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Reise im Königreich der "sanften Revolution“

Im Schatten des Libyenkrieges schwelt in Marokko der Konflikt zwischen der Bevölkerung und König Mohammed VI. Es geht vor allem um die Befreiung von Korruption und Armut.

Ein geschäftiges Treiben erfüllt die Medina von Tiznit, einer Kleinstadt im Süden Marokkos. Mopeds bahnen sich den Weg durch die engen Gassen, Schreiner zimmern Türverschläge, Händler bieten ihre Waren feil. Metzger Mahmud strahlt. Gut gelaunt steht er da und zeigt auf die riesigen Fleischklumpen, die über der Theke baumeln. "Die Tiere stammen alle aus der Region“, sagt er. Für 70 Dirham, umgerechnet sieben Euro, bekommt man ein Kilo Lamm. Viel Geld für einen Marokkaner. Fleisch gibt es selten.

Die hohen Lebensmittelpreise und Kosten für medizinische Versorgung sorgen für Unmut in der Bevölkerung. Vor der Stadtverwaltung hat sich eine Gruppe Demonstranten versammelt. Etwa 50 Menschen protestieren gegen die Korruption im Gesundheitswesen. Der Wortführer tritt in den Kreis und verliest eine Liste von Forderungen. Dann reckt er die Faust zum Victory-Zeichen - die Menge applaudiert. Ein Mann mit buschigem Schnauzbart und beige farbenem Hemd erklärt die Missstände: "Für eine Geburt muss man 200 Euro Gebühr entrichten und zusätzlich Schmiergeld bezahlen.“ Ohne Bakschisch keine Behandlung. Vor Kurzem erst wollte eine hochschwangere Frau zur Entbindung ins Krankenhaus. Weil der Ehemann das Geld aber nicht aufbringen konnte, musste die Frau das Kind zu Hause gebären. Seitdem ist es behindert. "Die Geburt darf nichts kosten“, fordert der Demonstrant. Er sagt es ohne Verbitterung, aber äußerst bestimmt.

Korrupte Verwaltung

In vielen Teilen des Landes ist die Verwaltung ein korrupter Apparat, der von Machenschaften und Klientelstrukturen durchsetzt ist. Die Aktivisten sind über diese Vetternwirtschaft empört. Trotz aller Wut protestieren sie friedlich. Immer wieder klatschen sie in die Hände und stimmen Sprechchöre an. "Gesundheit ist lebenswichtig“, skandieren sie abwechselnd auf Französisch und Arabisch. "Kommen Sie, machen Sie Fotos“, sagt ein Demonstrant. "Die Welt soll sehen, dass wir den Wandel wollen.“ Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Verwaltung, sondern auch gegen die Regierung. "Wir fordern mehr Mitbestimmung“, sagt ein Mitstreiter, der seinen Namen nicht nennen will. Zu groß ist die Gefahr, dass die Geheimpolizei mithört. Die Angst vor Repressionen begegnet einem allenthalben - auch in den Souks. Einmal fordert mich ein Mann auf, sofort meinen Block wegzulegen. "Was schreiben Sie da?“, fragt er wütend. Alsbald lege ich die Notizen zur Seite und versuche, den Mann zu besänftigen. Ohne Erfolg. Der Händler kehrt zornig in sein Geschäft zurück und wirft mir eine unfreundliche Geste nach. Dann eilt sein Kollege auf mich zu und entschuldigt sich: "Verstehen Sie uns nicht falsch, aber er dachte, Sie wollen ihn aushorchen.“ Das Misstrauen gegenüber Fremden hat sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Die Menschen wirken verunsichert, fast schon eingeschüchtert. Sie wählen ihre Worte mit Bedacht, sind vorsichtig mit der Preisgabe von Informationen. Das strenge Sittenregime hängt wie ein Damoklesschwert über den Dörfern. Dennoch scheuen die Bewohner von Tiznit nicht davor zurück, ihrem Ärger Luft zu machen. Vor dem Eingang der Stadtverwaltung fühlen sie sich sicher. Das Gebäude liegt an einem weitläufigen Platz, interessierte Passanten halten spontan an und lauschen den Ausführungen des Anführers. Polizisten sind nicht in Sicht. Ursprünglich sollte der Demonstrationszug an der Polizeiwache vorbeiführen. Das aber sei zu riskant gewesen, meint ein Mitstreiter. Die Kundgebung hätte womöglich aufgelöst werden können. Kritische Töne sind der Staatsmacht ein Dorn im Auge.

Mit dem 20. Februar haben die Proteste eine neue Qualität erreicht. Der Tag, nach dem sich die Reformbewegung "20 février“ benannt hat, steht für den Aufbruch im Land. Tausende Menschen gingen in Casablanca, Rabat und Marrakesch auf die Straßen. Laut Behörden lag die Zahl bei 37.000 Demonstranten. Inoffizielle Schätzungen gehen vom Zehnfachen aus. Egal, wie hoch die Teilnehmerzahlen ausfielen - die Forderungen waren stets dieselben: mehr Mitsprache für das Parlament, Pressefreiheit, Bekämpfung der Korruption.

Der König reagierte und wandte sich am 9. März mit einer historischen Rede an das Volk. Darin kündigte er Reformen an - eine Kommission soll bis Ende Juni eine Verfassungsrevision vorbereiten. Bis dahin wollen die Demonstranten aber nicht warten. In einer weiteren Großkundgebung am 20. März verliehen sie ihren Forderungen Nachdruck. Seitdem hat sich einiges geändert. Das Wochenmagazin L’Observateur schreibt: "Zwischen dem 20. Februar und 20. März hat Marokko eine sanfte Revolution durchlaufen.“ Doch so sehr die politische Landschaft in Bewegung geraten ist, so festgefahren erscheint die wirtschaftliche Situation. Das Land leidet unter gravierenden strukturellen Defiziten: Fehlende Direktinvestitionen, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und grassierende Vetternwirtschaft behindern die ökonomische Entwicklung. Das Bruttoinlandsprodukt stagniert, die Arbeitslosigkeit steigt. Marokko benötigt wirtschaftliche Reformen. Nach Angaben der Weltbank leben 20 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze von zwei US-Dollar am Tag.

In Agadir, dem Touristenzentrum im Südwesten, ist die Armut mit Händen zu greifen. Kinder in verlumpter Kleidung wischen an einer Kreuzung Windschutzscheiben von Autos und bitten um Geld. Nur wenige Meter von den Bettenhochburgen entfernt, wo wohlhabende Touristen ihren Urlaub verbringen, schuften am Hafen Dutzende Arbeiter. Ein Knochenjob. "Wir stechen nachts um zwei Uhr in See und kommen morgens um zehn in den Hafen zurück“, sagt Hassan, ein Fischer. Und danach ist längst kein Feierabend: Die Fische müssen gewaschen, gepökelt und konserviert werden. Erst dann sind sie exportfertig. Auf dem Weltmarkt erzielt die Fischereigenossenschaft nur wenige Cent pro Kilogramm. Dementsprechend niedrig fällt der Lohn aus. Gerade einmal 100 Dirham verdient ein Fischer am Tag. Für Hassan ist das zu wenig. Er muss drei Kinder ernähren. Das Geld reicht hinten und vorne nicht. Trotzdem hat er seinen Lebensmut bewahrt. "Morgen geht es weiter“, sagt er. Seine Kameraden nicken tapfer.

Der Druck auf den König steigt

Die Hoffnung haben die Menschen nicht verloren. Die Revolutionen in Ägypten und Tunesien machen Mut. Und zeigen: Wandel ist möglich. Auch in Marokko. Also gehen die Leute weiter auf die Straße, um ihre Rechte einzufordern. Der Druck auf König und Regierung nimmt indes zu - das Land steht unter Zugzwang. "Wir sind zum Fortschritt verdammt“, sagt Azeddine Aksebi von Transparency International Marokko.

"Unser Land könnte wirtschaftlich abgehängt werden“, befürchtet auch der PJD-Abgeordnete Khalid El Hariry. Wenn Marokko "das Rendezvous mit der Geschichte“ verpasse, so seine Einschätzung, müsse es sich hinter Ländern wie Tunesien und Ägypten einreihen. Diese seien im Demokratisierungsprozess einen Schritt voraus - und für Investoren umso attraktiver. Die MENA-Staaten stehen in einem Standortwettbewerb. Auch wenn Politiker wie Außenminister Fihri unermüdlich die Modernität Marokkos loben, muss sich das Land weiter öffnen. Allerdings: Einen raschen Wandel wie Tunesien oder Ägypten wird es in Marokko wohl nicht geben. Das Kräfteverhältnis zwischen Regierung, König und Parlament kann nicht ad hoc verändert werden. "Es wird dauern“, glaubt ein Anhänger des "Mouvement 20 février“ aus Tiznit.

Der Mann mit den kurzen schwarzen Haaren und der modischen Sonnenbrille will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. "Schreiben Sie ‚politischer Aktivist‘“, sagt er und zieht an seiner Fortuna-Filter-Zigarette. In perfektem Französisch skizziert er seine politische Motivation: "Wir wollen, dass das Parlament mehr Mitsprache bekommt.“ König Mohammed VI. genieße zwar das Vertrauen des Volkes. Er müsse aber "Wort halten“ und seine Versprechungen einlösen. Ansonsten könnte seine Legitimation schnell schwinden. "Wünschen Sie uns Glück auf unserer Mission“, sagt der Aktivist. Dann verschwindet er im Pulk der Demonstranten und trommelt weiter für seine Forderungen.

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