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Feuilleton

Radikale Skepsis gegenüber seinem Werk

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 25 Jahren, am 22. Dezember 1989, starb der Schriftsteller Samuel Beckett in Paris. In den Briefen, die er von 1941 bis 1956 schrieb, diskutiert er leidenschaftlich ästhetische Positionen der Kunst und erweist sich als genauer und sensibler Beobachter der Natur.

1945 1960 1980 2000 2020

Vor 25 Jahren, am 22. Dezember 1989, starb der Schriftsteller Samuel Beckett in Paris. In den Briefen, die er von 1941 bis 1956 schrieb, diskutiert er leidenschaftlich ästhetische Positionen der Kunst und erweist sich als genauer und sensibler Beobachter der Natur.

Kaum ein anderer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts hat das Scheitern so propagiert wie Samuel Beckett. "Wieder scheitern. Besser scheitern", heißt es in seinem Text "Worstward Ho" ("Aufs Schlimmste zu"). Die Personen seiner Romane und Theaterstücke - Wladimir, Estragon, Hamm, Clov, Molloy oder Malone vegetieren nur mehr als Restposten menschlichen Existierens in Tonnen und vertreiben sich ihren Lebensekel mit von Kalauern durchsetzten Dialogen, einem sinnentleerten Aktionismus und einem Warten auf eine unbestimmte Gestalt namens Godot, die freilich niemals kommt. Diese Defizienz wird häufig auf Beckett selbst übertragen, was auf den ersten Blick plausibel erscheint. In zahlreichen Äußerungen und Briefen beklagte er sich über seine Unproduktivität, seine Müdigkeit, den Abscheu vor dem Literaturbetrieb und über die Unmöglichkeit, weiter zu schreiben.

Etwas andere Facetten werden bei der Lektüre von Becketts Briefen sichtbar, von denen jetzt der 819 Seiten umfassende Band 2 vorliegt, mit dem Titel "Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß". Er umfasst den Zeitraum von 1941 bis 1956, in denen Beckett zahlreiche Briefe an Bekannte, Freunde, Schriftsteller, Verleger, Regisseure, Schauspieler und Übersetzer geschrieben hat; der Kontext des jeweiligen Briefwechsels wird dem Leser durch einen umfangreichen Anmerkungsapparat der Herausgeber erschlossen.

Die produktivsten Jahre

Der Band beginnt mit einigen Briefen, die nach Becketts Rückkehr nach Paris im Jahr 1944 entstanden sind; als Mitglied der Résistance musste er davor in den südfranzösischen Ort Roussillon flüchten, wo er sich als Landarbeiter betätigte und nach der Feldarbeit - "dem Stoppelgehopse" - an dem Roman "Watt" arbeitete. Nach einem Aufenthalt bei seiner Familie in Irland betätigte sich Beckett als Lagerverwalter, Dolmetscher und als Ambulanzfahrer des irischen Roten Kreuzes in der Stadt Saint-Lô, die gegen Ende des 2. Weltkriegs völlig zerstört wurde. Beckett erlebte sie als "Trümmerhaufen, als "Capitale des Ruines", für die er sich mit allen Kräften einsetzte. Beim Krankenhauspersonal war er sehr beliebt: Der Pathologe Jim Gaffney bezeichnete ihn "als sehr gewissenhaft in seiner Arbeit und enthusiastisch, was die Zukunft des Krankenhauses angeht".

Am 1. Januar 1946 beendete Beckett seine Arbeit in der Klinik und kehrte nach Paris zurück, das mit dem Vorkriegs-Paris wenig zu tun hatte. Auch der Schriftsteller selbst hatte sich verändert, die "sich in der Entscheidung für das Französische niederschlägt", wie die Herausgeber in ihrer Einführung erläutern. Die Jahre bis 1949 sind Becketts produktivste Jahre, - "eine Phase der Schreibwut" -in denen die umfangreichen Romane "Molloy", "Malone stirbt" und "Der Namenlose" entstanden; gemeinsam mit dem Theaterstück "Warten auf Godot", mit dem Beckett den internationalen Durchbruch erzielte. Die Briefe spiegeln Becketts selbstquälerische Auseinandersetzung mit seiner literarischen Produktion wider; vor allem im Briefwechsel mit dem Verleger und Kunstpublizisten Georges Duthuit werden ästhetische Positionen auf einem adäquaten literarischen Niveau leidenschaftlich diskutiert. Diese Briefe an Duthuit, der als Schwiegersohn von Henri Matisse mit Schriftstellern wie André Breton, Georges Bataille oder René Char und mit Malern der klassischen Moderne gut bekannt war, bilden das theoretische Schwergewicht der Nachkriegsbriefe.

Gedankenaustausch über Kunst

Hier findet sich ein intensiver Gedankenaustausch über die zeitgenössische Kunst, in dem Becketts ästhetisches Credo explizit zum Ausdruck kommt: "Nie wieder kann ich etwas anderes gelten lassen als den Akt ohne Hoffnung, der sich still in seine Verdammnis einfügt" und "ein Leben reicht nicht aus, sich an diese Erkenntnis zu gewöhnen". Auch der allmählich einsetzende Erfolg in der Spektakelgesellschaft des Kunstbetriebs änderte nichts an seiner radikalen Skepsis gegenüber seinem Werk; "Man braucht nicht mal die Ohren zu spitzen, um betäubt zu werden von der Lawine des eigenen Unvermögens in jedem Bruchteil eines Augenblicks, von seiner Zurschaustellung". Die Konsequenz sah dann so aus: "Eine gewaltige Müdigkeit plötzlich, das Verlangen nach Dunkelheit und dem schmalen Bett und das langsame Loslassen der Dinge". Auch der intensive Dialog mit Georges Duthuit verdüsterte sich: "Am Ende glaube ich, dass unsere Auffassungen von sehr verschiedener Natur sind", schrieb Beckett, "und, dass wir, wie durch eine Schattenzone voneinander getrennt, exiliert, der eine wie der andere, vergeblich auf einen Punkt zustolpern, an dem wir uns treffen können."

Ein sensibler Naturbeobachter

Eine Erbschaft versetzte Beckett in die Lage, ein kleines Haus in Ussy-sur-Marne in der weiteren Umgebung von Paris zu erwerben, wohin er sich zurückziehen konnte, um seinem "Bedürfnis nach tausend Jahre Schweigen" nachzukommen. In den Briefen taucht eine wenig bekannte Facette seiner Persönlichkeit auf - Beckett als genauer, sensibler Naturbeobachter: Er beobachtete einen riesigen Specht, der ihm eine absurde Freude bereitete und Rebhühner -"komische Vögel. Sie hüpfen, lauschen. Hüpfen, lauschen, scheinen nie zu fressen". Er fand bei der Betrachtung von Eintagsfliegen Parallelen zu seinem metaphysischen Pessimismus: "Sie flogen alle zur Marne, um von den Fischen gefressen zu werden, nachdem sie sich über dem Wasser geliebt hatten".

Um sich von seinen Nachtgedanken abzulenken, widmet er sich in "einer Orgie des Umgrabens" der Gartenarbeit. "Ich will nichts weiter als mich in diesem Rübenkaff vergraben, in der Erde wühlen, die Wolken anglotzen, notierte er. Dennoch verlor er nie die Lust am Komischen. So entdeckte Beckett bei der Lektüre von Heiratsannoncen folgende Anzeige, die ihn sehr amüsierte: "Schwarzes Schaf, vom Leben enttäuscht, sucht vom Pech verfolgten Sündenbock".

Ein wichtiges Hilfsmittel zur Weltschmerzbewältigung war noch der Whiskey, der half, das metaphysische Leiden heroisch zu ertragen: "Auf, ins Bett. Um nicht zu schlafen. Um die Nacht zu hören, die Stille, die Einsamkeit und die Toten. Noch ein Glas".

Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß

Briefe 1941-1956

Von Samuel Beckett, übersetzt von Chris Hirte, Suhrkamp 2014. 819 Seiten, gebunden, € 46,30