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Propaganda - aber welche?

1945 1960 1980 2000 2020

Zum Dossier. Welche Kunst behält Wert? Welche Kriterien bewirken, daß ein Gemälde, eine Skulptur allgemeine Anerkennung (und einen gewissen Marktwert) erringen und auf Dauer behaupten kann? Mit dieser Fragestellung versucht dieses in erster Linie der bildenden Kunst gewidmete Dossier, dem großen Geheimnis, was echte und wahre Kunst ausmacht, auf die Spur zu kommen.

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Zum Dossier. Welche Kunst behält Wert? Welche Kriterien bewirken, daß ein Gemälde, eine Skulptur allgemeine Anerkennung (und einen gewissen Marktwert) erringen und auf Dauer behaupten kann? Mit dieser Fragestellung versucht dieses in erster Linie der bildenden Kunst gewidmete Dossier, dem großen Geheimnis, was echte und wahre Kunst ausmacht, auf die Spur zu kommen.

Eines Tages beobachtete ich einen Mann, der in einer Ausstellung vor jedem Bild mit einem Meßgerät kleine Kreise zog, sorgfältig und andachtsvoll. Er erklärte mir, er könne damit die Energie, die ein Bild abgäbe, bestimmen. Je mehr Energie, desto mehr Kunst.

Es gibt noch andere Wunderzähler dieser Art, beispielsweise Listen, die Ausstellungen, Auktionen, Museumsankäufe usw. reihen und danach die Wertbeständigkeit eines Kunstwerkes suggerieren. Warum nicht? Ob es zielführend ist, auf Dauer gesehen, wer kann es sagen?

Kunst ist eine hervorragende Kapitalanlage, wenn man weiß, was Kapital ist und wenn man weiß, was Kunst ist. Nehmen wir an, irgend jemand hätte die Mona Lisa zu Zeiten Leonardos gekauft und sie in sein Wohnzimmer gehängt. Heute würde man sie dort entdecken. Wäre dieses Bild jenes Bild, als das es uns heute erscheint? Ohne seine Rezeptionsgeschichte, ohne Mystifizierung über Jahrhunderte hinweg? Zur Kunst gehört die Rezeption, ob einem das paßt oder nicht, aber die ist genau so wenig zu fassen wie die Kunst selbst.

Wer Kunst als Kapitalanlage kauft, tut gut daran, wenn er weiß, was für ihn Kapital ist. Es gibt auch ein geistiges Kapital, das nicht geringzuschätzen ist, nicht nur das allbekannte Know-how, das man noch irgendwie beziffern kann. Über das Geistige in der Kunst ist schon viel geschrieben worden, irgendwo hier muß wohl der Dauerwert von Kunst liegen. Aber das liegt nicht auf der Straße. Es gibt auch solche, die meinen, gute Kunst sei verkaufte Kunst. Wohl bekomms.

Ich erinnere mich an eine Kunstmesse in Basel, wo irgendwo in einem Eck ein kleines Bild von Hans Hartung aus den dreißiger Jahren zu sehen war. Jeder, den ich darauf ansprach, hatte es gesehen. Wieso war dieses Bild nicht zu übersehen? Worauf beruhte seine Strahlkraft?

Wie ich höre, gibt es Museen, die kaufen nach dem Aktualitätskriterium. Was jetzt zählt und wichtig ist. Ich denke, daß dies zumindest fragwürdig ist, denn wer kann annehmen, daß abgesehen von ein paar Historikern zu einer späteren Zeit sich irgend jemand dafür interessieren wird, was uns interessiert hat? Vielleicht wird das Angekaufte in späteren Augen nur ein Beweis für unseren schlechten Geschmack sein. Als Kunst wird dann möglicherweise etwas gelten, was wir heute nicht einmal ignorieren? Das ist freilich auch kein Trost für jene, die zu ihren Lebzeiten erfolglos bleiben.

Wenn es so leicht wäre, zu sagen, was den dauerhaften Wert eines Kunstwerkes ausmacht, könnte jeder Sammler erfolgreich sein. Warum überspringt ein Aquarell von Klee, eine Zeichnung von Wols immer noch alle Zeiten? Mondrian war zu seinen Lebzeiten nicht eben sehr geschätzt, heute gilt er als Meister der Moderne. Die Legende Van Gogh kennt jeder. Es gibt keine Antwort auf diese Frage, es gibt nur das Wagnis, sich auf unbekanntes Terrain einzulassen. Es gäbe viele Kriterien zu nennen, aber keines trifft überall zu, und viele können bei einer Einzelbeurteilung fehlen.

Was macht es aus, daß ein Kunstwerk ins kollektive Gedächtnis der Menschheit eindringt? Propaganda. Ja, aber welche? Das Alter ist ein Kriterium des Antiquitätenmarktes, aber es macht auch nicht aus einem Zeitgenossen Rembrandts Rembrandt selbst. Ein perfekt erhaltenes Kunstwerk zweiter Ordnung hat weniger Wert als ein weniger gut erhaltenes erster Ordnung. Aber was ist das? Erste Ordnung, zweite Ordnung? Sicher ist nur, daß es nicht DAS Kunstwerk gibt, keinen absoluten Bezugspunkt, sondern erst im Vergleich ergeben sich Rangordnung und Wert. Aber es gibt eben auch die Tatsache, daß ohne Wissen des Rezipienten um diese Rangordnung ein Kunstwerk hinzureißen vermag. Und daß alles Wissen einen kalt lassen kann. Auch Rangordnung und Wert sind keine unveränderbaren Größen.

Je näher zum Rezipienten, umso eher die Gefahr, daß Rangordnungen gemacht sind. Es gibt auch eine gesteuerte Rezeption. Ich war eben im Guggenheim Museum in Bilbao - da spielt Geld eine große Rolle. Nicht nur der Bau an sich ist gigantisch, auch die dort gezeigte Sammlung suggeriert Wichtigkeit und Bedeutung. Fast bescheiden nimmt sich da die Ausstellung von Eduardo Chillida aus, filigran die Zeichnungen, die Monumentalität fällt in diesem Gebäude zusammen und zurück bleibt eine Geistigkeit, der man sich gerne anvertrauen möchte. Chillida hat sich mit E. M. Cioran intensiv auseinandergesetzt, dessen spitze Aphorismen auch zur Kunst erhellend wirken.

Wer Kunst als reine Kapitalanlage, als vielversprechende Variante des Geldvermehrens, verkauft/kauft, hat viele Argumente für sich. Auch wer Aktien verkauft/kauft, hat sie. In beiden Fällen setzt aber die Geldvermehrung, wenn sie gelingen soll, intensive Beschäftigung mit dem Anlagekapital und dessen Märkten und Spezifika voraus, das heißt also, man braucht viel Lebenszeit, um erfolgreich zu sein. Auch ein guter Tennisspieler hat viel Lebenszeit in seine Fertigkeit investiert. Entscheidend ist aber, meine ich, wie man sich durch diese Beschäftigung selbst verändert. Vielleicht ist durch die intensive Beschäftigung mit Kunst am Ende der Kapitalertrag gar nicht mehr so wichtig.

Das ist wie bei einem Kulturpolitiker: es ist für ihn nicht gut, sich wirklich mit Kunst zu beschäftigen. Am Ende könnte ihn die Politik nicht mehr interessieren, oder er wird, weil er auf ganz anderen Wegen ist, von der Mehrheit nicht mehr gewählt.

Was ist es also? Plötzlich schiebt sich ein Werk vor unser Auge - und deckt die ganze Welt ab. Wir wissen heute, daß Beschäftigung mit Kunst uns auch physisch verändert. Achtung Kunst. Wer nur an klingende Münze denkt, sollte sein Geld vielleicht aufs Sparbuch legen. Aber auch das, hört man seit langem, verändert - zum Horten, nicht zum Ausgeben.

Aber nicht jedes Kunstwerk ist auf Dauer angelegt. Nicht alles muß dauern. Es soll im Augenblick wirken und Sichtweisen ändern. Es ist alles offen. Wer sich auf Kunst einläßt, weiß nicht, wohin ihn die Reise führt.

Die Autorin leitet die Galerie Carinthia (Klagenfurt und Ossiach).

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