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Feuilleton

Rache, Religion und Familie

1945 1960 1980 2000 2020
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Cocote" ist ein kreolisches Wort, das man nur in der Dominikanischen Republik verwendet. Es bedeutet "Hals" eines Tieres und mit ihm assoziiert man eine gewalttätige Handlung, zum Beispiel ein Tier -oder jemanden -am Nacken zu packen und den Kopf abzutrennen. Ungefähr so ist Albertos Vater zu Tode gekommen. Durch die Hände eines berüchtigten Dorfkriminellen (Pepe Sierra).

Alberto (Vicente Santos) erfährt davon an seinem Arbeitsplatz als Gärtner eines reichen Anwesens in Santo Domingo. Er reist, in der Hoffnung, seinen Vater beerdigen zu können, in seine Heimatstadt zurück. Dort jedoch erwarten ihn seine Schwestern Patria (Yuberbi de la Rosa) und Karina (Judith Rodriguez Perez) mit der Bedingung, dass Alberto an den Neun-Nächte-Ritualen teilnimmt, eine heilige Trauertradition, die sich im synkretischen Katholizismus des Süden des Landes mit Glaubenselementen der westafrikanischen Diaspora entwickelt hat.

Alberto will nicht. Er ist Konvertit, hat sich dem evangelikalen Protestantismus angeschlossen, der in den USA, in Brasilien und in der Karibik immer stärkeren Zulauf erhält. Ein mehrtägiges Leichenfest ist für ihn reiner Aberglaube, ein großer Konfliktpunkt also zwischen den Geschwistern. Fast noch schwerer aber wiegt auf Alberto die Vendetta, die ihm seine Schwestern dazu noch auferlegen: Er soll den Vater rächen, koste es, was es wolle. Alberto will auch das nicht -und wird sich dennoch fügen.

Der innere Kampf, den Alberto ficht, stellt unter dem klassischen Bogen einer Racheerzählung die stärkste narrative Komponente in de Los Santos Arias' Film dar; doch auch der innerreligiöse Konflikt mit seiner Familie und den Bewohnern seiner Heimatstadt interessieren de Los Santos Arias; vor allem auch die Brüche in einer heterogenen Gesellschaft und mögliche Reaktionen auf ungleiche Machtverhältnisse.

Eine perspektivische Rundschau

So ist es weder Schaulust noch die Bestätigung unseres "aufgeklärten" (europäischen) Blicks, die der Regisseur im Sinn hat, wenn er in "Cocote" archaische Zeremonien ins Bild setzt. In formaler Diversität bildet der Film eine Sprache für sich, und zwar eine möglichst unkonnotierte.

Dafür mischt er Video und Film, Archivaufnahmen und dokumentarische Sequenzen und wechselt zwischen den Formaten sowie Schwarzweiß oder Farbe. Diese kompositorische Strategie ist in "Cocote" keinesfalls erratisch, sondern unterstützt die Perspektiven zwischen Innensicht, Beobachtung und Subjektivität.

Mit dieser anarchischen Herangehensweise hat sich der 33-jährige Regisseur bereits eine Signatur erarbeitet. Er stellt sich damit außerdem in die Tradition kolonialisierter Völker, zur Abgrenzung und Identitätsstiftung (zumindest) linguistisch gegen ihre Herrscher aufzubegehren. De Los Santos Arias deklariert seine Sympathien ganz klar. So wie sprachliche Akkumulation, Wiederholung und Singularität in einer speziellen Gemeinschaft moralischen Konsens erzeugen, macht "Cocote" diesen Vorgang sowie die damit verbundenen Bruchstellen in einer heterogenen Gesellschaft sichtbar.

Alberto verkörpert die assimilatorische Entwicklung. Konsequenterweise entzieht De Los Santos Arias ihm immer wieder die subjektive Perspektive, die in "Cocote" zu jeder Zeit mit Albertos jeweiliger sozialer Stellung zusammenhängt. Die letzte Szene gestaltet er als 360-Grad-single-shot, in dem Innen und Außen zusammenfallen, sowohl örtlich als auch perspektivisch. Die Geschichte: eine Rundschau. Wir sehen Alberto im Schlussbild nur aus der Vogelperspektive, nicht als Bürger erkennbar. Sondern lediglich als kleines Element in einem Garten, aus dem er jederzeit geworfen werden mag.

Cocote ARG/D/Qatar/Domin. Rep. 2017. Regie: Nelson Carlo de Los Santos Arias. Mit: Vicente Santos, Yuberbi de la Rosa. Filmgarten. 106 Min.

Auf dem Heimweg

Alberto kehrt zur Beerdigung seines Vaters in seine Heimat zurück -und damit auch zu Traditionen und Glaubensvorstellungen, denen er abgeschworen hatte.