Rätselraten als intellektuelle Nummernrevue

Réne Polleschs Theaterstück „Fantasma“ mit Sophie Rois und Martin Wuttke in den Hauptrollen wurde im Wiener Akademietheater uraufgeführt.

Wenn die Parodie zur Parodie wird, stellt sich die Frage, was übrig bleibt. In René Polleschs neuestem Stück „Fantasma“ wird zitiert, montiert, parodiert bis zur Zuspitzung auf eine Frage, die lautet: „Warum haben eigentlich die kommunistischen Führungen Chinas und der Sowjetunion entschieden, den Kommunismus zu beenden und sich am Aufbau des Kapitalismus zu beteiligen?“ Diese Frage wird mit der privaten nach der Liebe verknüpft, nach ihrer Substanz, ihrem Beginn und Ende.

Pollesch-Schauspieler Martin Wuttke verweist in diesem Stück der puren Verweis-Situationen darauf, dass, „wenn sich Fleisch begegnet, eigentlich gar nichts passiert“. Begegnungen passieren nur in der Vorstellung, so wie auch allein in der Vorstellung die Finanzkrise stattfindet – oder doch nicht? – und die Theatervorstellung zum Gleichnis dafür herangezogen wird.

Gespenster- und Horrorfiguren

Polleschs Gesellschaftsdiagnose spinnt sich aus Zitaten zusammen: Boris Groys’ Kulturtheorie (formuliert in dessen „Kommunistischem Postskriptum“), Giorgio Agambens philosophischer Text „Kindheit und Geschichte“ (aus dem Pollesch Anleihe für seinen Titel genommen hat), Ernst Lubitschs Film „Madame Dubarry“ (1919) und nicht zuletzt „Die nackte Kanone 2“.

Der neue „Tatort“-Kommissar Martin Wuttke parodiert Frank Drebin (und sieht auch dabei aus wie Leslie Nielsen), dessen Geliebte Jane Spencer und vielleicht auch sich selbst als Kommissar. An seiner Seite ist die Pollesch-erfahrene Sophie Rois zu sehen, die präzise exaltiert ebenso als Frank Drebin, Madame Dubarry, Miss Marple oder wer auch immer über Bert Neumanns Geisterbahn-Bühne stakst.

Pollesch, Leiter der Spielstätte „Prater“ an der Berliner Volksbühne, bedient alle Bedeutungsebenen des Fantasma-Begriffs. Gespenster- und Horrorfiguren kurven über die Bühne und übertönen die Wiederholungsspiralen der Figuren, die bei Pollesch eigentlich gar keine sind, sondern nur Schatten unserer Geschichte. In diesem Gruselkabinett begegnet man hinter der Kulisse, die „Thriller“ ankündigt, einem Netz aus Medienzitaten. Madame Dubarrys expressionistisch entsetztes Antlitz mischt sich mit Rois’ Spiel und verfolgt Polleschs strenges Konzept der Selbstentlarvung und des Perspektivenwechsels. Seine Forderung – soweit eine erkennbar ist – ist jene zum Paradox.

Logische Handlungsstränge werden hier genauso negiert wie jegliche Erklärungsversuche (allerdings schafft das Programmheft Abhilfe). Das macht es selbst den Schauspielern schwer, dran zu bleiben, so dass die Souffleuse zu einem integralen Bestandteil dieses Sprachlabyrinths wird. Lässig lehnt sie an der Seite und gibt Martin Wuttke, Stefan Wieland oder Hermann Scheidleder das Stichwort.

Rätselraten um Filmszenen

Pollesch produziert Text- und Szenenpartituren aus bereits Parodiertem (schließlich ist „Die nackte Kanone 2“ nichts anderes als eine Genreparodie), wodurch die Komik nur mehr ihrem Selbstzweck dient und sich die Erkenntnis im Kreis dreht.

Was erzählt eine auf den Kopf gestellte Erzählperspektive? Bei Pollesch fährt sie Hochschaubahn, und das ist in jedem Fall höchst amüsant.

So wurde der Komödienmechaniker – der damit seine vierte Uraufführung in Wien präsentiert – wieder einmal bejubelt. Das Rätselraten um wiedererkannte Filmszenen oder eifrig studierte Kulturtheorien wird zur intellektuellen Nummernrevue. Und am Ende parodiert sich Sophie Rois selbst und liefert den krönenden Abschluss mit einem Song-Zitat der Marx-Brothers: „If it’s me, I’ll be in heaven, if it’s you …“

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