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Feuilleton

Refugium für Kultur und Traditionen

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur aus österreichischer Perspektive beleuchtet die aktuelle Ausstellung im Wien Museum Galizien, sondern auch aus ukrainischem, polnischem und jüdischem Blickwinkel und macht so den Mythos Galizien und dessen Reichweite greifbar und lebendig.

1945 1960 1980 2000 2020

Nicht nur aus österreichischer Perspektive beleuchtet die aktuelle Ausstellung im Wien Museum Galizien, sondern auch aus ukrainischem, polnischem und jüdischem Blickwinkel und macht so den Mythos Galizien und dessen Reichweite greifbar und lebendig.

Galizien. Literarisch gebildete Österreicher denken dabei sofort an jenes ehemalige österreichische Kronland, das vor allem in den Werken von Joseph Roth, aber etwa auch in jenen von Leopold von Sacher-Masoch weiterlebt: Armenhaus der Monarchie, Kerngebiet des Ostjudentums und blutiges Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges, auf dem hunderttausende reale Soldaten ebenso wie Roths Leutnant Trotta im "Radetzkymarsch" ihr Leben verloren. Doch das Bild verblasst zunehmend. Heutzutage wird in Österreich mit dem Namen viel öfters die spanische Provinz Galicien in Verbindung gebracht, die durch den Wallfahrtsort Santiago de Compostela, dem Endpunkt des Jakobwegs, populär geworden ist.

Dem verblassenden "Mythos Galizien" versucht das Wien Museum in seiner gleichnamigen aktuellen Ausstellung neues Leben einzuhauchen. Mit gewohnter Akkuratesse bietet das Museum ein umfassendes Panorama der ehemaligen österreichischen Provinz von ihren Anfängen bis zu ihrem Verschwinden und ihrem Nachleben. Galizien und Lodomerien, wie das ethnisch äußerst vielfältige Kronland offiziell hieß, fiel 1772 infolge der Ersten Polnischen Teilung an Österreich und verblieb dort bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918. Heute liegt das Gebiet auf polnischem und ukrainischem Territorium. Das Spannende an der Schau ist, dass sie den Mythos Galizien nicht nur aus österreichischer Perspektive erzählt. Denn Galizien lebt auch im kollektiven Gedächtnis der Juden, Polen und Ukrainer fort - und das weitaus lebendiger als hierzulande.

"Mutter Israels"

In der jüdischen Welt gilt Galizien als "Mutter Israels". Beinahe die Hälfte der galizischen Bevölkerung war jüdisch, die typischen Stetln, in der die Juden unter sich lebten, prägten das Land. Dank des Toleranzpatents von 1781, die den Juden freie Religionsausübung zugestand, konnte sich ein breites Spektrum jüdischer Bewegungen entfalten: vom frommen Chassidismus des 19. Jahrhunderts bis hin zum Zionismus des 20. Jahrhunderts. Im Holocaust wurde diese Welt für immer zerstört, sie lebt aber in der Erinnerung der Nachfahren zahlreicher Auswanderer weiter. Noch heute leben orthodoxe Juden in Israel oder im New Yorker Stadtteil Brooklyn praktisch in galizischen Stetln.

Doch auch für die Polen spielt Galizien eine wichtige Rolle. Nachdem ihr Staat im Zuge der drei Polnischen Teilungen für 120 Jahre von der Landkarte verschwunden war, wurde Krakau zu einem Refugium der polnischen Kultur und Tradition, wodurch Galizien eine Schlüsselrolle für das Wiedererstehen Polens im Jahr 1918 zukam. Im Kalten Krieg wurde Galizien als Symbol der polnischen Identität und Gegenentwurf zur uniformierenden kommunistischen Herrschaft wiederentdeckt.

In der Ukraine wiederum wird Galizien als eine der Wurzeln des ukrainischen Nationalbewusstseins gesehen. Auch den Ukrainern, damals als Ruthenen bezeichnet, wurden unter österreichischer Herrschaft kulturelle Freiräume zugestanden, die dann zur Entwicklung der ukrainischen Nation wesentlich beitrugen. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 sind diese historischen Bezüge Argumente für die Zugehörigkeit des Landes zu Europa und spielen daher auch im aktuellen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland eine nicht unbedeutende Rolle.

Die Ausstellung zeigt jedoch auch unerwartete Aspekte auf. So war Galizien nicht nur rückständige Provinz, sondern beherbergte auch Urbanität und Modernität: die Hauptstadt Lemberg, das heutige Lviv, war nach Wien, Budapest und Prag die viertgrößte Stadt der Donaumonarchie - eine moderne Metropole, mit Kaffeehäusern, Theatern, der heute noch existierenden Oper sowie dem ebenfalls bis heute bestehenden Kaufhaus "Magnus". Und ab den 1880er-Jahren wurde Galizien durch einen Erdöl-Boom von einem wirtschaftlichen Aufschwung erfasst. Aufgrund der reichen galizischen Erdölvorkommen wurde Österreich-Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg nach den USA und Russland sogar zum drittgrößten Erdölproduzenten der Welt.

Mythos Galizien

bis 30. August, Wien Museum Di bis So und Feiertag: 10 bis 18 Uhr www.wienmuseum.at

Galizien. Literarisch gebildete Österreicher denken dabei sofort an jenes ehemalige österreichische Kronland, das vor allem in den Werken von Joseph Roth, aber etwa auch in jenen von Leopold von Sacher-Masoch weiterlebt: Armenhaus der Monarchie, Kerngebiet des Ostjudentums und blutiges Schlachtfeld des Ersten Weltkrieges, auf dem hunderttausende reale Soldaten ebenso wie Roths Leutnant Trotta im "Radetzkymarsch" ihr Leben verloren. Doch das Bild verblasst zunehmend. Heutzutage wird in Österreich mit dem Namen viel öfters die spanische Provinz Galicien in Verbindung gebracht, die durch den Wallfahrtsort Santiago de Compostela, dem Endpunkt des Jakobwegs, populär geworden ist.

Dem verblassenden "Mythos Galizien" versucht das Wien Museum in seiner gleichnamigen aktuellen Ausstellung neues Leben einzuhauchen. Mit gewohnter Akkuratesse bietet das Museum ein umfassendes Panorama der ehemaligen österreichischen Provinz von ihren Anfängen bis zu ihrem Verschwinden und ihrem Nachleben. Galizien und Lodomerien, wie das ethnisch äußerst vielfältige Kronland offiziell hieß, fiel 1772 infolge der Ersten Polnischen Teilung an Österreich und verblieb dort bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918. Heute liegt das Gebiet auf polnischem und ukrainischem Territorium. Das Spannende an der Schau ist, dass sie den Mythos Galizien nicht nur aus österreichischer Perspektive erzählt. Denn Galizien lebt auch im kollektiven Gedächtnis der Juden, Polen und Ukrainer fort - und das weitaus lebendiger als hierzulande.

"Mutter Israels"

In der jüdischen Welt gilt Galizien als "Mutter Israels". Beinahe die Hälfte der galizischen Bevölkerung war jüdisch, die typischen Stetln, in der die Juden unter sich lebten, prägten das Land. Dank des Toleranzpatents von 1781, die den Juden freie Religionsausübung zugestand, konnte sich ein breites Spektrum jüdischer Bewegungen entfalten: vom frommen Chassidismus des 19. Jahrhunderts bis hin zum Zionismus des 20. Jahrhunderts. Im Holocaust wurde diese Welt für immer zerstört, sie lebt aber in der Erinnerung der Nachfahren zahlreicher Auswanderer weiter. Noch heute leben orthodoxe Juden in Israel oder im New Yorker Stadtteil Brooklyn praktisch in galizischen Stetln.

Doch auch für die Polen spielt Galizien eine wichtige Rolle. Nachdem ihr Staat im Zuge der drei Polnischen Teilungen für 120 Jahre von der Landkarte verschwunden war, wurde Krakau zu einem Refugium der polnischen Kultur und Tradition, wodurch Galizien eine Schlüsselrolle für das Wiedererstehen Polens im Jahr 1918 zukam. Im Kalten Krieg wurde Galizien als Symbol der polnischen Identität und Gegenentwurf zur uniformierenden kommunistischen Herrschaft wiederentdeckt.

In der Ukraine wiederum wird Galizien als eine der Wurzeln des ukrainischen Nationalbewusstseins gesehen. Auch den Ukrainern, damals als Ruthenen bezeichnet, wurden unter österreichischer Herrschaft kulturelle Freiräume zugestanden, die dann zur Entwicklung der ukrainischen Nation wesentlich beitrugen. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 sind diese historischen Bezüge Argumente für die Zugehörigkeit des Landes zu Europa und spielen daher auch im aktuellen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland eine nicht unbedeutende Rolle.

Die Ausstellung zeigt jedoch auch unerwartete Aspekte auf. So war Galizien nicht nur rückständige Provinz, sondern beherbergte auch Urbanität und Modernität: die Hauptstadt Lemberg, das heutige Lviv, war nach Wien, Budapest und Prag die viertgrößte Stadt der Donaumonarchie - eine moderne Metropole, mit Kaffeehäusern, Theatern, der heute noch existierenden Oper sowie dem ebenfalls bis heute bestehenden Kaufhaus "Magnus". Und ab den 1880er-Jahren wurde Galizien durch einen Erdöl-Boom von einem wirtschaftlichen Aufschwung erfasst. Aufgrund der reichen galizischen Erdölvorkommen wurde Österreich-Ungarn vor dem Ersten Weltkrieg nach den USA und Russland sogar zum drittgrößten Erdölproduzenten der Welt.

Mythos Galizien

bis 30. August, Wien Museum Di bis So und Feiertag: 10 bis 18 Uhr www.wienmuseum.at