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Psychischer Striptease im Dunklen

1945 1960 1980 2000 2020

Psychologie ist heute die populärste aller Wissenschaften. Ihr Erfolg beruht auch auf dem Kino: Seit Beginn der bewegten Bilder haben Therapeuten die Leinwand erobert. Über wahnwitzige, böse, schrullige und wundervolle "Seelendoktoren" in Film und Serie.

1945 1960 1980 2000 2020

Psychologie ist heute die populärste aller Wissenschaften. Ihr Erfolg beruht auch auf dem Kino: Seit Beginn der bewegten Bilder haben Therapeuten die Leinwand erobert. Über wahnwitzige, böse, schrullige und wundervolle "Seelendoktoren" in Film und Serie.

Die Geschichte der modernen Psychotherapie und die Anfänge des Kinos datieren in das Jahr 1895: In Wien publizierten Breuer und Freud ihre Studien zur Hysterie, und die Brüder Lumière veranstalteten zeitgleich in Paris die ersten öffentlichen Filmvorführungen. Da der Film immer schon ein avantgardistisches und visionäres Medium war, wundert es nicht, dass bereits um 1900 die ersten "Seelenbehandler" im Film zu sehen sind. Schätzungen zufolge gibt es mittlerweile weit über tausend Spielfilme zum Thema - und Psychotherapeuten finden sich heute sogar in der Zeichentrick-Serie "Die Simpsons" oder in der Serie "Monk". Zwei von den insgesamt drei Filmen, denen es gelang, alle fünf Oskars in den Hauptkategorien abzuräumen, handeln vom System der Psychiatrie oder zeigen Psychiater in der Hauptrolle - "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975) und "Das Schweigen der Lämmer"(1991). Das Bild des Psychologen und viele Schlüsselbegriffe der Psychoanalyse wurden so durch Hollywood populär gemacht. Wenn heute jeder Fünfzehnjährige weiß, was mit Verdrängung, Trauma oder dem Unbewussten gemeint ist, dann geht das auf das Konto des Filmes.

Sigmund Freud als Skeptiker

Dass sich das Kino extrem rasch verbreitete, sieht man auch daran, dass es in Wien um 1910 bereits an die hundert "Film-Theater" gab, wie man das Kino damals nannte. Viele Intellektuelle standen dem Film jedoch skeptisch gegenüber, und es gab medizinische, pädagogische und moralische Diskurse, die ihre Bedenken in Bezug auf die laufenden Bilder artikulierten. Moralisten redeten von "Kinorausch" und "Kinosucht". Pädagogen warnten, jugendliche Kinobesucher könnten auf dumme Ideen kommen und Film-Bösewichte nachahmen; Mediziner schrieben amtsärztliche Gutachten über die Gefährlichkeit der flimmernden Bilder für die Nerven.

Einer dieser Skeptiker war Sigmund Freud, der 1925 von Sam Goldwyn 100.000 Dollar geboten bekam, um als psychologischer Berater bei einem Liebesfilm mitzuwirken, was der Begründer der Tiefenpsychologie ablehnte, da er meinte, dass man die Abstraktionen der Psychoanalyse nicht verfilmen könne. Wenig später geschah jedoch genau dies, und zum Ärger Freuds beteiligten sich sogar zwei seiner engsten Mitstreiter an diesem Projekt. In "Geheimnisse einer Seele" (1926), einem abendfüllenden Stummfilm über die psychoanalytische Redekur, fungierten Karl Abraham und Hans Sachs als psychologische Berater, was ihnen der Meister sehr übel nahm. Der Streifen war als volksbildnerischer Aufklärungsfilm angelegt: Im Vorspann und in einer verteilten Broschüre wurde erklärt, was Psychoanalyse ist. Doch das war erst der Anfang der Film-Eroberung durch Psychologen. Salopp kann man sagen, dass in Europa die moderne Psychotherapie erfunden wurde, diese Erfindung in den USA auf fruchtbaren Boden viel und durch die amerikanische Filmhegemonie das Bild des Psychotherapeuten in die ganze Welt gesendet wurde .

Zur Verbreitung und massenmedialen Rezeption des Therapeuten hat Alfred Hitchcock durch eine Reihe von Filmen beigetragen. "Spellbound" (1945), sein wichtigster psychoanalytischer Film mit Ingrid Bergman und Gregory Peck in den Hauptrollen, handelt von einer psychoanalytischen Spezialklinik, in der ausführlich über Behandlungstechnik und psychische Störungen diskutiert wird. In Hollywood war es in den 1940er-Jahren schick, in Psychotherapie zu gehen. Viele Filmproduzenten waren selbst in Behandlung und konnten auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. In "Marnie"(1964), ein weiterer Film des "Master of Suspense", spielt Sean Connery einen Hobby-Psychoanalytiker, der durch tiefenpsychologisches Laienwissen die Kleptomanie und Frigidität seiner Frau erklärt und heilt. 1964 musste man einem breiten Publikum nicht mehr erklären, was Psychotherapie ist, da sich "Seelenklempner" im Film und psychologische Erklärungen für rätselhafte Verhaltensweisen schon längst etabliert hatten.

Kritik an Psycho-Autoritäten

Nach einem kurzen Höhepunkt, dem goldenen Zeitalter der Psychotherapie-Darstellung Ende der 1950er-und Anfang der 1960er-Jahre, in der Leinwand-Therapeuten vorwiegend als Seelenkenner, gute Heiler und wahre Humanisten gezeigt wurden, kommt es in den 1970er-Jahren zur Kritik an Psychiatrie und Psychotherapie im Film: Psychiater werden jetzt als böse Wissenschaftler dargestellt, die Patienten unterdrücken und Vollstrecker einer repressiven Gesellschaftsordnung sind.

Es ist die Zeit der 68er-Bewegung, mit ihrem Generalverdacht gegenüber Autoritäten und die Zeit der Antipsychiatrie-Bewegung. Der französische Philosoph Michel Foucault und der englische Psychiater Roland D. Laing erkannten psychische Störungen als Produkt gesellschaftlicher und familiärer Machtverhältnisse. Der amerikanische Psychiater Thomas Szasz charakterisierte psychische Erkrankungen gänzlich als Mythos, dessen Hauptzweck darin bestehe, in der Abgrenzung von Normalität und Verrückt-Sein gesellschaftliche Konformität zu erzwingen. Und der Soziologe Erving Goffman beschrieb die institutionellen Mechanismen als "totale Institution", zu der zweifelsfrei auch psychiatrische Anstalten gehörten.

Diese Überlegungen fanden nicht nur Eingang in den Film, sondern ihre praktische Entsprechung in der von Franco Basaglia initiierten Italienischen Psychiatriereform. "Kopfstand"(1981), Österreichs leicht verspäteter Beitrag zum Antipsychiatrie-Film, ist Basaglia gewidmet: Der Film liebäugelt mit dessen Idee der Therapeutischen Gemeinschaft und verweist auf eine nicht-autoritäre Konzeption der Psychiatrie. Spätestens mit "Einer flog über das Kuckucksnest" (1975), der fünf Oskars gewann und der größte finanzielle Erfolg war, den die Produktionsfirma "United Artists" bis dahin hatte, ist die antipsychiatrische Kritik zu einem cineastischen Topos geworden, der für das negative Image der Psychiatrie mitverantwortlich zeichnet.

Ab den 1980er-Jahren werden Therapeuten im Film wieder positiver gezeichnet: Neben dem guten Heiler und wahren Seelenkenner (Dr. Wonderful), dem bösen, Patienten ausbeutenden und manipulierenden Psychiater (Dr. Evil), dem schrulligen und komischen Schrink (Dr. Dippy), der teils durchgeknallter als seine Patienten ist, oder dem lüsternen Therapeuten, der seine Patienten in amouröse Affären verstrickt (Dr. Horny), finden sich viele weitere Typen sowie Patienten mit Störungen aller Art. Ergänzend zum Kinofilm gibt es heute auch zahlreiche Serien, in denen Psychotherapeuten dargestellt werden und damit das Bild des "Seelendoktors" ins Wohnzimmer liefern.

Therapie für die Simpsons

"Die Simpsons", die erfolgreichste Zeichentrick-Serie aller Zeiten, die seit 1989 läuft und inzwischen über 580 Folgen verzeichnet, schildert das Leben der gleichnamigen amerikanischen Mittelschichtsfamilie. Trotz offensichtlicher Lebensfreude haben alle Simpsons immer wieder mit seelischen Problemen zu kämpfen. Homer betreibt Alkoholmissbrauch, leidet an einer Impulskontrollstörung und hat Essattacken. Marge verfällt immer wieder der Spiel-und Trunksucht, hat Flugangst und durchlebt Lebenskrisen, an denen nicht selten ihr Mann Homer schuld ist. Bart leidet am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom und Lisa kämpft mit depressiven Verstimmungen. Kein Wunder, dass da Psychotherapeuten auf den Plan treten. Neben dem üblen Dr. Marvin Monroe, einem gebürtigen Wiener, der mehr zerstört als heilt, gibt es bei den Simpsons auch die brillante Dr. Zweig, die Marge von ihrer Flugangst kuriert.

Dass heute bereits Zeichentrickfiguren therapeutische Hilfe brauchen, bestätigt, dass der Film stark zum Siegeszug der Psycho-Disziplinen und zur fast uneingeschränkten Interpretationsmacht - fast möchte man sagen zum religionsersatzhaften Charakter -der Psychologie im 20. und 21. Jahrhundert beigetragen hat.

| Der Autor ist Philosoph, Psychotherapeut und Dozent an der Sigmund Freud Privat Univ. Wien |

Seelenkenner, Psychoschurken. Psychotherapeuten und Psychiater in Film und Serie. Von Martin Poltrum, Bernd Rieken (Hrsg.). Springer Verlag, 2017.436 Seiten, geb., € 41,11

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