgärten, Badehaus, Hof-Biotop, schrägen Rampen nicht nur neues Lebens-, sondern auch neues Raumgefühl. Auch der Nachfolger "Miss Sargfabrik" von BKK-3, das innovative Salzburger Mischnutzungsprojekt "F @ llnhauser" von den Architekten Halle 1 sind u.a. vertreten.

Urbaner Szene-Treff

Über einen Hektar umfasst die Überbauung des Steinfelsareals "West-Side" in Zürich. Trotz Bestlage konnten sich die Architekten Herczog Hubeli Comalini gegen Investorendruck durchsetzen und auf Mischnutzung beharren. Im interdisziplinären Team wurde ein langfristiges Konzept zur strukturellen Ergänzung des bestehenden Quartiers erstellt. Heute ist die "West-Side" mit prägnantem Wolkenbügel-Penthouse, Unité-Riegel und der mächtigen Doppelzeile "Basilika", Kinos, Restaurants, Theatern und als Atelier, Wohnung oder Büro nutzbaren Grundrissen ein urbaner "Szene-Treff", der als vitaler Generator ins Umfeld wirkt.

Besonders nachhaltig ist das "KraftWerk1" der Stücheli Architekten in Zürich. 1993 verfassten sie ein Manifest, worauf hunderte Menschen einen Optionsschein ausfüllten und so den ideellen Grundstein zu einem beispiellosen Projekt legten. Man gründete eine Genossenschaft, um ein sozial durchmischtes, räumlich differenziertes, ökologisches Experiment umzusetzen. Betreute Wohngruppen mit körperlich Behinderten, sozial Schwache, Ausländer und Wohngemeinschaften leben hier auf dichtem Raum mit breitem infrastrukturellem Angebot zusammen. Treppen, Gänge, Räume, Gassen und verschiedene Perspektiven spiegeln die Komplexität diverser Lebens-und Arbeitsweisen. Wohnräume sind horizontal oder vertikal koppelbar, die Mieten dafür liegen etwa ein Fünftel unter dem ortsüblichen Durchschnitt.

Auch dieses Buch besticht durch gute Auswahl, Projektdokumentation, Hintergrundinformation und die fundierte Erklärung politisch-städtebaulicher Zusammenhänge.

Inszenierte Architektur

Wohnungsbau jenseits des Standards

Von Frank-Bertolt Raith, Lars Hertelt, Rob van Gool

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2003

159 Seiten, m. zahlr. Abb., geb., e 92,50

Stadtquartiere

Neue Architektur für das Leben in der Stadt. Innovative Projekte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Von Christoph Gunßer

Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 2003

159 Seiten, m. zahlr. Abb., geb., e 82,20

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau