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Feuilleton

Psycho-Eintopf statt Politikermenü

1945 1960 1980 2000 2020

Statt auf Sachthemen und Konzepte setzt Präsidentschaftskandidatin Gertraud Knoll auf den Trend zur neuen "Gefühligkeit" in der Politik (siehe S. 1).

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Statt auf Sachthemen und Konzepte setzt Präsidentschaftskandidatin Gertraud Knoll auf den Trend zur neuen "Gefühligkeit" in der Politik (siehe S. 1).

Mit der Feststellung, sie "kenne das Weinen und Lachen der Menschen" hat Gertraud Knoll den hierzulande bislang noch wenig vertretenen Stil des politischen Emotionalismus eingeleitet. Unter kräftigem Beifall mancher Medien etabliert sich, was in der heimischen Politszene bisher Rarität war - ein Trend, bei dem Kanzler Viktor Klima bestenfalls Anfängerstatus attestiert werden kann, der in Bill Clinton und Tony Blair aber längst seine Meister gefunden hat: Die Kunst der emotionalen Politik. Keine Politansprache ohne psychologisch-therapeutischen Unterton von "Mitgefühl" und "Betroffenheit", getragen von der permanenten Bereitschaft, die Ängste und Sorgen der Bevölkerung auch wirklich "ernst" zu nehmen. Die Sorge-Mitfühl-Hand immer in Richtung Wähler ausgestreckt wird triefende Sprache und der besorgte Schleierblick zunehmend zum politischen Kapital. Offenheit, Toleranz, Dialog, Wärme, Konsens sind die zentralen Vokabeln des zeitgeistig politisch-korrekten Psychogelabers.

Den Aufstieg dieser Art von Gefühlspolitik hat der Soziologe Frank Furedi kürzlich in der Wochenzeitung "Die Zeit" analysiert. Er stellt fest, daß Politiker im angelsächsischen Raum vor allem seit Dianas Beerdigung bei öffentlichen Auftritten quasi präventiv auf mögliche Vorhaltungen reagieren, von Wählern als kalt und ohne Mitgefühl eingeschätzt zu werden. In der Folge wird die neue Seelenlage des Politischen vom Idiom der emotionalen Psychologie geradezu beherrscht. Wann immer Premierminister Tony Blair seine Labour-Delegierten mit seiner gefühlsbetonten Rede salbt, ertönt wenige Tage später unter dem Beifall der Medien das Echo aus dem Munde des Tory-Führers Hague. Der versichert dann, auch die Konservativen seien "mitfühlend" und "tolerant". Selbst Königin Elisabeth konnte - wenngleich mit Verspätung - zur Kenntnis nehmen, daß das Publikum den schätzt, der sich öffentlich-medial empfindsam zeigt.

Wie Furedi schreibt, war Gefühlspolitik mittels zelebrierter Empfindsamkeit schon beim letzten Präsidentschaftswahlkampf in Irland von großer Bedeutung. Mary McAleese, die spätere Siegerin, etwa versprach dem Wählervolk eine "Präsidentschaft der Umarmung" und der "fürsorgenden Hand". Und - die Parallelen zur Kandidatur Knolls sind eklatant - Mary Banoti, eine weitere Kandidatin, umging bohrende Fragen permanent mittels der Technik, "Schubladendenken" abzulehnen und darauf zu beharren, daß ihre Ansichten eben rein persönlich seien.

Je häufiger Frau Knoll indessen in Medien präsent ist, desto mehr wird sichtbar, daß sie exakt jenem Anforderungsprofil entspricht, welches ihr PR-Profis ganz im Sinne des oben beschriebenen Trends zurechtschneidern. Wie dieser neue Polit-Stil aussieht, hat Frau Knoll kürzlich in einem Gespräch mit der Furche vom 4. März und dem Standard vom 6. März aufgezeigt. Das Interview ist ein Dokument für die Stehsätze der neuen Gefühlspolitik. Es zeigt, daß sie die Rolle des politisch korrekten Gutmenschen und des "Mehr-Wärme-in-die-Politik" überzeugend zum besten zu geben weiß. Eine einfache Inhaltsanalyse der zentralen Interviewaussagen beispielsweise im Standard läßt keine Zweifel offen: Sie sei eine Frau, die wisse, was die Menschen bewege und die ihre Ängste ernst nehme. Diese Aussage wird nicht weniger als achtmal (!) sinngemäß wiederholt, dagegen sucht man sachpolitische Aussagen vergeblich. Das Gespräch ist durchtränkt von den Begriffen "Angst" (7x), "Hoffnung" (3x), "Mut" (3x). Sechsmal urgiert sie die Aufgabe der Politik, die Ängste, Hoffnungen und Sorgen der Menschen ernstzunehmen. Man hat das Gefühl, die Kandidatin sei im Begriff, die ganze Nation auf die Psychotherapeutencouch zu legen, wenn sie die Aufgabe des Bundespräsidenten unter anderem so beschreibt: "Wir müssen schauen, daß der Mensch mit der Welt nicht nur zurechtkommt, sondern daß er das Gefühl hat, die Welt ist etwas Wunderbares." Das klingt fast so, als wolle die Präsidentschaftskandidatin dem Wähler zuerst ihren salbungsvollen "Angst-nehm-Sermon" einsäuseln, um ihm anschließend eine Art präsidial verordneter, kollektiver Massen-Logotherapie zu verabreichen.

Spätestens nach dem eben zitierten Knoll-Interview erscheinen die Befürchtungen des Soziologen Frank Furedi plausibel, wenn er meint, die gegenwärtig zu verzeichnende Überhöhung des Gefühls zu Lasten des Intellekts habe möglicherweise böse, nämlich antidemokratische Konsequenzen. Und er bezeichnet es als puren Mythos, daß die "Heiligkeit des Mitfühlens" rein sei von politischer Manipulation: Wenn sich schon die Politik unsere privaten Gefühle zum Thema öffentlicher Erörterung macht, dann ist es - so Furedi - nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Politiker kommt, der sich die Freiheit nimmt, uns vorzuschreiben, wie wir fühlen sollen. Politisch verordnete Wohlfühl-Zwänge als Endstation der Gefühligkeitspolitik?

Die Glaubwürdigkeit der neuen politischen Einfühlsamkeit ist schließlich an deren Vertreterin selbst zu überprüfen. Was sagt die Teilnahme an abgehobenen Medienauftritten oder ein Engagement beim Lichtermeer gegen Ausländerfeindlichkeit schon aus über die tatsächliche Fähigkeit zur Umsetzung humaner Politziele? Oder: Welcher Art ist das vielzitierte Signal der Kandidatin mit zwei Kleinkindern und einem fünf Monate alten Säugling an die Frauen? Ist es tatsächlich das Signal der Wärme, der gelassenen Einfühlsamkeit oder das Signal der kalten Selbstverwirklichung unter dem Motto des "anythings goes"?

Der Autor ist Kinderpsychologe, Psychotherapeut und gerichtlich beeideter Sachverständiger.

Mit der Feststellung, sie "kenne das Weinen und Lachen der Menschen" hat Gertraud Knoll den hierzulande bislang noch wenig vertretenen Stil des politischen Emotionalismus eingeleitet. Unter kräftigem Beifall mancher Medien etabliert sich, was in der heimischen Politszene bisher Rarität war - ein Trend, bei dem Kanzler Viktor Klima bestenfalls Anfängerstatus attestiert werden kann, der in Bill Clinton und Tony Blair aber längst seine Meister gefunden hat: Die Kunst der emotionalen Politik. Keine Politansprache ohne psychologisch-therapeutischen Unterton von "Mitgefühl" und "Betroffenheit", getragen von der permanenten Bereitschaft, die Ängste und Sorgen der Bevölkerung auch wirklich "ernst" zu nehmen. Die Sorge-Mitfühl-Hand immer in Richtung Wähler ausgestreckt wird triefende Sprache und der besorgte Schleierblick zunehmend zum politischen Kapital. Offenheit, Toleranz, Dialog, Wärme, Konsens sind die zentralen Vokabeln des zeitgeistig politisch-korrekten Psychogelabers.

Den Aufstieg dieser Art von Gefühlspolitik hat der Soziologe Frank Furedi kürzlich in der Wochenzeitung "Die Zeit" analysiert. Er stellt fest, daß Politiker im angelsächsischen Raum vor allem seit Dianas Beerdigung bei öffentlichen Auftritten quasi präventiv auf mögliche Vorhaltungen reagieren, von Wählern als kalt und ohne Mitgefühl eingeschätzt zu werden. In der Folge wird die neue Seelenlage des Politischen vom Idiom der emotionalen Psychologie geradezu beherrscht. Wann immer Premierminister Tony Blair seine Labour-Delegierten mit seiner gefühlsbetonten Rede salbt, ertönt wenige Tage später unter dem Beifall der Medien das Echo aus dem Munde des Tory-Führers Hague. Der versichert dann, auch die Konservativen seien "mitfühlend" und "tolerant". Selbst Königin Elisabeth konnte - wenngleich mit Verspätung - zur Kenntnis nehmen, daß das Publikum den schätzt, der sich öffentlich-medial empfindsam zeigt.

Wie Furedi schreibt, war Gefühlspolitik mittels zelebrierter Empfindsamkeit schon beim letzten Präsidentschaftswahlkampf in Irland von großer Bedeutung. Mary McAleese, die spätere Siegerin, etwa versprach dem Wählervolk eine "Präsidentschaft der Umarmung" und der "fürsorgenden Hand". Und - die Parallelen zur Kandidatur Knolls sind eklatant - Mary Banoti, eine weitere Kandidatin, umging bohrende Fragen permanent mittels der Technik, "Schubladendenken" abzulehnen und darauf zu beharren, daß ihre Ansichten eben rein persönlich seien.

Je häufiger Frau Knoll indessen in Medien präsent ist, desto mehr wird sichtbar, daß sie exakt jenem Anforderungsprofil entspricht, welches ihr PR-Profis ganz im Sinne des oben beschriebenen Trends zurechtschneidern. Wie dieser neue Polit-Stil aussieht, hat Frau Knoll kürzlich in einem Gespräch mit der Furche vom 4. März und dem Standard vom 6. März aufgezeigt. Das Interview ist ein Dokument für die Stehsätze der neuen Gefühlspolitik. Es zeigt, daß sie die Rolle des politisch korrekten Gutmenschen und des "Mehr-Wärme-in-die-Politik" überzeugend zum besten zu geben weiß. Eine einfache Inhaltsanalyse der zentralen Interviewaussagen beispielsweise im Standard läßt keine Zweifel offen: Sie sei eine Frau, die wisse, was die Menschen bewege und die ihre Ängste ernst nehme. Diese Aussage wird nicht weniger als achtmal (!) sinngemäß wiederholt, dagegen sucht man sachpolitische Aussagen vergeblich. Das Gespräch ist durchtränkt von den Begriffen "Angst" (7x), "Hoffnung" (3x), "Mut" (3x). Sechsmal urgiert sie die Aufgabe der Politik, die Ängste, Hoffnungen und Sorgen der Menschen ernstzunehmen. Man hat das Gefühl, die Kandidatin sei im Begriff, die ganze Nation auf die Psychotherapeutencouch zu legen, wenn sie die Aufgabe des Bundespräsidenten unter anderem so beschreibt: "Wir müssen schauen, daß der Mensch mit der Welt nicht nur zurechtkommt, sondern daß er das Gefühl hat, die Welt ist etwas Wunderbares." Das klingt fast so, als wolle die Präsidentschaftskandidatin dem Wähler zuerst ihren salbungsvollen "Angst-nehm-Sermon" einsäuseln, um ihm anschließend eine Art präsidial verordneter, kollektiver Massen-Logotherapie zu verabreichen.

Spätestens nach dem eben zitierten Knoll-Interview erscheinen die Befürchtungen des Soziologen Frank Furedi plausibel, wenn er meint, die gegenwärtig zu verzeichnende Überhöhung des Gefühls zu Lasten des Intellekts habe möglicherweise böse, nämlich antidemokratische Konsequenzen. Und er bezeichnet es als puren Mythos, daß die "Heiligkeit des Mitfühlens" rein sei von politischer Manipulation: Wenn sich schon die Politik unsere privaten Gefühle zum Thema öffentlicher Erörterung macht, dann ist es - so Furedi - nur noch eine Frage der Zeit, bis ein Politiker kommt, der sich die Freiheit nimmt, uns vorzuschreiben, wie wir fühlen sollen. Politisch verordnete Wohlfühl-Zwänge als Endstation der Gefühligkeitspolitik?

Die Glaubwürdigkeit der neuen politischen Einfühlsamkeit ist schließlich an deren Vertreterin selbst zu überprüfen. Was sagt die Teilnahme an abgehobenen Medienauftritten oder ein Engagement beim Lichtermeer gegen Ausländerfeindlichkeit schon aus über die tatsächliche Fähigkeit zur Umsetzung humaner Politziele? Oder: Welcher Art ist das vielzitierte Signal der Kandidatin mit zwei Kleinkindern und einem fünf Monate alten Säugling an die Frauen? Ist es tatsächlich das Signal der Wärme, der gelassenen Einfühlsamkeit oder das Signal der kalten Selbstverwirklichung unter dem Motto des "anythings goes"?

Der Autor ist Kinderpsychologe, Psychotherapeut und gerichtlich beeideter Sachverständiger.