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Rebellen in der Soutane

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Die Furche-Herausgeber

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Nein, ich bin kein Rebell, "Ungehorsam“ ist meine Sache nicht. Gerade deshalb bewegt mich der "Aufruf zum Ungehorsam“, den mehr als 300 Pfarrer veröffentlicht haben. "Muss das sein?“, habe ich mich gefragt. Aber auch: "Können so viele erfahrene Seelsorger wirklich Revoluzzer sein?“

Natürlich hat Bischof Kapellari dreifach recht: Die Kirche ist ein "Riesentanker“, jedes Manöver braucht Zeit. Und: Gerade Priester sollen "in der Wahrheit leben“. Und: Die Kirche muss sich in einer "sehr pluralen“ Gesellschaft bewähren.

Aber ist dieser enorme Wendekreis des "Riesentankers Weltkirche“ auf Dauer wirklich ein taugliches Endlos-Argument, um es angesichts der erwähnten Pluralität den Laien, Priestern und auch Bischöfen so schwer zu machen, "in der Wahrheit“ und damit treu im Glauben zu leben? Wie viel Zeit bleibt der Kirche?

Warten auf ein global gültiges Wort

Zudem: Muss auf der Ebene der Weltkirche wirklich alles synchron gelöst werden - ungeachtet aller gesellschaftlichen, zeit- und kulturbedingten Unterschiede? Auch dann, wenn es gar nichts mit dem Glaubenskern zu tun hat?

Ich erinnere mich an die Zeit, in der jede Verletzung des Freitag-Fastengebots und jedes Frühstücksbrot vor dem Gang zur Kommunion unser Gewissen belastet hat. Nichts davon ist heute gültig.

Ich erinnere mich an die vom gläubigen Volk abgewendeten Altäre und an das Mädchenverbot unter Ministranten. Beides ist Geschichte - Gott sei Dank.

Wie viel an Gewissensnot aber liegt auch heute noch gerade über den Gewissenhaften, wie viel erzwungene Lüge über jenen, die doch nicht lügen wollen! Und wie sehr belastet und schwächt beides das Ansehen der Kirche!

Mehr denn je zeigt uns heute auch die Vielfalt christlicher Kirchen, was in einer Schwesterkirche verboten, in anderen aber erlaubt ist. Immer unter Berufung auf denselben Herrn.

Ich bin kein Kirchengeschichtler. Aber ich glaube zu wissen, dass es meist die Seelsorger an der Alltagsfront waren, die überfällige Reformen still umgesetzt haben - um nicht ewig auf das erlösende und global gültige Wort aus Rom warten zu müssen. Freilich ohne dabei das provokante Schockwort "Ungehorsam“ einzusetzen - ich hätte darauf verzichtet.

Für eine "Kirche von Morgen“

Ich weiß auch, wie viele Bischöfe längst erkannt haben - und es jenseits ihrer Amtszeit als Oberhirten und dem damit verbundenen hierarchischen Druck auch offen aussprechen -, wie "Kirche von Morgen“ unterwegs sein müsste. Denn: An der Sehnsucht nach jenem "Ruheplatz am Wasser“, den nur die Religion bieten kann, fehlt es selbst der jungen Generation nicht, die heute mit "Kirche“ bestürzend wenig anzufangen weiß.

Ich habe die "sieben Zeichen“ der mehr als 300 Pfarrer genau gelesen. Nichts davon verletzt unseren Glauben. Fast alles (Laien- und Frauenpriestertum ausgenommen) ist längst Praxis - und macht es vielen Christen erst möglich, ihren Glauben zu leben.

Religion muss Ansporn sein, aber auch lebbar. "Denn mein Joch ist sanft, meine Last ist leicht“ haben wir eben im Sonntags-Evangelium gehört.

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