Provokantes Gedankenspiel

Frankreich unter muslimischer Regierung, ein neues altes Europa mit Sitz in Rom und Athen: Schon vor seinem Erscheinen erhitzte Michel Houellebecqs neuer Roman die Gemüter.

Tokio, 20. März 1995: In der U-Bahn sterben zwölf Menschen, vergiftet durch Sarin, Tausende werden schwer verletzt. Die Realität hat die Erfindung eingeholt: In seinem Roman "Opernball“ hat Josef Haslinger einen Giftgasanschlag auf den Wiener Opernball erzählt. - London, 7. Juli 2005: Just an dem Tag, an dem Bomben die Hauptstadt erschüttern, erscheint Chris Cleaves Roman "Lieber Osama“: Darin fliegt ein Londoner Stadion mit 1000 Menschen in die Luft. Cleaves literarisch wenig gelungener Roman erhält durch die inhaltliche Brisanz höchste Aufmerksamkeit.

Jüngster Fall einer Koinzidenz: Das Enfant terrible der französischen Gegenwartsliteratur, Michel Houellebecq, hat einen neuen Roman geschrieben: "Unterwerfung“. Das Stichwort "Islamisierung“ erregte die Gemüter bereits, bevor das Buch erhältlich war. Am 7. Jänner wurden Redakteure von Charlie Hebdo ermordet. Auf dem Cover des Satiremagazins prangte ein Konterfei von Houellebecq: "2015 verliere ich meine Zähne, 2022 begehe ich den Ramadan“. Seither wird Houellebecqs Roman häufig in Zusammenhang mit den Anschlägen genannt, man mahnte die Verantwortung des Autors ein, als hätte Houellebecq mit diesem Terror zu tun. Mit Islamisten oder Terror hat Houellebecqs Roman freilich gar nichts am Hut. Man wischte wieder einmal Unterschiede weg.

Ironie und Literaturbezug

Der Roman regte auf, weil durchgesickert war, dass der Autor Frankreich darin als muslimische Republik beschreibt. Ein Skandal für einen laizistisch verfassten Staat. Doch schon auf den ersten Seiten fällt die Ironie auf. Der 44-jährige François ist Literaturwissenschafter in einem Uni-Betrieb, dessen Nutzen allein darin besteht, sich selbst zu erhalten. Nach 15 Jahren Uni kann er zwar noch immer nicht lehren, schleppt dafür aber ständig Studentinnen ab. Der treueste Freund des Misanthropen ist sein Dissertationsthema Joris-Karl Huysmans - mit diesem Autor legt Houellebecq eine Folie unter den Roman, ja, er schreibt sich an dessen Leben und Werk entlang und schafft damit spannende Konfrontationen mit dem Weltschmerz der Dekadenz, dem Fin de Siècle.

Houellebecq hat die Form der Ich-Erzählung gewählt - und es bleibt Geheimnis, was von dem, was er dem Erzähler in den Kopf legt, Gedankengut des Autors ist, was nicht. Mit einer solchen Figur kann man jedenfalls unzensuriert Gedanken lesen lassen.

François ist "politisiert wie ein Handtuch“ - und man kann als Schwäche des Romans nennen, dass eine politisch nicht interessierte Figur derart differenziert über politische Vorgänge schreiben kann. Denn daraus besteht der literarisch sonst nicht so ambitionierte Roman vor allem: aus spannenden Schilderungen, wie es dazu kommt, dass im Jahr 2022 mit Mohammed Ben Abbes die Bruderschaft der Moslems die französische Regierung übernimmt - und was daraus folgt.

Der Erzähler beschreibt zunächst die Dürftigkeit des bisherigen politischen Angebots: Mitte-links-Kandidaten werden für ein oder zwei Perioden gewählt, dann folgt ein Mitte-rechts-Kandidat. "Seltsamerweise war der Westen überaus stolz auf dieses Wahlsystem“. Trotzdem sieht Frankreich aus wie kurz vor einem Bürgerkrieg, die Rechtsextremen freuen sich über enormen Zulauf, auch anderes ist alarmierend: die Hochschulrektorenkonferenz boykottiert den Austausch mit israelischen Forschern und der Verband jüdischer Studenten ist verschwunden.

Kritik an Gegenwart

Houellebecq beschreibt damit nicht nur irgendeine von ihm entworfene Zukunft, sondern reale Gefahren des gegenwärtigen Frankreichs: zunehmender Antisemitismus, Arbeitslosigkeit, Unfähigkeit der Medien, aber auch die Verrohung einer kapitalistischen Gesellschaft, die die Bildung vor die Hunde gehen lässt. Das alles wird aus der Sicht seines widersprüchlichen Protagonisten erzählt. François ist politisch unkorrekt und sexistisch, verwendet Frauen als Objekt der Lust (die ihm aber abhanden kommt) und träumt von Kochtopf-Frauen, die die Fähigkeit haben, in bestimmten Augenblicken zur Dirne zu werden.

Die identitäre Bewegung macht sich gegen den Islam stark. Ihr gehören, wie ein Protagonist sagt, zahlreiche Gruppierungen an: "Katholiken, oft Royalisten, Nostalgiker, im Grunde Romantiker - zum Großteil auch Alkoholiker“ - bis es schließlich zur Gründung der "Ureinwohner Europas“ kommt. Soweit der pointierte Befund, politisch wie privat - die Ironie ist unübersehbar, das Fazit ebenso: Das Abendland ist abgewirtschaftet.

Um den Front National nicht an die Macht kommen zu lassen, schließen sich Sozialisten und Gaullisten der Bruderschaft der Muslime an. Diese bringen nun Werte des Abendlandes zur Geltung, die eigentlich die Identitären vertreten und vor dem Islam schützen wollen: Das ist eine der Pointen dieses Romans. Europa wird nicht aufgelöst, sondern erweitert, nämlich durch den arabischen Mittelmeerraum, das Zentrum Europas soll mit "Gespür für Symbole“ nach Süden verschoben werden: die Kommission nach Rom, das Parlament nach Athen. Nun heißt es: Wiederkehr der Religion, religiöse Privatschulen für bessere Bildung, Besinnung auf Familie.

Das alles führt zu einer Zuversicht, wie sie Frankreich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat: drastisches Absinken der Arbeitslosigkeit (denn die Frauen sind nun wieder hinter dem Herd), drastische Senkung des Bildungsetats (muslimische Schulen werden hingegen von den Erdöl-Monarchien gefördert), Verkauf der Sorbonne an Saudiarabien (Frauen und Nichtmuslime werden aus dem Unibetrieb entfernt). Das Subsidiaritätsprinzip wird so verstanden, dass nun der "warmherzige Rahmen der Familie“ zuständig ist - was die Verringerung der Sozialausgaben um 85 Prozent zur Folge hat.

Houellebecq verunglimpft in "Unterwerfung“ nicht den Islam, seine Spitzen richten sich vielmehr - um einen Titel von Huysmans aufzugreifen - "Gegen alle“, er schreibt "Gegen den Strich“. Vor allem Europa steht in der Kritik. Und so konvertiert der Rektor der Sorbonne akkurat in Brüssel, wegen und angesichts der "abscheuerregenden Verwesung“, die er dort zu sehen bekommt.

Es bestünde die Gefahr, dass nun jene, die ohnehin eine Islamisierung Europas befürchten, "Unterwerfung“ als Bestätigung ihrer Ängste lesen könnten, lautete einer der Vorwürfe gegen Houellebecqs Buch. Das freilich läge nicht am Text. Der Autor betreibt ein verstörendes Gedankenspiel mit der Wertediskussion, klopft Schlagworte aus Politik und Medien kritisch ab. Sein Roman liefert aber tatsächlich Zündstoff: fürs Denken, gegen Vereinfachungen - und für Diskussionen, die dringend geführt werden müssen.

Statt Glaube Opportunismus

Der atheistische François zieht sich in jenes katholische Kloster zurück, in dem einst Huysmans’ Bekehrung stattfand - dort spürt er jedoch nichts. Statt dessen locken die neuen Machthaber. Nicht der Glaube wird ihn vielleicht konvertieren lassen, sondern Opportunismus: die Aussicht auf mehrere Frauen und hohes Gehalt. Houellebecq hat so auch Huysmans Bekehrung ironisch umgeschrieben: im Konjunktiv, der Möglichkeitsform.

Jene Lesart, die François für Huysmans’ Werk vorschlägt, scheint übrigens wie ein Vorschlag Houellebecqs an seine eigenen Leser: "Es wäre ein Fehler gewesen, den von Huysmans immer wieder gern erwähnten ‚Ausschweifungen‘ und ‚Hochzeiten‘ eine allzu große Bedeutung beizumessen, denn dahinter verbarg sich vor allem ein naturalistischer Tick; es war ein für die Epoche typisches Klischee, das auch mit der Notwendigkeit zusammenhing, einen Skandal zu verursachen, die Bourgeois zu schockieren, und ganz bestimmt auch damit, die Karriere voranzubringen.“

Unterwerfung

Roman von Michel Houellebecq. Aus dem Franz. von Norma Cassau und Bernd Wilczek. DuMont 2014. 271 Seiten, geb., E 23,70

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