Digital In Arbeit

Psychoboom und kein Ende und kein Ende

Freuds Werk wurde immer wieder in diesem Jahrhundert heftig kritisiert und ebenso leidenschaftlich zitiert und geschätzt. Es gibt kaum einen Autor in diesem Jahrhundert, der eine solche Breitenwirkung entfalten konnte und für viele ein wesentlicher Aufklärer unserer Zeit ist. Viele der von ihm geprägten Begriffe sind in unsere Sprache eingegangen und beinahe Alltagsbegriffe, wie etwa Ich, Es, Überich oder auch Ödipuskomplex. Seine Ansichten über die kindliche Sexualität werden heute weltweit an vielen Universitäten den Pädagogen und Psychologen vermittelt.

Zugleich hat sein Werk aber immer wieder Kritiker auf den Plan gerufen, die seine Erkenntnisse ablehnten, als wissenschaftlich unbedeutend oder falsch erklärten. Auch jenseits der Fachpresse zeichnen sich Magazine durch die regelmäßige Einsargung der Erkenntnisse von Freud aus, so etwa das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", welches etwa einmal im Jahr neue Autoren zitiert, die Freud zu widerlegen scheinen - keine schlechte Bilanz für ein 100 Jahre altes Werk!

Was aber ist dran an der Kritik? Tatsächlich gibt es einzelne Teile seines Werkes, die aus heutiger Sicht zu ergänzen oder auch neu zu sehen sind. Freud war übrigens stets darauf bedacht, vorsichtige Hypothesen zu formulieren und immer wieder bereit, neue Einsichten in sein Werk zu integrieren. So weit so gut, möchte man nun sagen, wo liegt das Problem?

Einerseits liegt es sicherlich in der oft mit mangelhafter Sachkenntnis ausgestatteten Kritikergesellschaft, andererseits aber auch an vielen Freud-Epigonen, die keinen Kratzer an der Weste des großen Meisters dulden und für die Sigmund Freud eine Art Ersatzgott geworden ist, dem zu huldigen sich der auszeichnet, der am nächsten in seiner Werkinterpretation den Willen des Meisters zu entsprechen scheint. Diese Verehrung des Meisters führt manchmal auch zu einer splendid isolation von Freud-Jüngern, die oft nur mehr mit Denkgleichen verkehren können.

Dieses Schicksal teilt Freud im übrigen mit vielen Großen der Geistesgeschichte, mit denen er auch eines gemeinsam hat: die Redundanz seiner Aussagen in vielen Bereichen, die vielen unterschiedlichen Interpreten rechtzugeben vermögen. Daher berufen sich viele auf Freud, wenn sie ihre je unterschiedlichen Meinungen durchbringen möchten.

Was aber bleibt von Freud? Zweifelsohne kann Freud als Vater der Psychotherapiebewegung angesehen werden. Obwohl seine psychotherapeutische Gemeinde, die der Psychoanalytiker im Gesamt der Psychotherapieszene mittlerweile eine bescheidene Rolle (nicht zuletzt wegen der besonders aufwendigen Ausbildung) spielt, so sind seine Gedanken doch in viele psychotherapeutische Richtungen eingedrungen, wie etwa der Klientenzentrierten Psychotherapie, der Gestalttherapie, der Transaktionsanalyse, um nur einige zu nennen.

Um Freud kommen auch die anderen Therapieschulen nicht herum, sie müssen sich an seinen Konzepten messen können. So ist etwa das Konzept, daß alle Psychotherapeuten sich einer eigenen Behandlung unterziehen müssen, bevor sie zur Behandlung anderer befugt sind, ein ursprünglich freudianisches Konzept. Dies wird heute von keiner ernsthaften Psychotherapieschule mehr bezweifelt. Auch die Organisation einer psychotherapeutischen Praxis mit Stundenintervallen ist auf Freud zurückzuführen, wie so manche technische Anweisungen in der psychotherapeutischen Behandlung.

Die große Kränkung Das Persönlichkeitsmodell Freuds mit seinen Instanzen und seiner grundlegenden Triebstruktur wird zwar heute zunehmend diskutiert, ist aber doch nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in der Pädagogik nicht mehr wegzudenken. In der Pädagogik hat Freud vielleicht mehr Bedeutung als in allen anderen Bereichen erlangt. Die Betonung der spezifischen seelischen Entwicklung im Kindesalter hat zu einer Revolution in der modernen Pädagogik geführt.

Die Unsicherheiten sind naturgemäß daher ebenso hoch, denn Freud hat keine Gebrauchsanweisung geschrieben, sondern Instrumente zum Verstehen bereitgestellt, was vielen ungeschulten Pädagogen nicht immer eine Hilfe ist. Aber wer würde heute noch abstreiten wollen, daß der frühen Mutter-Kind-Beziehung eine entscheidende Rolle in der Entwicklung der Persönlichkeit zukommt. Wer leugnet heute noch das Vorhandensein einer kindlichen Sexualität? Wer vermag nicht zu beobachten, daß die Geschlechterdifferenzierung ganz entscheidend vom Umgang des Vaters und der Mutter mit dem Kinde abhängen?

Freud hat den modernen Menschen auch stark gekränkt, als er meinte, das "Ich sei nicht Herr im eigenen Haus". Er zeigte, wie sehr uns unbewußte Kräfte in die eine oder andere Richtung drängen und wie schwer der Intellekt die Leitungsfunktion aufrechterhalten kann, denken wir beispielsweise an die grauenhafte Geschichte der Kriege in diesem Jahrhundert. Unter dem Mantel der Rationalität werden ständig Bestialitäten begangen, unsere Umwelt verseucht und den Menschen ständig Schaden zugefügt. Freud war in vielem eher kulturpessimistisch eingestellt und dennoch schreibt er über das Ziel seiner Methode, der Psychoanalyse sinngemäß, sie vermag neurotisches Elend in normales zu verwandeln, und an anderer Stelle, das Ziel der psychoanalytischen Kur ist die Wieder-Herstellung von Arbeits- und Liebesfähigkeit. Mögen seine emtapsychologischen Theorien über die Libido und die Destrudo auch angegriffen werden, mögen heute bessere Metatheorien teilweise zur Verfügung stehen, Freud hat die Grundlage geschaffen. Ihn zu studieren ist gerade 100 Jahre später noch immer eine tiefe Bereicherung und Erfahrung.

Der Autor ist Präsident des Österreichischen-, Europäischen- und Weltverbandes für Psychotherapie.

Zum Dossier Wie aktuell ist Sigmund Freud heute noch? Freud-Jünger dulden auch 100 Jahre später keinen Kratzer an der Weste des Meisters der Psyche. Doch reicht es, in die dunklen Kammern der Kindheit hinabzusteigen, um sein Seelenheil zu finden? So mancher Forscher zweifelt bereits an der Sinnhaftigkeit solchen Tuns.

Zum Thema 100 Jahre Traumdeutung Im Jahre 1899 publizierte Sigmund Freud eines seiner Hauptwerke, die "Traumdeutung". Damit wollte er nachweisen, daß in den Trauminhalten verborgener Sinn steckt, der zumindest teilweise unser Verhalten und Erleben erklären kann. Im Gegensatz aber zu den vielen Traum-Interpretationsschulen, die bis in die Antike zurückreichen, postulierte er mit seiner psychoanalytischen Trauminterpretation eine neue Lehre von der Seele auf einer wissenschaftlichen Grundlage.

Das Wesentliche an der "Traumdeutung" war aber, daß Freud eine seelische Bedeutungsstruktur hinter dem scheinbar Sinnlosen entdeckt hatte. Und dieser Entdeckung folgt er in seinem gesamten Werk, sei es nun bei der Erforschung psychopathologischer Phänomene, etwa Hysterie, Zwänge und Depression, sei es bei seiner Interpretation künstlerischer Werke wie etwa der Mann Moses von Michelangelo, oder seien es seine Analysen gesellschaftlicher Gruppierungen wie die Kirche oder das Militär. Immer sucht er nach dem dahinterliegenden Bedeutungsgehalt des offensichtlich Kommunizierten. Alfred Pritz

FURCHE-Navigator Vorschau